{"id":3123,"date":"2025-10-12T10:31:34","date_gmt":"2025-10-12T08:31:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.inkultura-online.de\/politisch_unkorrekt\/?p=3123"},"modified":"2025-10-12T10:31:34","modified_gmt":"2025-10-12T08:31:34","slug":"die-bigotterie-des-linken-denkens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.inkultura-online.de\/politisch_unkorrekt\/die-bigotterie-des-linken-denkens\/","title":{"rendered":"Die Bigotterie des linken Denkens"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"western\">Meditation \u00fcber die Bigotterie des linken Denkens<\/h3>\n<p>Der Satz aus Konrad Paul Liessmanns j\u00fcngstem Werk <a href=\"https:\/\/www.inkultura-online.de\/was_nun.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>\u201eWas nun? Eine Philosophie der Krise\u201c<\/i><\/a> , der dieser Meditation als Ausgangspunkt dient, ist von einer provokanten und zugleich tiefgr\u00fcndigen Sch\u00e4rfe: <i>\u201eDie Art, mit der die politische Linke ihre Toleranz gegen\u00fcber dem Islam zur Schau stellt, l\u00e4sst den Verdacht aufkommen, dass hier kaum etwas Problematisches schmerzlich geduldet wird, sondern ein sublimes Einverst\u00e4ndnis mit einer patriarchal-konservativen Lebensform signalisiert wird, der das eigene Unbewusste in einem Ma\u00dfe zustimmt, die das politische \u00dcber-Ich nie zulassen w\u00fcrde.&#8220;<\/i> Diese These fungiert als ein Skalpell, das in das Fleisch eines der zentralen Selbstverst\u00e4ndnisse der politischen Linken schneidet, ihrer progressiven, emanzipatorischen und toleranten Identit\u00e4t. Sie postuliert einen fundamentalen Widerspruch, eine Form der intellektuellen und moralischen Bigotterie, die nicht aus bewusster Heuchelei, sondern aus den Tiefen einer komplexen psychischen und ideologischen Dynamik gespeist wird.<!--more--><\/p>\n<p>Die These ist bemerkenswert, weil sie nicht einfach moralisch anklagt, sondern psychoanalytisch diagnostiziert. Sie unterstellt der politischen Linken nicht blo\u00dfe Doppelmoral, sondern eine Spaltung zwischen bewussten \u00dcberzeugungen und unbewussten W\u00fcnschen. Diese Spaltung ist das Kennzeichen der Bigotterie im eigentlichen Sinne, nicht die bewusste L\u00fcge, sondern die unbewusste Selbstt\u00e4uschung, die es erm\u00f6glicht, zwei widerspr\u00fcchliche Haltungen gleichzeitig einzunehmen, ohne den Widerspruch als solchen zu erkennen oder zu ertragen.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Liberation Sans, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Das Paradox der linken Toleranz<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p>Die politische Linke versteht sich historisch und programmatisch als Vork\u00e4mpferin f\u00fcr die Befreiung von Unterdr\u00fcckung, f\u00fcr die Gleichstellung der Geschlechter, f\u00fcr sexuelle Selbstbestimmung und f\u00fcr die Freiheit des Individuums von religi\u00f6ser Bevormundung. Ihr \u201epolitisches \u00dcber-Ich&#8220;, um die Begrifflichkeit der These aufzugreifen, ist geformt aus den Imperativen des Antifaschismus, Antirassismus, Feminismus und S\u00e4kularismus. Diese Werte sind nicht blo\u00df abstrakte Prinzipien, sondern das Ergebnis jahrhundertelanger K\u00e4mpfe gegen Unterdr\u00fcckung, Patriarchat und religi\u00f6sen Dogmatismus. Sie bilden das moralische R\u00fcckgrat einer Bewegung, die sich als Erbin der Aufkl\u00e4rung versteht.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund erscheint die oft unkritische und zur Schau gestellte Toleranz gegen\u00fcber spezifischen Str\u00f6mungen des Islam, die eben jene Werte fundamental infrage stellen, als ein tiefes Paradox. Es entsteht ein Unbehagen, wenn im Namen der kulturellen Vielfalt und des Antirassismus patriarchale Strukturen, Homophobie oder die Unterdr\u00fcckung von Apostaten nicht nur ignoriert, sondern bisweilen aktiv verteidigt werden. Die zentrale Frage, die sich aufdr\u00e4ngt, ist daher: Handelt es sich bei dieser Haltung um eine m\u00fchsam errungene, schmerzhafte Duldung im Sinne Voltaires, der sagte, er verachte die Meinung des Anderen, w\u00fcrde aber sein Leben daf\u00fcr geben, dass er sie \u00e4u\u00dfern darf? Oder ist es, wie die These suggeriert, eine Form der unbewussten Komplizenschaft, ein \u201esublimes Einverst\u00e4ndnis&#8220; mit dem Verworfenen?<\/p>\n<p>Die Beobachtung ist nicht neu, aber sie wird selten mit der psychoanalytischen Pr\u00e4zision formuliert, die die These auszeichnet. Zahlreiche Kommentatoren haben auf die seltsame Allianz zwischen progressiven Kr\u00e4ften und reaktion\u00e4ren religi\u00f6sen Bewegungen hingewiesen. Der marokkanische Publizist Kacem El Ghazzali, selbst ein s\u00e4kularer Fl\u00fcchtling aus der muslimischen Welt, beschreibt, wie muslimische Islamkritiker, Feministinnen und Ex-Muslime von der Linken systematisch ignoriert oder sogar angefeindet werden, w\u00e4hrend konservative Vertreter als \u201eauthentische&#8220; Stimmen der muslimischen Gemeinschaft hofiert werden. Die Linke, so Ghazzali, habe ein Problem: Ihre Solidarit\u00e4t unterliege einem ideologischen Kalk\u00fcl, das nur jene Minderheiten unterst\u00fctze, die den \u201erichtigen Unterdr\u00fccker&#8220; haben, n\u00e4mlich die politische Rechte oder den westlichen Imperialismus.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Liberation Sans, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Psychoanalytische Anatomie der Bigotterie<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p>Um dieses Paradox zu ergr\u00fcnden, bietet sich die Psychoanalyse als ein wertvolles Instrument an. Die These selbst l\u00e4dt dazu ein, indem sie die Begriffe des \u201eUnbewussten&#8220; und des \u201epolitischen \u00dcber-Ichs&#8220; ins Spiel bringt. Das politische \u00dcber-Ich der Linken repr\u00e4sentiert die internalisierten moralischen und ethischen Standards der progressiven Bewegung. Es ist die innere Stimme, die zur Solidarit\u00e4t mit den Unterdr\u00fcckten, zur Kritik an Machtstrukturen und zur Verteidigung universeller Menschenrechte mahnt. Das \u00dcber-Ich ist, in Freuds Terminologie, die Instanz der Moral, die aus der Verinnerlichung elterlicher und gesellschaftlicher Gebote entsteht. Im politischen Kontext ist es die Summe der normativen Forderungen, die eine Bewegung an sich selbst stellt.<\/p>\n<p>Doch unter dieser bewussten und zur Schau getragenen Oberfl\u00e4che brodelt das Unbewusste, ein Reich verdr\u00e4ngter W\u00fcnsche, \u00c4ngste und Affinit\u00e4ten. Die These legt nahe, dass in diesem Unbewussten eine heimliche Zustimmung zu jenen patriarchal-konservativen Lebensformen existiert, die das \u00dcber-Ich vehement ablehnt. Es k\u00f6nnte eine verdr\u00e4ngte Sehnsucht nach Ordnung, nach klaren Hierarchien, nach einer Welt vor der als anstrengend empfundenen liberalen Ambiguit\u00e4t sein. Die Moderne, mit ihrer Aufl\u00f6sung traditioneller Bindungen, ihrer Pluralit\u00e4t von Lebensentw\u00fcrfen und ihrer permanenten Infragestellung von Autorit\u00e4ten, erzeugt nicht nur Freiheit, sondern auch Angst. Die Angst vor der Freiheit, wie Erich Fromm sie beschrieben hat, kann zu einer Sehnsucht nach Unterwerfung f\u00fchren, nach einer Ordnung, die dem Individuum die Last der Selbstbestimmung abnimmt.<\/p>\n<p>Diese Bigotterie w\u00e4re demnach kein Zeichen moralischer Verkommenheit, sondern das Symptom eines tiefen inneren Konflikts, in dem das Ich versucht, zwischen den rigiden Forderungen des politischen \u00dcber-Ichs und den verp\u00f6nten Regungen des Unbewussten zu vermitteln. Das Ich, die vermittelnde Instanz zwischen Es und \u00dcber-Ich, zwischen Trieb und Moral, findet in der zur Schau gestellten Toleranz einen Kompromiss, der es erlaubt, beide Seiten zu befriedigen, ohne den Konflikt bewusst werden zu lassen. Die Toleranz wird zur Rationalisierung, zum Deckmantel f\u00fcr eine unbewusste Affinit\u00e4t.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Liberation Sans, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Ideologiekritik nach \u017di\u017eek<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p>Der slowenische Philosoph Slavoj \u017di\u017eek hat die psychoanalytische Theorie f\u00fcr die Ideologiekritik fruchtbar gemacht. F\u00fcr \u017di\u017eek ist Ideologie keine blo\u00dfe \u201efalsche&#8220; Vorstellung \u00fcber die Realit\u00e4t, sondern eine unbewusste Fantasie, die unsere soziale Realit\u00e4t selbst strukturiert. Ideologie funktioniert nicht prim\u00e4r auf der Ebene des Wissens, sondern auf der Ebene des Genie\u00dfens. Wir wissen sehr wohl, dass unsere ideologischen \u00dcberzeugungen widerspr\u00fcchlich oder unhaltbar sind, aber wir handeln dennoch so, als ob wir es nicht w\u00fcssten. \u017di\u017eek spricht von der \u201eFormel des Zynismus&#8220;: \u201eSie wissen sehr wohl, was sie tun, aber sie tun es trotzdem.&#8220;<\/p>\n<p>Die zur Schau gestellte Toleranz der Linken k\u00f6nnte in diesem Sinne als eine ideologische Fantasie verstanden werden, die einen tieferen Widerspruch verdeckt. Sie funktioniert als ein Mechanismus, der es dem Subjekt erlaubt, an seinem progressiven Selbstbild festzuhalten, w\u00e4hrend es gleichzeitig unbewusst eine Form von Genuss aus der Beobachtung des \u201eAnderen&#8220; zieht, der jene Dinge auslebt, die sich das linke Subjekt selbst verbietet. Die Toleranz wird zu einem Abwehrmechanismus, der die Konfrontation mit den eigenen, widerspr\u00fcchlichen W\u00fcnschen und der eigenen ideologischen Leere verhindert. Das \u201esublime Einverst\u00e4ndnis&#8220; w\u00e4re dann die Art und Weise, wie das Unbewusste die verbotene patriarchal-konservative Ordnung genie\u00dft, w\u00e4hrend das Bewusstsein sich in der Geste der toleranten \u00dcberlegenheit sonnt.<\/p>\n<p>\u017di\u017eek hat in seinen Arbeiten wiederholt auf die Paradoxien der liberalen Toleranz hingewiesen. In seinem Essay \u201eThe Antinomies of Tolerant Reason&#8220; argumentiert er, dass die westliche Toleranz gegen\u00fcber dem Islam oft auf einer fundamentalen Missachtung beruht. Wir tolerieren den Anderen nicht, weil wir ihn ernst nehmen, sondern weil wir ihn nicht ernst nehmen. Wir gestehen ihm zu, an seinen \u201earchaischen&#8220; \u00dcberzeugungen festzuhalten, weil wir stillschweigend davon ausgehen, dass er ohnehin nicht in der Lage ist, die H\u00f6hen der westlichen Aufkl\u00e4rung zu erreichen. Diese Form der Toleranz ist eine Form der Herablassung, die den Anderen infantilisiert und ihm die F\u00e4higkeit zur Kritik und Selbstkritik abspricht.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Liberation Sans, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Das ideologische Kalk\u00fcl der Solidarit\u00e4t<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p>Die Recherche best\u00e4tigt, was der Publizist Kacem El Ghazzali als \u201eideologisches Kalk\u00fcl&#8220; der Solidarit\u00e4t beschreibt. Eine Minderheit, so seine Beobachtung, erh\u00e4lt nur dann die volle Solidarit\u00e4t der Linken, wenn sie dem Bild des idealen Opfers entspricht, dessen Unterdr\u00fccker klar im gegnerischen politischen Lager, der Rechten, dem Kapitalismus, dem westlichen Imperialismus, verortet werden kann. Dieses Man\u00f6ver erlaubt es, die eigene Position im Kampf \u201eGut gegen B\u00f6se&#8220; zu festigen. Problematisch wird es, wenn die Unterdr\u00fcckung innerhalb der Minderheit selbst stattfindet. Die Stimmen s\u00e4kularer Muslime, von Ex-Muslimen, von feministischen oder LGBTQ-Aktivistinnen aus der muslimischen Welt werden systematisch \u00fcberh\u00f6rt, da sie das einfache Narrativ st\u00f6ren.<\/p>\n<p>Ihre Kritik wird als \u201eislamophob&#8220; oder als \u201eden Rechten in die H\u00e4nde spielend&#8220; delegitimiert. Hier zeigt sich, wie das politische \u00dcber-Ich (Antirassismus) eine andere Forderung des \u00dcber-Ichs (Feminismus, S\u00e4kularismus) aussticht, um einen tieferen, unbewussten Konflikt zu vermeiden. Die Hierarchisierung der Werte ist dabei keineswegs zuf\u00e4llig. Der Antirassismus hat in der postkolonialen Linken eine hegemoniale Stellung erlangt, die es erlaubt, andere Werte zu relativieren oder zu opfern. Dies geschieht nicht aus b\u00f6ser Absicht, sondern aus einer tief verinnerlichten Schuld\u00f6konomie, die jede Kritik an nicht-westlichen Kulturen als potenzielle Wiederholung kolonialer Gewalt erscheinen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Ghazzali berichtet von seiner eigenen Erfahrung, wie er als s\u00e4kularer Islamkritiker von linken Politikern in der Schweiz angegriffen wurde. Eine SP-Regierungsr\u00e4tin bezeichnete seine Arbeit als \u201egegen den Islam wettern&#8220;, ein SP-Vorstandsmitglied erkl\u00e4rte, sie habe das Recht, Ex-Muslime zu \u201everachten&#8220;, weil sie \u201eden Islam in den Dreck ziehen&#8220;. Diese Reaktionen sind aufschlussreich, weil sie zeigen, wie die Linke ihre Solidarit\u00e4t nicht nach dem Ma\u00dfstab der Unterdr\u00fcckung verteilt, sondern nach dem Ma\u00dfstab der ideologischen N\u00fctzlichkeit. Der Ex-Muslim, der die patriarchalen Strukturen des Islam kritisiert, ist kein n\u00fctzlicher Verb\u00fcndeter im Kampf gegen den westlichen Imperialismus. Im Gegenteil, er st\u00f6rt das Narrativ und muss daher zum Schweigen gebracht werden.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Liberation Sans, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Die Romantisierung des Patriarchats<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p>Diese selektive Wahrnehmung wird oft von einer Haltung begleitet, die man als eine Art umgekehrten Orientalismus bezeichnen k\u00f6nnte. W\u00e4hrend der klassische Orientalismus, wie Edward Said ihn beschrieben hat, den \u201eOrient&#8220; als exotisch, aber unterlegen konstruierte, neigt eine bestimmte Form des linken Denkens dazu, das \u201eAndere&#8220; zu romantisieren und zu essentialisieren. In dieser Sichtweise wird die patriarchal-konservative Lebensform nicht als soziales Problem, sondern als Ausdruck einer \u201eauthentischen&#8220;, vor-modernen Kultur verkl\u00e4rt, die es vor dem Zugriff des westlichen Imperialismus zu sch\u00fctzen gilt.<\/p>\n<p>Dieser Kulturrelativismus f\u00fchrt zu einem Verrat an den universellen Werten der Aufkl\u00e4rung. Das Schweigen \u00fcber die Verletzung von Frauenrechten, die Verfolgung von Homosexuellen oder die Bestrafung von Apostasie wird zur Tugend umgedeutet, zur Tugend der kulturellen Sensibilit\u00e4t. In Wahrheit ist es oft nichts anderes als die Projektion eigener, unerf\u00fcllter Sehns\u00fcchte nach Gemeinschaft und Eindeutigkeit auf eine idealisierte, fremde Kultur. Die moderne westliche Gesellschaft, mit ihrer Atomisierung, ihrer Entwurzelung und ihrer permanenten Selbstoptimierung, erzeugt eine Sehnsucht nach Zugeh\u00f6rigkeit und Sinn. Diese Sehnsucht wird auf den \u201eAnderen&#8220; projiziert, der in der Fantasie noch \u00fcber jene gemeinschaftlichen Bindungen verf\u00fcgt, die der Westen verloren hat.<\/p>\n<p>Die Ironie ist, dass diese Romantisierung selbst eine Form des Rassismus ist. Sie verweigert dem Anderen die Anerkennung als gleichberechtigtes, kritikf\u00e4higes Subjekt und reduziert ihn auf die Rolle des exotischen Tr\u00e4gers einer \u201eauthentischen&#8220; Kultur. Die muslimische Frau mit Kopftuch wird zur Ikone der Vielfalt stilisiert, w\u00e4hrend die muslimische Feministin, die gegen den Kopftuchzwang k\u00e4mpft, als \u201everwestlicht&#8220; oder \u201ekolonialisiert&#8220; abgetan wird. Die Linke schafft sich einen \u201eMustermuslim&#8220;, wie Ghazzali es nennt, der den Regeln der Political Correctness entspricht und den friedfertigen Islam beschw\u00f6rt, als ob der politische Islam eine Erfindung w\u00e4re.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Liberation Sans, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Die Angst vor dem eigenen Rassismus<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p>Ein zentraler Motor dieser Dynamik ist, wie Sascha Lobo im Spiegel analysiert, die tief sitzende Angst des linksb\u00fcrgerlichen Milieus, als rassistisch zu gelten. Diese Angst f\u00fchrt zu einer Form der Selbstzensur und intellektuellen L\u00e4hmung. Der Imperativ, \u201eden Rechten kein Futter zu geben&#8220;, wird zu einem \u00fcberm\u00e4chtigen Argument, das jede differenzierte Kritik am politischen Islam im Keim erstickt. Die Verwechslung von Kritik an einer Ideologie (Islamismus) mit der Anfeindung von Menschen (Muslimen) ist dabei ein fataler, aber weit verbreiteter Kurzschluss.<\/p>\n<p>Es entsteht ein moralischer Narzissmus, bei dem die Reinheit der eigenen Haltung und die Vermeidung des Rassismus-Vorwurfs wichtiger werden als die Solidarit\u00e4t mit den tats\u00e4chlichen Opfern islamistischer Ideologie. Das Ergebnis ist ein bewusstes Schweigen gegen\u00fcber einer Form von Menschenfeindlichkeit, um nicht in den Verdacht zu geraten, einer anderen Form Vorschub zu leisten. Lobo vergleicht diese Haltung mit der H\u00e4rte Julius C\u00e4sars gegen\u00fcber seiner Ehefrau: \u201eDie Frau des C\u00e4sars d\u00fcrfe noch nicht einmal in Verdacht geraten.&#8220; Teile des Linksb\u00fcrgertums m\u00f6chten noch nicht einmal in den Verdacht geraten, etwas zu sagen, was von manchen als rassistisch bezeichnet werden k\u00f6nnte, und halten deshalb zum Thema Islamismus lieber die Schnauze.<\/p>\n<p>Diese Angst ist nicht unbegr\u00fcndet. Die Geschichte des Rassismus, des Kolonialismus und des Antisemitismus in Europa hat tiefe Spuren hinterlassen. Die Linke hat sich historisch als Gegenkraft zu diesen \u00dcbeln verstanden, und die Furcht, auf die falsche Seite der Geschichte zu geraten, ist real. Doch die Angst darf nicht zur L\u00e4hmung f\u00fchren. Die Weigerung, zwischen legitimer Kritik und rassistischer Hetze zu unterscheiden, ist selbst eine Form der intellektuellen Kapitulation. Sie bedeutet, dass die Rechten das Monopol auf die Islamkritik erhalten, was wiederum dazu f\u00fchrt, dass jede Islamkritik als rechts codiert wird, ein Teufelskreis, der nur durch den Mut zur Differenzierung durchbrochen werden kann.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Liberation Sans, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Identit\u00e4tspolitik und die Aufl\u00f6sung des Individuums<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p>Ein weiterer Faktor, der zur Bigotterie der Linken beitr\u00e4gt, ist die Dominanz der Identit\u00e4tspolitik. Die Identit\u00e4tspolitik, die urspr\u00fcnglich als Strategie zur Sichtbarmachung marginalisierter Gruppen entwickelt wurde, hat sich in Teilen der Linken zu einer Ideologie verfestigt, die das Kollektiv \u00fcber das Individuum stellt. In dieser Logik wird der Mensch prim\u00e4r als Mitglied einer Gruppe definiert, als Frau, als Person of Color, als Muslim, und nicht als autonomes Individuum mit eigenen \u00dcberzeugungen und Interessen.<\/p>\n<p>Diese Essentialisierung f\u00fchrt zu einer paradoxen Situation: Im Namen der Vielfalt wird die Vielfalt innerhalb der Gruppen geleugnet. Der Muslim, der den Islam kritisiert, der Homosexuelle, der gegen die Homophobie in seiner Gemeinschaft k\u00e4mpft, die Frau, die das Kopftuch ablehnt, sie alle werden als Verr\u00e4ter an ihrer \u201eauthentischen&#8220; Identit\u00e4t betrachtet. Die Linke, die sich historisch als Verteidigerin des Individuums gegen die Zumutungen von Tradition und Autorit\u00e4t verstand, wird so zur Verteidigerin reaktion\u00e4rer Gemeinschaftsstrukturen.<\/p>\n<p>Ghazzali weist darauf hin, dass der Grund f\u00fcr diese Haltung in der sozialistischen Idee selbst liegen mag, die das Kollektiv h\u00f6her wertet als das Individuum und seine freiheitlichen Rechte. Diese Diagnose ist scharf, aber nicht unbegr\u00fcndet. Die Spannung zwischen kollektiver Emanzipation und individueller Freiheit zieht sich durch die gesamte Geschichte der Linken. Doch wenn die Verteidigung des Kollektivs dazu f\u00fchrt, dass die Rechte der Individuen innerhalb des Kollektivs geopfert werden, dann hat die Linke ihre emanzipatorische Mission verraten.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Liberation Sans, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Das Unbewusste begehrt Autorit\u00e4t<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p>Kehren wir zur psychoanalytischen Dimension der These zur\u00fcck. Warum sollte das Unbewusste der Linken einer patriarchal-konservativen Lebensform zustimmen? Eine m\u00f6gliche Antwort liegt in der Ambivalenz der Moderne selbst. Die Moderne verspricht Freiheit, aber sie liefert auch Unsicherheit. Die Aufl\u00f6sung traditioneller Bindungen, die Pluralisierung von Lebensentw\u00fcrfen, die permanente Infragestellung von Autorit\u00e4ten, all dies erzeugt nicht nur Befreiung, sondern auch Angst. Die Angst vor der Freiheit, die Erich Fromm in seiner gleichnamigen Studie beschrieben hat, kann zu einer Sehnsucht nach Unterwerfung f\u00fchren, nach einer Ordnung, die dem Individuum die Last der Selbstbestimmung abnimmt.<\/p>\n<p>Diese Sehnsucht ist nicht auf die politische Rechte beschr\u00e4nkt. Auch im linken Subjekt k\u00f6nnen sich verdr\u00e4ngte W\u00fcnsche nach Autorit\u00e4t, nach klaren Hierarchien, nach einer Welt vor der liberalen Ambiguit\u00e4t regen. Die patriarchal-konservative Lebensform, die das politische \u00dcber-Ich der Linken ablehnt, k\u00f6nnte im Unbewussten als ein Ort der Ordnung und der Gewissheit erscheinen. Der \u201eAndere&#8220;, der noch \u00fcber jene autorit\u00e4ren Strukturen verf\u00fcgt, die der Westen \u00fcberwunden hat, wird zum Objekt einer projektiven Identifikation. Das linke Subjekt projiziert seine eigenen verdr\u00e4ngten W\u00fcnsche auf den Anderen und genie\u00dft stellvertretend, was es sich selbst verbietet.<\/p>\n<p>Diese Dynamik ist nicht neu. Schon Sigmund Freud hat in \u201eDas Unbehagen in der Kultur&#8220; beschrieben, wie die Zivilisation auf der Unterdr\u00fcckung von Trieben beruht und wie diese Unterdr\u00fcckung zu einem permanenten Unbehagen f\u00fchrt. Die moderne, liberale Gesellschaft verlangt vom Individuum ein hohes Ma\u00df an Triebverzicht, Verzicht auf Aggression, auf sexuelle Willk\u00fcr, auf die Befriedigung unmittelbarer Bed\u00fcrfnisse. Dieser Verzicht erzeugt ein Unbehagen, das sich in verschiedenen Formen \u00e4u\u00dfern kann. Eine dieser Formen k\u00f6nnte die unbewusste Affinit\u00e4t zu jenen Kulturen sein, die diesen Verzicht nicht oder in geringerem Ma\u00dfe verlangen.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Liberation Sans, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Das sublime Einverst\u00e4ndnis<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p>Was genau bedeutet \u201esublim&#8220; in diesem Kontext? Das Sublime bezeichnet in der \u00c4sthetik, insbesondere bei Kant und Burke, eine Erfahrung, die \u00fcberw\u00e4ltigend ist und sowohl Lust als auch Schmerz, Anziehung und Absto\u00dfung hervorruft. Das Sublime ist das Erhabene, das die Grenzen unserer Vorstellungskraft \u00fcbersteigt und uns gleichzeitig fasziniert und erschreckt. Das Einverst\u00e4ndnis mit der patriarchal-konservativen Lebensform ist \u201esublim&#8220;, weil es nicht direkt und offen, sondern auf eine verdeckte, fast \u00e4sthetisierte Weise geschieht. Es ist die Faszination des Abgr\u00fcndigen, die Anziehungskraft des Verbotenen, die sich in der Geste der zur Schau gestellten Toleranz tarnt.<\/p>\n<p>Das Unbewusste findet einen Weg, seine verp\u00f6nten W\u00fcnsche nach Autorit\u00e4t und Ordnung zu befriedigen, indem es sie auf den \u201eAnderen&#8220; projiziert und diese Projektion dann unter dem Deckmantel der Toleranz \u201egenie\u00dft&#8220;. Die Toleranz ist hier nicht das Ergebnis eines schmerzhaften Ringens, sondern die elegante L\u00f6sung eines inneren Konflikts, die es erlaubt, sich selbst treu zu bleiben, indem man sich selbst betr\u00fcgt. Das Sublime liegt in der Ambivalenz dieser Geste: Sie ist gleichzeitig Anerkennung und Verleugnung, N\u00e4he und Distanz, Zustimmung und Ablehnung.<\/p>\n<p>Die \u201eZur-Schau-Stellung&#8220; der Toleranz, die die These erw\u00e4hnt, ist dabei von zentraler Bedeutung. Es geht nicht um eine stille, private Duldung, sondern um eine \u00f6ffentliche, performative Geste. Die Toleranz wird inszeniert, sie wird zum Signal der eigenen moralischen \u00dcberlegenheit. Diese Inszenierung ist selbst ein Symptom. Sie verr\u00e4t, dass es hier nicht prim\u00e4r um die Sache geht, um die tats\u00e4chliche Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen,, sondern um die Selbstdarstellung des toleranten Subjekts. Die Toleranz wird zum narzisstischen Spiegel, in dem sich das linke Subjekt seiner eigenen Tugendhaftigkeit versichert.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Liberation Sans, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Vom Schweigen zur Zustimmung<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p>Die Journalistin Erica Zingher hat in der taz darauf hingewiesen, dass aus dem Schweigen der Linken zum Islamismus inzwischen oft aktive Zustimmung geworden ist. Viele Linke sind heute au\u00dferordentlich laut, wenn es um Islamismus geht, sie relativieren oder verharmlosen ihn aktiv. Nach dem genozidalen Massaker vom 7. Oktober 2023 in Israel marschierten Linke bei teils antisemitischen, teils islamistischen Protesten mit. Auf einer Kundgebung der islamistischen Gruppierung Muslim Interaktiv applaudierten Linke und riefen \u201eSiamo tutti antifascisti&#8220;, eine Parole gegen Faschismus unter Anh\u00e4ngern, die sich dem Totalitarismus verschrieben haben.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung ist beunruhigend, weil sie zeigt, dass die Bigotterie nicht mehr nur unbewusst wirkt, sondern sich zunehmend in bewusste politische Positionen \u00fcbersetzt. Die antiimperialistische Linke, f\u00fcr die der Kampf gegen \u201eden Westen&#8220; wichtiger ist als die Verteidigung emanzipatorischer Werte, hat an Einfluss gewonnen. In dieser Logik wird jeder Feind des Westens zum potentiellen Verb\u00fcndeten, unabh\u00e4ngig davon, welche Werte er vertritt. Der Islamismus wird nicht trotz, sondern wegen seiner antiwestlichen Ausrichtung toleriert oder gar unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Zingher weist darauf hin, dass Islamisten selbst den Vorwurf des antimuslimischen Rassismus nutzen, um Kritiker zu diskreditieren. Die Linke, die sich vor diesem Vorwurf f\u00fcrchtet, wird so zum n\u00fctzlichen Idioten einer reaktion\u00e4ren Bewegung. Die Berliner Jusos haben beschlossen, den Begriff \u201eIslamismus&#8220; nicht mehr zu verwenden, weil die \u201ebegriffliche N\u00e4he zum Islam&#8220; problematisch sei. Diese Wortakrobatik ersetzt keine politische Arbeit. Nicht das Wort Islamismus bedroht Muslime, sondern Islamisten selbst. Gerade s\u00e4kulare und liberale Muslime werden von denen angefeindet, die den Islam radikal auslegen, Frauen unterdr\u00fccken, Schwule und Juden hassen.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Liberation Sans, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Wege aus der Bigotterie<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p>Ein Ausweg aus dieser intellektuellen und moralischen Sackgasse kann nur \u00fcber eine radikale Selbstreflexion f\u00fchren. Die politische Linke muss den Mut aufbringen, ihre eigenen unbewussten Motive, ihre \u00c4ngste und ihre verdr\u00e4ngten Sehns\u00fcchte zu analysieren. Dies erfordert eine Bereitschaft zur Psychoanalyse im politischen Sinne, eine Bereitschaft, die eigenen Abwehrmechanismen, Projektionen und Rationalisierungen zu erkennen und zu durcharbeiten. Die Frage muss lauten: Warum f\u00e4llt es uns so schwer, patriarchale Strukturen zu kritisieren, wenn sie im Namen des Islam auftreten? Warum sind wir bereit, Werte zu relativieren, f\u00fcr die wir in anderen Kontexten kompromisslos eintreten?<\/p>\n<p>Die Linke muss zu einem konsequenten Universalismus zur\u00fcckfinden, der die Menschenrechte nicht an den Grenzen von Kulturen oder Religionen relativiert. Universalismus bedeutet nicht, dass alle Kulturen gleich sein m\u00fcssen, sondern dass alle Menschen die gleichen Rechte haben. Es bedeutet, dass die Freiheit der Frau, das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, die Freiheit von und zur Religion nicht verhandelbar sind, unabh\u00e4ngig davon, in welchem kulturellen oder religi\u00f6sen Kontext sie eingefordert werden. Der Kulturrelativismus, der diese Rechte im Namen der kulturellen Vielfalt opfert, ist ein Verrat an der emanzipatorischen Mission der Linken.<\/p>\n<p>Wahre Solidarit\u00e4t gilt nicht abstrakten Kollektiven, sondern den konkreten Individuen in ihrem Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung. Dies erfordert den Mut zur Kritik, auch wenn diese Kritik von der falschen Seite instrumentalisiert werden k\u00f6nnte. Die Angst, \u201eden Rechten Futter zu geben&#8220;, darf nicht zur Selbstzensur f\u00fchren. Im Gegenteil: Wenn die Linke die Islamkritik den Rechten \u00fcberl\u00e4sst, dann gibt sie ihnen nicht nur Futter, sondern das gesamte Terrain. Die L\u00f6sung kann nicht darin bestehen, zu schweigen, sondern darin, eine emanzipatorische, antirassistische Islamkritik zu entwickeln, die sich von der rechten Hetze klar unterscheidet.<\/p>\n<p>Dies erfordert die F\u00e4higkeit, zwischen der Kritik an einer Ideologie und der Hetze gegen Menschen zu unterscheiden. Islamkritik ist nicht Muslimfeindlichkeit. Der Islam als Religion und der Islamismus als politische Ideologie sind nicht dasselbe. Muslime sind keine homogene Masse, sondern Individuen mit unterschiedlichen \u00dcberzeugungen und Interessen. Diese Differenzierungen m\u00f6gen banal klingen, aber sie sind in der politischen Praxis oft verloren gegangen.<\/p>\n<p>Vor allem aber erfordert es die Bereitschaft, die eigene moralische Komfortzone zu verlassen und die schmerzhaften Widerspr\u00fcche der eigenen Position auszuhalten, anstatt sie durch die sublime Geste einer falschen Toleranz zu \u00fcberdecken. Die Linke muss lernen, mit Ambivalenzen zu leben, ohne sie durch ideologische Vereinfachungen aufzul\u00f6sen. Sie muss lernen, dass Toleranz nicht bedeutet, alles zu akzeptieren, sondern das Richtige zu tun, auch wenn es schwierig ist. Sie muss lernen, dass wahre Emanzipation nicht darin besteht, das Andere zu romantisieren, sondern darin, allen Menschen die gleichen Rechte und die gleiche W\u00fcrde zuzugestehen.<\/p>\n<p>Die Bigotterie des linken Denkens ist kein unver\u00e4nderliches Schicksal, sondern ein Symptom, das auf einen tieferen Konflikt verweist. Dieser Konflikt kann nur durch Selbsterkenntnis und durch die Bereitschaft zur Ver\u00e4nderung \u00fcberwunden werden. Die These, mit der diese Meditation begann, ist eine Provokation, aber sie ist auch eine Einladung, eine Einladung zur Reflexion, zur Selbstkritik und zur Erneuerung einer emanzipatorischen Politik, die ihren Namen verdient.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meditation \u00fcber die Bigotterie des linken Denkens Der Satz aus Konrad Paul Liessmanns j\u00fcngstem Werk \u201eWas nun? 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