{"id":3350,"date":"2026-06-29T11:10:50","date_gmt":"2026-06-29T09:10:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.inkultura-online.de\/politisch_unkorrekt\/?p=3350"},"modified":"2026-06-29T11:10:50","modified_gmt":"2026-06-29T09:10:50","slug":"im-gleichschritt-marsch-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.inkultura-online.de\/politisch_unkorrekt\/im-gleichschritt-marsch-2\/","title":{"rendered":"Im Gleichschritt Marsch"},"content":{"rendered":"<h4 class=\"western\">oder die fatale R\u00fcckkehr des Milit\u00e4rischen<\/h4>\n<p>Man kann sie ja verstehen, die Kettenrassler in Uniform. Viele Jahre waren die M\u00e4nner und Frauen in Uniform die Underdogs der Gesellschaft. Mitleidig bel\u00e4chelt von den einen \u2013 \u201ehast wohl nichts richtiges gelernt\u201f \u2013, als M\u00f6rder beschimpft von den anderen, verrichteten die Soldaten ihren Dienst mehr oder weniger unsichtbar in der Gesellschaft.<!--more--><\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich, genauer gesagt seit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine und der aktuellen Kriegsbegeisterung von Politik und ihnen nahestehenden Medien, sind diese Underdogs auf einmal wieder wer.<\/p>\n<p>Die Wunschzettel, die feuchten Tr\u00e4ume von Heer, Marine und Luftwaffe, sind gef\u00fcllt und werden, angefeuert durch das polit-mediale Kartell, wohl auch abgearbeitet werden und in Erf\u00fcllung gehen. Was scheren die Kriegstreiber in allen Lagern da schon chronisch leere Kassen? Nat\u00fcrlich au\u00dfer denen der R\u00fcstungsindustrie, die sich angesichts voller Auftragsb\u00fccher die H\u00e4nde reibt und den Aktion\u00e4ren satte Dividenden verspricht.<\/p>\n<p>Hurra, bald fliegen und fahren wir wieder, nein, nicht nach England, sondern einmal mehr gen Osten, um dem irren Iwan zu zeigen, wo der deutsche Hammer h\u00e4ngt. Wie das schon einmal ausgegangen ist, wissen die Opfer der Bildungskatastrophe anscheinend nicht.<\/p>\n<p>Macht doch nichts, Hauptsache die Ziele sind schon einprogrammiert, die Br\u00fccken und St\u00e4dte ins Visier genommen und dem einheimischen B\u00fcrger, falls der Blitzkrieg etwas l\u00e4nger dauert, das Anlegen von Notfallrationen nahegelegt.<\/p>\n<p>Doch, so fragt sich der aufmerksame Beobachter des politischen Zeitgeists, was k\u00f6nnte wirklich hinter der Kriegsrhetorik stecken, denn es glaubt doch kein seiner Sinne noch m\u00e4chtiger Mensch, da\u00df Russland allen Ernstes einen \u00dcberfall auf einen NATO-Staat im Sinn hat.<\/p>\n<p>Sehen wir uns die Staaten, deren f\u00fchrende Politiker am lautesten mit dem S\u00e4bel rasseln, doch einmal genauer an: Frankreich, Gro\u00dfbritannien und Deutschland.<\/p>\n<p>Allen gemein sind Staatsf\u00fchrer, die mit dem politischen R\u00fccken zur Wand stehen. Gesellschaftliche Verwerfungen, nicht zuletzt einer ungesteuerten Migrationspolitik geschuldet. Wirtschaftliche Stagnation, eine \u00fcberbordende Sozialpolitik, die, im Fall Deutschlands diejenigen belohnt, die ein, sagen wir es charmant, besonderes Verst\u00e4ndnis zu Flei\u00df und geregeltem Leben haben und diejenigen durch immer h\u00f6here Steuern bei gleichzeitigen Leistungsk\u00fcrzungen, z.B. im Gesundheitswesen und der Rentenpolitik, die \u201eden Laden noch am Laufen halten\u201f.<\/p>\n<p>Innenpolitisches Versagen l\u00e4\u00dft sich, und da ist der aufmerksame Beobachter des politischen Zeitgeists sicher, einmal mehr durch das permanente Beschw\u00f6ren einer fiktiven Kriegsgefahr kaschieren. Die Geschichte ist voll solch einer externen Kausalattribution angesichts innenpolitischen Versagens.<\/p>\n<p>Aber, so wiederum der aufmerksame Beobachter des politischen Zeitgeists, vielleicht ist ja genau das das Kalk\u00fcl der Herrschenden: ein Neuanfang nach der Katastrophe. Wie hei\u00dft der doch so sch\u00f6n in der Propaganda einer selbsternannten globalen Elite? Richtig, \u201eThe Great Reset\u201f.<\/p>\n<p>Der Gro\u00dfe Neustart, dieses Schlagwort selbst ist freilich schon Teil jener Dramaturgie, die mehr verschleiert als erhellt, und wer sich seiner allzu gewiss bedient, l\u00e4uft Gefahr, eine komplexe Gemengelage auf eine handliche Formel zu verk\u00fcrzen, hinter der angeblich Strippenzieher stehen, deren Plan l\u00e4ngst feststeht. Redlicher, wenn auch undramatischer, ist vielleicht ein anderer Zugang: nicht die Frage, wer dies plant, sondern die Frage, welchem alten, beinahe physikalisch anmutenden Gesetz politischer Gemeinwesen sich hier gerade wieder Bahn bricht.<\/p>\n<p>Sallust, der vom Verfall der r\u00f6mischen Republik erz\u00e4hlte, kannte f\u00fcr dieses Gesetz einen Namen: metus hostilis, die Furcht vor dem Feind. Solange Karthago existierte, so seine Deutung, hielt die \u00e4u\u00dfere Bedrohung die R\u00f6mer innerlich zusammen; erst mit dessen Zerst\u00f6rung im Jahr 146 vor unserer Zeitrechnung, als kein ernstzunehmender Gegner mehr von au\u00dfen drohte, begannen sie, sich an sich selbst aufzureiben \u2013 B\u00fcrgerkrieg, Vetternwirtschaft, der schleichende Verfall der \u00fcberkommenen Institutionen. Die Furcht vor dem Anderen hatte, so paradox dies klingt, als Klammer einer Gesellschaft gedient, die sich, einmal von ihr befreit, als nicht hinreichend gefestigt erwies, um aus eigener Kraft zusammenzuhalten.<\/p>\n<p>Nun lie\u00dfe sich, zwei Jahrtausende sp\u00e4ter, ein umgekehrtes Gedankenexperiment anstellen: Was, wenn eine Gemeinschaft, der die Klammer der \u00e4u\u00dferen Furcht abhandengekommen ist, sie sich, ohne dass dies eines zentralen Plans bed\u00fcrfte, gewisserma\u00dfen organisch zur\u00fcckholt? Nicht aus der k\u00fchlen Berechnung eines einzelnen Kabinetts, sondern aus dem diffusen, von vielen Akteuren \u2013 Politik, Milit\u00e4r, R\u00fcstungsindustrie, Medien, jeder mit eigenen, durchaus unterschiedlichen Interessen \u2013 gemeinsam erzeugten Bed\u00fcrfnis, der eigenen Gesellschaft wieder ein Au\u00dfen zu verschaffen, an dem sie sich, mangels innerer Koh\u00e4sion, neu ausrichten kann. Das w\u00e4re kein Komplott im engeren, kriminalistischen Sinne, sondern etwas, das sich schwerer fassen, aber kaum leichter ertragen l\u00e4sst: ein Reflex, an dem viele beteiligt sind, ohne dass irgendwer ihn eigentlich steuert, und der gerade deshalb so wirkungsvoll ist, weil er sich jeder Verantwortungszuschreibung entzieht.<\/p>\n<p>Edward Gibbon, dessen Geschichte vom Verfall und Untergang des R\u00f6mischen Reiches weit mehr ist als ein Bericht \u00fcber Schlachten und Kaiser, hat einen verwandten Mechanismus auf einer anderen Ebene beschrieben: den schleichenden Auseinanderfall von B\u00fcrgerschaft und Streitmacht. Solange Rom auf B\u00fcrgersoldaten baute, blieb das Heer ein Spiegel der res publica selbst; je mehr es sich professionalisierte, je mehr S\u00f6ldner, F\u00f6deraten und ferne Grenzv\u00f6lker die Legionen f\u00fcllten, desto mehr wurde die Armee zu einem Akteur eigenen Rechts, loyal nicht mehr der Republik, sondern dem Feldherrn, der sie besoldete. Die Soldaten, einst Tr\u00e4ger und Garanten des Gemeinwesens, wurden zu seinem eigentlichen Souver\u00e4n, dem die zivile Ordnung am Ende nur noch nachtr\u00e4glich zustimmen durfte.<\/p>\n<p>Man sollte diese Parallele nicht \u00fcberreizen. Das Verh\u00e4ltnis von Bundeswehr und Parlament unterliegt engen verfassungsrechtlichen Vorgaben, der Parlamentsvorbehalt ist, anders als mancher Generalstab anderswo es sich w\u00fcnschen mag, kein blo\u00dfes Lippenbekenntnis. Doch dass sich die alte Idee des Staatsb\u00fcrgers in Uniform, wie sie Wolf Graf von Baudissin der jungen Bundeswehr einst als Leitbild mitgab \u2013 der Soldat als integraler, demokratisch eingebundener Teil der Gesellschaft, kein abgesonderter Stand \u2013, seit der Aussetzung der Wehrpflicht in einer veritablen Schieflage befindet, ist schwer zu bestreiten. Eine Armee, die ihre Mitglieder nicht mehr aus der Mitte der Gesellschaft rekrutiert, sondern aus einem zunehmend kleinen, sich selbst reproduzierenden Berufsstand, wird zwangsl\u00e4ufig zu etwas Eigenem, dem B\u00fcrger Fremdem. Und genau jene Fremdheit, jahrzehntelang von Milit\u00e4rsoziologen beklagt, wird nun, da sie sich ohnehin nicht mehr beheben l\u00e4sst, kurzerhand zur Tugend umgedeutet: Wer fern und unbekannt ist, l\u00e4sst sich umso leichter heroisieren, weil ihm niemand mehr im Alltag widerspricht.<\/p>\n<p>Wer nach historischen Geschwistern dieses Musters sucht, muss nicht bis in die Antike zur\u00fcckgehen. Die Historiker, die sich seit den sechziger Jahren mit dem deutschen Kaiserreich besch\u00e4ftigt haben, pr\u00e4gten daf\u00fcr den Begriff des Sozialimperialismus: die These, dass die wilhelminische F\u00fchrung, konfrontiert mit einer immer selbstbewussteren Arbeiterbewegung, einer im Reichstag erstarkenden Sozialdemokratie und einer Gesellschaft, die sich entlang von Klasse und Konfession zu zerlegen drohte, in der Flottenr\u00fcstung und der weltpolitischen Geste ein Mittel sah, divergierende Interessen unter dem Dach nationaler Gr\u00f6\u00dfe zu versammeln. Man muss diese These nicht in jedem Detail teilen, um ihren Kern f\u00fcr plausibel zu halten: Au\u00dfenpolitische Spannung kann innenpolitisch entlastend wirken, weil sie Fragen, die sich anders kaum beantworten lassen \u2013 Verteilung, Teilhabe, soziale Gerechtigkeit \u2013, zumindest vor\u00fcbergehend von der Tagesordnung verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Der August 1914, jenes vielbeschworene Augusterlebnis, in dem sich, glaubt man der zeitgen\u00f6ssischen Selbstbeschreibung, ein zerstrittenes Volk pl\u00f6tzlich einig unter den Fahnen fand, war die Klimax dieser Logik und zugleich ihre Widerlegung, denn die Einheit w\u00e4hrte nicht lange, und die sozialen Fragen, die der Krieg hatte \u00fcbert\u00f6nen sollen, kehrten versch\u00e4rft zur\u00fcck, sobald die ersten Telegramme von der Front eintrafen. Es steht jeder denkenden Person frei, aus diesem Befund die Lehre zu ziehen, dass eine Gesellschaft, die ihre inneren Konflikte nicht l\u00f6st, sondern nur \u00fcberdeckt, am Ende beides verliert: den Frieden im Innern wie im \u00c4u\u00dferen.<\/p>\n<p>Was an der gegenw\u00e4rtigen Rhetorik auff\u00e4llt, ist weniger ihre Neuheit als ihre Geschwindigkeit. Innerhalb weniger Jahre hat sich ein Vokabular etabliert, das jeden Einwand gegen massive R\u00fcstungsausgaben in die N\u00e4he der Beschwichtigung, wenn nicht der Kollaboration r\u00fcckt; das aus der berechtigten Sorge um die Sicherheit der \u00f6stlichen NATO-Mitglieder beinahe zwangsl\u00e4ufig die Forderung nach Wehrhaftigkeit als gesamtgesellschaftlicher Tugend ableitet, der sich zu entziehen verd\u00e4chtig erscheint. Diese moralische Aufladung \u2013 hier die Verteidiger der Freiheit, dort, mehr oder minder explizit, ihre Ver\u00e4chter \u2013 verk\u00fcrzt naturgem\u00e4\u00df den Raum des Sagbaren. Wer fragt, ob die geplanten Summen in einem vern\u00fcnftigen Verh\u00e4ltnis zu anderen, ebenso dringlichen Aufgaben stehen, l\u00e4uft Gefahr, nicht als Diskussionspartner, sondern als Sicherheitsrisiko wahrgenommen zu werden.<\/p>\n<p>Dass die meinungsf\u00fchrenden Medien sich an dieser Verengung in erheblichem Ma\u00dfe beteiligen, muss nicht zwingend Ausdruck gesteuerter Propaganda sein, wie es mancher Kritiker rasch unterstellt; es gen\u00fcgt vollauf, an die gew\u00f6hnlichen Mechanismen redaktioneller N\u00e4he zu denken \u2013 an Hintergrundgespr\u00e4che mit Ministerien, an die schiere Bequemlichkeit, sich auf offizielle Lagebeurteilungen zu verlassen, an die Sogwirkung, die von Dringlichkeit und Drama auf Auflage und Klickzahlen ausgeht. Das Ergebnis unterscheidet sich von bewusster Lenkung am Ende kaum, auch wenn der Weg dorthin ein anderer, banalerer ist \u2013 was die Sache nicht beruhigender, sondern wom\u00f6glich nur trostloser macht.<\/p>\n<p>Dass ausgerechnet ein F\u00fcnf-Sterne-General, der sp\u00e4tere amerikanische Pr\u00e4sident Dwight D. Eisenhower, in seiner Abschiedsrede von 1961 vor jener Verflechtung warnte, die er den milit\u00e4risch-industriellen Komplex nannte, gibt dieser Warnung bis heute ein eigenes Gewicht. Sie kam nicht von einem Pazifisten, dem man Naivit\u00e4t h\u00e4tte vorwerfen k\u00f6nnen, sondern von einem Mann, der das System, vor dem er warnte, von innen kannte. Sechzig Jahre sp\u00e4ter l\u00e4sst sich beobachten, wie genau jene Verflechtung sich heute in Europa wiederholt: R\u00fcstungsunternehmen, deren Aktienkurse mit jeder neuen Eskalationsstufe steigen, Lobbyverb\u00e4nde, die in denselben Hauptst\u00e4dten ein- und ausgehen wie zuvor schon andere Branchen in anderen Krisen, politische Karrieren, die sich nahtlos zwischen Verteidigungsministerium und Aufsichtsrat eines R\u00fcstungskonzerns fortsetzen. All dies zu konstatieren ist keine Verschw\u00f6rungstheorie, sondern schlichte, \u00f6ffentlich nachpr\u00fcfbare Personalbiographie, die freilich kaum jemand zusammenh\u00e4ngend erz\u00e4hlen mag.<\/p>\n<p>Und doch w\u00e4re es zu einfach, die ganze Erkl\u00e4rung bei den eben Genannten zu suchen, als handle es sich um eine reine Inszenierung f\u00fcr ein passives, get\u00e4uschtes Publikum. Es gibt, das soll nicht verschwiegen werden, in Teilen der Gesellschaft eine durchaus eigenst\u00e4ndige Sehnsucht nach jener Klarheit, die das Vokabular des Krieges verspricht: nach eindeutigen Frontlinien in einer Zeit, die sich sonst durch nichts so sehr auszeichnet wie durch Un\u00fcbersichtlichkeit; nach einem Narrativ von Opfer und Aufopferung in einer individualisierten, vom eigenen Anspruch auf Selbstverwirklichung oft \u00fcberforderten Gesellschaft; nach einer Gemeinschaft, die im gemeinsamen Feindbild findet, was ihr im gemeinsamen Alltag abhandengekommen ist. Diese Sehnsucht macht die Kritik schwieriger, nicht leichter, denn sie l\u00e4sst sich nicht einfach den Herrschenden anlasten, von denen eingangs die Rede war, sondern verweist auf eine tiefere, kulturelle Ersch\u00f6pfung, die nach Erl\u00f6sung sucht und sie, mangels besserer Angebote, im alten Vokabular von Nation und Wehrhaftigkeit findet.<\/p>\n<p>Bezeichnend ist dabei, dass die drei im urspr\u00fcnglichen Text genannten Staaten \u2013 Frankreich, Gro\u00dfbritannien, Deutschland \u2013 ihre Wehrhaftigkeitsrhetorik aus durchaus unterschiedlichen M\u00e4ngellagen beziehen. Frankreich, das sich seit jeher als F\u00fchrungsmacht eines kontinentalen Europas versteht, sucht in der nuklearen Schutzmachtrolle eine Kompensation f\u00fcr einen innenpolitisch zunehmend unregierbaren Staat, dessen Haushaltsdisziplin von den eigenen europ\u00e4ischen Partnern regelm\u00e4\u00dfig angemahnt wird. Gro\u00dfbritannien, seit dem Austritt aus der Europ\u00e4ischen Union auf der Suche nach einer neuen weltpolitischen Erz\u00e4hlung, findet in der Rolle des transatlantischen Vorreiters gegen Moskau eine Bedeutung zur\u00fcck, die ihm der Brexit zuvor eher genommen als gegeben hatte. Deutschland schlie\u00dflich, traditionell zur\u00fcckhaltend in milit\u00e4rischen Fragen, entdeckt in der sogenannten Zeitenwende ein Vokabular, mit dem sich endlich wieder \u00fcber etwas anderes als die eigene wirtschaftliche und soziale Ersch\u00f6pfung sprechen l\u00e4sst. Drei verschiedene Krisen, eine gemeinsame rhetorische L\u00f6sung \u2013 das allein sollte misstrauisch machen gegen\u00fcber jeder Erz\u00e4hlung, die das gegenw\u00e4rtige Wettr\u00fcsten allein aus der Bedrohung durch Moskau erkl\u00e4ren will.<\/p>\n<p>Wer Gibbon liest, liest, wie seit langem bekannt ist, stets auch \u00fcber die eigene Gegenwart \u2013 das hat seinen Lesern seit dem achtzehnten Jahrhundert eine eigent\u00fcmliche Beunruhigung beschert, denn sein Rom verf\u00e4llt nicht durch eine einzelne Katastrophe, sondern durch tausend kleine Anpassungen, von denen jede f\u00fcr sich genommen vern\u00fcnftig, ja unausweichlich erscheint. Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe des Themas, das diesen Text zu seinem Ausgangspunkt machte: nicht die Frage, ob Russland tats\u00e4chlich einen Angriff auf das Baltikum plant \u2013 eine Frage, die sich seri\u00f6s ohnehin nicht mit der Gewissheit beantworten l\u00e4sst, mit der sie derzeit verhandelt wird \u2013, sondern die Frage, was es \u00fcber eine Gesellschaft aussagt, dass sie sich offenbar leichter auf einen \u00e4u\u00dferen Feind verst\u00e4ndigen kann als auf eine gemeinsame Antwort auf jene Probleme, die ihren inneren Zusammenhalt tats\u00e4chlich bedrohen: Wohnungsnot, marode Infrastruktur, ein Bildungssystem, das seinem eigenen Namen Hohn spricht, eine demographische Schieflage, vor der jede Verteidigungsministerin und jeder Verteidigungsminister verstummt.<\/p>\n<p>Die Kettenrassler von einst marschieren also wieder, begleitet diesmal nicht von Spott, sondern von Blaskapellen der \u00f6ffentlichen Meinung, und es w\u00e4re vermessen, ihnen als Einzelnen B\u00f6ses zu unterstellen \u2013 die meisten von ihnen tun, was Soldaten seit jeher tun, n\u00e4mlich ihren Dienst, ohne sich allzu viele Gedanken \u00fcber die politische Dramaturgie zu machen, in die sie hineingestellt werden. Beunruhigend ist nicht der einzelne Gleichschritt, sondern die Leichtigkeit, mit der eine ganze Gesellschaft, die sich Jahrzehnte ihrer zivilen N\u00fcchternheit r\u00fchmte, ihn wieder als Selbstverst\u00e4ndlichkeit hinnimmt, mit der aus der berechtigten Sorge um Verteidigungsf\u00e4higkeit eine fast euphorische Aufr\u00fcstungsrhetorik geworden ist, in der Zweifel, Innehalten, das leise Nachfragen nach Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit kaum noch Platz finden.<\/p>\n<p>Ob sich das, was sich da zusammenbraut, am Ende als n\u00fcchterne Vorsorge oder als selbsterf\u00fclltes Theater erweisen wird, mit dem eine ersch\u00f6pfte politische Klasse sich selbst eine zweite Geschichte verschafft, l\u00e4sst sich heute nicht entscheiden, und jeder, der hier vorschnelle Gewissheit verkauft, sollte mit Misstrauen bedacht werden, gleich aus welcher Richtung er sie anbietet. Sicher ist nur, dass Geschichte, wenn sie sich wiederholt, selten als Farce beginnt \u2013 das, f\u00fcrchtet der aufmerksame Beobachter des politischen Zeitgeists, kommt meist erst hinterher.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>oder die fatale R\u00fcckkehr des Milit\u00e4rischen Man kann sie ja verstehen, die Kettenrassler in Uniform. Viele Jahre waren die M\u00e4nner und Frauen in Uniform die Underdogs der Gesellschaft. 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