{"id":3392,"date":"2026-10-11T09:19:47","date_gmt":"2026-10-11T07:19:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.inkultura-online.de\/politisch_unkorrekt\/?p=3392"},"modified":"2026-10-11T09:19:47","modified_gmt":"2026-10-11T07:19:47","slug":"die-sache-mit-dem-glueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.inkultura-online.de\/politisch_unkorrekt\/die-sache-mit-dem-glueck\/","title":{"rendered":"Die Sache mit dem Gl\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>Die St\u00fchle stehen noch um den Tisch, leicht schief, als h\u00e4tten sie den Abend nicht ganz loslassen wollen. Auf einer Sitzfl\u00e4che liegt eine vergessene Serviette, auf einer anderen der Abdruck eines Mantels. Die Gl\u00e4ser sind leer, die Kerzen weit heruntergebrannt. Vor wenigen Minuten haben Menschen hier gelacht, einander ins Wort gefallen, sich \u00fcber einen alten Film gestritten und bei der Verabschiedung versprochen, das bald zu wiederholen. Nun ist die Wohnung still. Man h\u00f6rt die Heizung, ein Auto in der nassen Stra\u00dfe, vielleicht noch das Echo einer Stimme, die eben durch den Flur ging.<!--more--><\/p>\n<p>In solchen Augenblicken \u00fcberkommt mich nicht nur Zufriedenheit. Sie ist da, gewiss. Der Abend war gelungen, die Menschen waren mir nahe, nichts musste gerettet oder erkl\u00e4rt werden. Aber mit der Zufriedenheit meldet sich auch eine kleine Unruhe. Fast so, als h\u00e4tte ich etwas Wertvolles in H\u00e4nden und m\u00fcsste nun besonders vorsichtig sein. War es wirklich so sch\u00f6n? Wird etwas davon morgen noch da sein? Und was genau ist es in mir, das sich \u00fcber diese leeren St\u00fchle freut und zugleich davor zur\u00fcckschreckt, die Freude einfach gelten zu lassen?<\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass Menschen im gew\u00f6hnlichen Sinn Angst davor haben, gl\u00fccklich zu sein. Wer w\u00fcrde sich bewusst gegen Erleichterung, N\u00e4he oder einen Nachmittag ohne bedr\u00e4ngende Gedanken entscheiden? Und dennoch verhalten wir uns oft, als sei Gl\u00fcck ein Gast, den man nur kurz an die T\u00fcr l\u00e4sst, ehe er zu viele Anspr\u00fcche stellt. Wir kleinreden einen Erfolg, bevor es die anderen tun. Wir suchen nach dem Haken in einer guten Nachricht. Wir werden k\u00fchl in dem Augenblick, in dem ein anderer Mensch uns wirklich nahekommt. Vielleicht ist nicht das Gl\u00fcck das Bedrohliche. Bedrohlich ist, dass es uns ohne R\u00fcstung antrifft.<\/p>\n<p>Der Abschied macht diese Sache sichtbar. W\u00e4hrend die G\u00e4ste noch da sind, hat das Ich eine einfache Aufgabe: zuh\u00f6ren, antworten, nachschenken, lachen. Es ist in Bewegung und braucht sich nicht zu befragen. Doch dann f\u00e4llt die Wohnungst\u00fcr ins Schloss. Die Ger\u00e4usche der anderen verschwinden im Treppenhaus. Ich bleibe zur\u00fcck mit dem Raum, den sie hinterlassen haben, und pl\u00f6tzlich scheint mein Ich nicht mehr dort zu sein, wo ich es vermutet hatte. Es sitzt nicht unverr\u00fcckbar hinter der Stirn. Es h\u00e4ngt an den leeren St\u00fchlen, an den Spuren auf dem Tisch, an der Erinnerung an einen Blick, der mich ber\u00fchrt hat. Im Abschied zerstreut es sich f\u00fcr einen Moment.<\/p>\n<p>Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum Abschiede so seltsam sind. Auch ein gelungener Abend endet mit einem kleinen Verlust. Die Gegenwart, in der alle gleichzeitig da waren, ist nicht wiederherstellbar. Man kann die G\u00e4ste erneut einladen, man kann denselben Wein kaufen, man kann \u00fcber dieselben Geschichten noch einmal sprechen. Aber genau jene Konstellation, jene Stunde, ist vorbei. Wer das Gl\u00fcck sp\u00fcrt, sp\u00fcrt oft auch seine Verg\u00e4nglichkeit. Nicht als philosophischen Satz, sondern im K\u00f6rper: als ein leichtes Ziehen in der Brust, als das Bed\u00fcrfnis, noch nicht aufzur\u00e4umen, als den Wunsch, dass die T\u00fcr noch einmal aufgeht.<\/p>\n<p>Die Frage wird noch merkw\u00fcrdiger, sobald ich frage, wer in mir eigentlich gl\u00fccklich werden soll. Im Alltag ist das Ich eine praktische Abk\u00fcrzung. Ich habe Hunger. Ich will nach Hause. Ich erinnere mich. Es klingt, als spreche immer dieselbe Person aus einem festen Mittelpunkt heraus. Aber wer sich selbst aufmerksam genug beobachtet, merkt bald, wie wenig geschlossen dieses Ich ist. Der Mensch, der morgens aufsteht, um p\u00fcnktlich zur Arbeit zu gehen, ist nicht ganz derselbe, der sp\u00e4tabends alte Nachrichten liest und sich \u00fcber einen Satz gr\u00e4mt, der vor zehn Jahren gefallen ist. Derjenige, der sich nach Liebe sehnt, kann sich erschrecken, wenn Liebe tats\u00e4chlich vor ihm sitzt. Und der Teil, der sich nach Ruhe sehnt, erfindet oft im n\u00e4chsten Moment Gr\u00fcnde, warum Ruhe gef\u00e4hrlich oder unverdient sei.<\/p>\n<p>Wo w\u00e4re dieses Ich also zu finden? Im Kopf, weil dort Gedanken auftauchen? Im K\u00f6rper, der schneller atmet, wenn eine T\u00fcr zuf\u00e4llt, und sich entspannt, wenn jemand die eigene Hand h\u00e4lt? In der Erinnerung vielleicht, in all den Szenen, die wir wieder und wieder erz\u00e4hlen, bis sie nicht nur vergangen, sondern zu unserem Charakter geworden sind? Ich habe den Verdacht, dass das Ich nicht an einem Ort wohnt. Es zieht um. Es sitzt einmal in der Narbe einer Kr\u00e4nkung, einmal im Blick einer Mutter, einmal in dem Bild, das wir von unserem k\u00fcnftigen Leben entwerfen. Am Abend nach dem Besuch sitzt es vielleicht auch in den leeren St\u00fchlen. Das ist keine besonders tr\u00f6stliche Vorstellung. Man h\u00e4tte gern einen festen Bewohner vorgefunden, einen inneren Hausherrn, der Auskunft gibt. Stattdessen trifft man auf Stimmen, die einander unterbrechen.<\/p>\n<p>Eine dieser Stimmen stammt fast immer aus der Vergangenheit. Sie sagt: Sei vorsichtig. Freu dich nicht zu fr\u00fch. Du kennst den Verlauf doch. Vielleicht hat sie recht. Wer als Kind nach jedem sch\u00f6nen Tag erlebt hat, dass zu Hause wieder die Spannung auf ihn wartete, lernt etwas sehr Handfestes: Freude ist kein verl\u00e4ssliches Wetter. Sie kann umschlagen. Wer erst gelobt und sp\u00e4ter besch\u00e4mt wurde, h\u00e4lt Lob wom\u00f6glich f\u00fcr den Auftakt einer Dem\u00fctigung. Solche Erfahrungen verschwinden nicht, nur weil man erwachsen wird und mit vern\u00fcnftigen S\u00e4tzen erkl\u00e4ren kann, dass die Gegenwart nicht die Vergangenheit ist. Der K\u00f6rper l\u00e4sst sich schlecht \u00fcberzeugen. Er erinnert sich auf seine eigene, wortlose Art.<\/p>\n<p>Dann ist da ein anderes Ich, eines aus der Zukunft. Es hat einen Kalender in der Hand und eine merkw\u00fcrdig schlechte Laune. Wenn ich gerade zufrieden bin, fragt es, was daraus werden soll. Wird diese Beziehung halten? Reicht dieses Einkommen in f\u00fcnf Jahren? Sollte ich nicht l\u00e4ngst weiter sein? Es ist ein unerm\u00fcdlicher Buchhalter, der selbst aus einem guten Augenblick eine Bilanz macht. Man kann ihm nicht vorwerfen, dass er vorsorgen will. Ohne diesen Blick in die Zukunft w\u00fcrde niemand einen Vertrag lesen, Geld zur\u00fccklegen oder einen Arzttermin vereinbaren. Nur wird die Vorsorge unerquicklich, wenn sie jeden gegenw\u00e4rtigen Moment wie einen unzureichenden Entwurf behandelt. Dann steht man an einem warmen Juninachmittag im Park und denkt nicht: Wie gut, dass ich hier bin. Man denkt: Ich m\u00fcsste diesen Moment besser nutzen.<\/p>\n<p>Zwischen dem erinnernden und dem vorausrechnenden Ich bleibt das gegenw\u00e4rtige Ich erstaunlich oft allein zur\u00fcck. Es m\u00f6chte vielleicht nichts Weltbewegendes. Ein Gespr\u00e4ch, in dem es nicht kl\u00fcger wirken muss, als es ist. Einen Beruf, der nicht t\u00e4glich die eigene W\u00fcrde untergr\u00e4bt. Einen Menschen, bei dem Schweigen nicht peinlich wird. Aber selbst dieses bescheidene Gl\u00fcck kann sich fremd anf\u00fchlen. Es passt nicht immer zu der Rolle, die wir uns \u00fcber Jahre gebaut haben.<\/p>\n<p>Ich kenne Menschen, die sich mit gro\u00dfer Genauigkeit als Ungl\u00fcckliche beschreiben k\u00f6nnen. Sie wissen, an welchen Beziehungen sie gescheitert sind, welche T\u00fcren ihnen verschlossen blieben, welcher Kollege damals bevorzugt wurde. Manchmal h\u00f6re ich ihnen zu und merke, dass diese Erz\u00e4hlung ihnen nicht nur Schmerz zuf\u00fcgt. Sie gibt ihnen auch Form. Wer ich bin, scheint dann untrennbar daran zu h\u00e4ngen, was mir versagt wurde. Man darf das nicht vorschnell als Selbstmitleid abtun. Manche Verletzungen sind wirklich einschneidend, manche Ungerechtigkeiten werfen lange Schatten. Doch irgendwann stellt sich eine h\u00e4rtere Frage: Was geschieht, wenn sich die Verh\u00e4ltnisse bessern, die Geschichte aber ihre alte Besetzung behalten soll?<\/p>\n<p>Ein Mann, der sich jahrzehntelang als Au\u00dfenseiter erlebt hat, kann Zugeh\u00f6rigkeit beinahe als Zumutung empfinden. Er wartet am Rand des Raumes auf die vertraute Best\u00e4tigung, nicht dazuzugeh\u00f6ren. Wird er dann eingeladen, bleibt ein Teil von ihm misstrauisch. Vielleicht ist die Einladung nur H\u00f6flichkeit. Vielleicht wird er gleich entlarvt. Vielleicht hat man sich geirrt. Die Aufnahme in die Gemeinschaft w\u00e4re nicht blo\u00df angenehm; sie w\u00fcrde die Erz\u00e4hlung ver\u00e4ndern, die er \u00fcber sich selbst kennt. Wer w\u00e4re er ohne die Rolle des \u00dcbersehenen? Das ist keine Frage, auf die Stolz oder Vernunft rasch antworten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit der Liebe. Wir sagen gern, Menschen h\u00e4tten Angst vor Bindung, als w\u00e4re Bindung ein enger Mantel, den man aus modischem Widerwillen nicht anziehen m\u00f6chte. Aber was f\u00fcrchten wir wirklich? Vielleicht nicht die N\u00e4he, sondern das Ende der alten Selbstbeschreibung. Wer immer der Unabh\u00e4ngige war, muss in einer verl\u00e4sslichen Beziehung zulassen, gebraucht zu werden. Wer sich als der Schwierige verstanden hat, muss ertragen, dass ihm Z\u00e4rtlichkeit ohne Gegenleistung angeboten wird. Und wer lange \u00fcberzeugt war, nicht liebenswert zu sein, steht vor einer fast peinlichen Aufgabe: dem anderen zu glauben. Das kann schwerer sein, als weiter an der alten Wunde zu r\u00fchren.<\/p>\n<p>Gl\u00fcck verlangt daher manchmal weniger Mut zum Risiko als Mut zur Korrektur. Es fordert uns auf, ein Urteil \u00fcber uns selbst zur\u00fcckzunehmen. Das ist unerquicklich, weil wir an unseren Urteilen h\u00e4ngen, selbst an den grausamen. \u201eIch bin eben nicht jemand, dem so etwas gelingt.\u201c \u201eBei mir h\u00e4lt nichts.\u201c \u201eIch darf mich nicht zu fr\u00fch freuen.\u201c Solche S\u00e4tze sind d\u00fcster, aber sie ordnen die Welt. Sie bewahren uns vor \u00dcberraschungen. Wenn die schlechte Nachricht ohnehin erwartet wurde, kann sie uns weniger besch\u00e4men. Vielleicht liegt darin die Verlockung des Pessimismus: Er gibt sich als Realismus aus und erspart dem Ich, sich ver\u00e4ndern zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ich will das nicht moralisch gegen Vorsicht ausspielen. Es gibt gute Gr\u00fcnde, sich nicht jeder Verhei\u00dfung hinzugeben. Wer eine Krankheit erlebt hat, wei\u00df, dass der K\u00f6rper nicht durch blo\u00dfe Zuversicht gesch\u00fctzt wird. Wer in wirtschaftlicher Unsicherheit lebt, kann nicht so tun, als sei Gelassenheit nur eine Frage der Haltung. Und wer Gewalt, Armut oder Verachtung erfahren hat, braucht keinen Essayisten, der ihm erkl\u00e4rt, er m\u00fcsse sich blo\u00df \u00f6ffnen. Gl\u00fcck ist keine private Pflicht. Es h\u00e4ngt auch an Wohnungen, die bezahlbar sind, an Zeit, die nicht vollst\u00e4ndig verkauft werden muss, an Beziehungen ohne Angst, an einer Gesellschaft, die Menschen nicht dauernd gegeneinander ausspielt.<\/p>\n<p>Trotzdem bleibt der kleine innere Widerstand bestehen, auch dort, wo die \u00e4u\u00dferen Bedingungen gut sind. Vielleicht wird er sogar deutlicher sichtbar. In einer Kultur, die uns unabl\u00e4ssig zum Optimieren anh\u00e4lt, wirkt Zufriedenheit beinahe verd\u00e4chtig. Wer zufrieden ist, k\u00f6nnte stehen bleiben. Wer sich freut, k\u00f6nnte \u00fcbersehen, was noch fehlt. Das Leben wird leicht zu einem Projekt, dessen Leiter st\u00e4ndig umgestellt wird. Nach der Wohnung kommt die Einrichtung, nach der Bef\u00f6rderung die n\u00e4chste Stufe, nach der Reise die Sorge, ob sie gen\u00fcgend erinnerungsw\u00fcrdig war. Selbst der Urlaub verwandelt sich unter den Blicken der anderen in einen Beweis, dass man sein Leben richtig f\u00fchrt. Es ist nicht leicht, in einem solchen Klima einfach zu sagen: Das gen\u00fcgt mir f\u00fcr heute.<\/p>\n<p>Auch Ironie spielt eine Rolle. Sie sch\u00fctzt vor dem Kitsch, und das ist nicht wenig. Niemand m\u00f6chte in einer Welt leben, in der jedes Abendlicht sofort zur Offenbarung erkl\u00e4rt wird. Aber Ironie kann zur Gewohnheit werden, mit der wir alles entsch\u00e4rfen, was uns erreichen k\u00f6nnte. Man macht einen Witz \u00fcber das sch\u00f6ne Geschenk, \u00fcber die gelungene Rede, \u00fcber die eigene R\u00fchrung. Das Lachen ist echt, doch es deckt etwas zu. Ich erkenne diese Bewegung bei mir, gerade in Momenten, die mir viel bedeuten. Ein Scherz schafft Abstand. Er sagt: Keine Sorge, ich nehme das alles nicht so ernst. Was er oft wirklich sagt, lautet: Bitte merkt nicht, wie sehr es mich trifft.<\/p>\n<p>Vielleicht muss man die Frage nach dem Ort des Ichs deshalb anders stellen. Nicht: Wo sitzt das wahre Ich, das endlich sein Gl\u00fcck verwalten k\u00f6nnte? Sondern: Welcher Teil von mir bekommt in diesem Moment das Recht zu sprechen? Darf der Mensch von heute sagen, dass ihm etwas guttut, auch wenn das Kind von fr\u00fcher sich f\u00fcrchtet? Darf die Erinnerung warnen, ohne das Urteil zu f\u00e4llen? Darf die Zukunft geplant werden, ohne den Nachmittag zu beschlagnahmen? Ich stelle mir das nicht wie eine Vers\u00f6hnung am runden Tisch vor. Die Stimmen in uns sind selten vern\u00fcnftig, selten h\u00f6flich. Eher gleicht es einer Wohnung mit d\u00fcnnen W\u00e4nden. Man h\u00f6rt einander, selbst wenn man die T\u00fcr schlie\u00dft.<\/p>\n<p>Im Augenblick des Abschieds wird diese innere Wohnung besonders hellh\u00f6rig. Nachdem der letzte Schritt im Treppenhaus verklungen ist, m\u00f6chte ein Teil von mir den Abend festhalten. Ein anderer schl\u00e4gt sofort vor, die Gl\u00e4ser zu sp\u00fclen, die St\u00fchle zur\u00fcckzuschieben, die Spuren zu beseitigen. Auch darin steckt mehr als Ordnungssinn. Aufr\u00e4umen hei\u00dft manchmal: die Sache beenden, bevor sie zu viel Macht \u00fcber einen bekommt. Die leeren St\u00fchle aber widersprechen. Sie sagen nichts, und gerade darum verlangen sie eine Antwort. Was ist geblieben, nachdem die Menschen gegangen sind? Nicht dieselbe Gegenwart, gewiss. Aber auch nicht nichts.<\/p>\n<p>Vielleicht ist das Ich gerade dieses unruhige H\u00f6ren. Nicht ein Kern, der von allem Wandel unber\u00fchrt bleibt, sondern die F\u00e4higkeit, die eigenen widerspr\u00fcchlichen Regungen nicht sofort zu verleugnen. Ich kann gleichzeitig erleichtert und \u00e4ngstlich sein. Ich kann jemanden lieben und dennoch den Wunsch haben, davonzulaufen. Ich kann Erfolg genie\u00dfen und mich fragen, ob er mir fremd bleibt. Der Fehler beginnt wom\u00f6glich dort, wo ich aus einem dieser Gef\u00fchle ein endg\u00fcltiges Urteil mache. Aus der Angst wird dann eine Identit\u00e4t. Aus einem schlechten Abend ein Beweis \u00fcber das ganze Leben. Aus einer Entt\u00e4uschung ein Gesetz.<\/p>\n<p>Gl\u00fcck w\u00e4re in diesem Sinn kein Dauerzustand und schon gar keine Medaille, die am Ende eines anst\u00e4ndigen Lebens verliehen wird. Es w\u00e4re ein Augenblick, in dem ich nicht sofort gegen mein eigenes Erleben aussage. Wenn mir etwas gelingt, muss ich es nicht sogleich relativieren. Wenn mich jemand liebt, muss ich nicht schon beim ersten gl\u00fccklichen Satz das Ende vorbereiten. Wenn ich nach einem guten Abend allein am Tisch sitze, darf ich anerkennen, dass er gut war, ohne daraus eine Garantie f\u00fcr morgen zu machen.<\/p>\n<p>Vielleicht beginnt ein anderes Verh\u00e4ltnis zum Gl\u00fcck nicht damit, dass die Angst verschwindet. Sie wird sich melden, manchmal mit guten Gr\u00fcnden. Aber sie muss nicht das letzte Wort haben. Ich kann die St\u00fchle noch eine Weile stehen lassen. Ich kann das Glas in die K\u00fcche tragen, ohne die Erinnerung daran auszusp\u00fclen. Ich kann zulassen, dass der Abschied wehtut, weil etwas da war, das mir etwas bedeutete.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen wird der Tisch wieder frei sein. Die Serviette ist weggeworfen, die St\u00fchle stehen ordentlich an ihrem Platz, die Wohnung hat ihr gewohntes Gesicht zur\u00fcck. Dennoch ist nicht alles verschwunden. Ein Teil von mir hat den Abend bewahrt, ein anderer wird ihn vielleicht sp\u00e4ter falsch erinnern, ein dritter wird schon an den n\u00e4chsten denken. So ist es wohl mit dem Ich: nicht eins, nicht zuverl\u00e4ssig, nicht an einem einzigen Ort auffindbar. Und vielleicht gen\u00fcgt es, ihm f\u00fcr einen Moment nicht auszuweichen \u2013 gerade dann, wenn es sich zwischen den leeren St\u00fchlen ein wenig gl\u00fccklich f\u00fchlt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die St\u00fchle stehen noch um den Tisch, leicht schief, als h\u00e4tten sie den Abend nicht ganz loslassen wollen. Auf einer Sitzfl\u00e4che liegt eine vergessene Serviette, auf einer anderen der Abdruck eines Mantels. 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