{"id":3397,"date":"2026-10-24T10:56:05","date_gmt":"2026-10-24T08:56:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.inkultura-online.de\/politisch_unkorrekt\/?p=3397"},"modified":"2026-10-24T10:56:05","modified_gmt":"2026-10-24T08:56:05","slug":"die-freiheit-der-raubvoegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.inkultura-online.de\/politisch_unkorrekt\/die-freiheit-der-raubvoegel\/","title":{"rendered":"Die Freiheit der Raubv\u00f6gel"},"content":{"rendered":"<h4 class=\"western\">\u00dcber Macht, Willen und die dunkle Natur des Menschen<\/h4>\n<p>Der Mensch hat sich seine Lieblingstiere stets nach dem Ma\u00df seiner Sehns\u00fcchte ausgesucht. Dem L\u00f6wen \u00fcberlie\u00df er die Majest\u00e4t, dem Pferd die edle Gefolgschaft, dem Hund die Treue. Den Greifv\u00f6geln aber traute er etwas zu, das ihm selbst nur selten gelingt: eine Freiheit, die nicht um Erlaubnis fragt. Hoch \u00fcber den Dingen ziehen sie ihre Kreise, sehen, ohne gesehen werden zu m\u00fcssen, und sto\u00dfen herab, wenn der Augenblick gekommen ist. Sie scheinen weder mit sich zu hadern noch sich vor einer Instanz rechtfertigen zu m\u00fcssen. Vielleicht bewundert der Mensch sie gerade deshalb. Er erkennt in ihnen eine Souver\u00e4nit\u00e4t, die er sich selbst gern zuschreibt und die ihm im Alltag so zuverl\u00e4ssig abhandenkommt.<!--more--><\/p>\n<p>Doch schon beim zweiten Blick ger\u00e4t die Bewunderung ins Wanken. Ist der Adler wirklich frei, weil er hoch fliegt? Ist der Falke selbstbestimmt, wenn er auf den Ruf seines Falkners zur\u00fcckkehrt? Und was unterscheidet die Entschlossenheit eines Habichts von jener R\u00fccksichtslosigkeit, die der Mensch gern als St\u00e4rke ausgibt, solange sie ihm n\u00fctzt? Die Greifv\u00f6gel bieten keine unschuldigen Gleichnisse. In ihnen begegnet uns die Natur als Spiegel unserer politischen Fantasien, unserer moralischen Selbstt\u00e4uschungen und jenes eigent\u00fcmlichen Verh\u00e4ltnisses, das wir zu den Kr\u00e4ften unterhalten, von denen wir leben und die wir zugleich zu beherrschen versuchen.<\/p>\n<p>Dabei w\u00e4re es verf\u00fchrerisch, die drei V\u00f6gel in eine saubere symbolische Ordnung zu bringen: hier der Adler als Macht, dort der Falke als Wille, schlie\u00dflich der Habicht als Instinkt. Eine solche Zuordnung kann den Blick sch\u00e4rfen, sofern man sie nicht mit einer Wahrheit verwechselt, die den Tieren gleichsam von Natur aus eingeschrieben w\u00e4re. Symbole sind keine zoologischen Eigenschaften. Sie entstehen dort, wo eine Kultur in ein Tier mehr hineinliest, als dessen K\u00f6rper allein erz\u00e4hlen k\u00f6nnte. Der Adler wird zum Zeichen der Herrschaft, weil Menschen ihre Herrschaft in ihm wiedererkennen wollen; der Falke gewinnt seine h\u00f6fische Aura durch die Geschichte der Falknerei; der Habicht l\u00e4sst sich als Bild einer unmittelbaren, k\u00f6rperlichen Intelligenz lesen, gerade weil er weniger fest im kulturellen Wappenbuch verankert ist. Die Unterschiede erz\u00e4hlen also nicht nur etwas \u00fcber die V\u00f6gel. Sie erz\u00e4hlen vor allem etwas \u00fcber den Menschen, der sie betrachtet.<\/p>\n<p>Die H\u00f6he und ihre Verf\u00fchrung.<\/p>\n<p>Der Adler hat es weit gebracht. Er sitzt auf Wappen, Fahnen und M\u00fcnzen, begleitet G\u00f6tter und Kaiser und verleiht politischen Gebilden einen Anschein von Dauer, der ihnen aus eigener Kraft keineswegs immer zukommt. In der griechischen Mythologie ist er mit Zeus verbunden, in Rom mit Jupiter; als <em>aquila<\/em> wurde er zum Feldzeichen der Legionen. Aus einem Vogel, der sich \u00fcber die Landschaft erhebt, wird ein Bild f\u00fcr jene Macht, die \u00fcber dem einzelnen Leben stehen und ihm eine Ordnung geben will. Die H\u00f6he verwandelt sich in Rang, die r\u00e4umliche Distanz in einen Anspruch auf geistige \u00dcberlegenheit.<\/p>\n<p>Das ist keineswegs absurd. Wer Abstand gewinnt, vermag Zusammenh\u00e4nge zu erkennen, die demjenigen entgehen, der mitten im Geschehen steckt. Politische Urteilskraft braucht bisweilen die F\u00e4higkeit, sich dem L\u00e4rm des Augenblicks zu entziehen. Auch im pers\u00f6nlichen Leben gibt es eine Form der Freiheit, die darin besteht, nicht auf jede Kr\u00e4nkung, jeden Reiz und jede Zumutung unmittelbar zu reagieren. Man muss nicht jede Schlacht schlagen, nur weil sie sich anbietet. Der Adler erinnert an die W\u00fcrde des \u00dcberblicks.<\/p>\n<p>Aber die H\u00f6he hat einen Preis. Wer sich \u00fcber die Dinge erhebt, kann sie besser \u00fcbersehen \u2013 und schlechter verstehen. Aus der Ferne werden Menschen zu Mengen, Einzelschicksale zu Zahlen, Widerst\u00e4nde zu St\u00f6rungen einer Ordnung, deren Sch\u00f6nheit sich dem Betrachter von oben erschlie\u00dft. Der \u00dcberblick ist niemals unschuldig. Er kann Erkenntnis erm\u00f6glichen, aber auch die Entfernung vom Gegenstand als Erkenntnis ausgeben. Nicht jeder, der von oben herabblickt, sieht mehr. Mancher sieht nur weniger Einzelheiten und h\u00e4lt diesen Verlust bereits f\u00fcr Weisheit.<\/p>\n<p>Dante hat diese Spannung in seiner <em>G\u00f6ttlichen Kom\u00f6die<\/em> auf eine Weise gestaltet, die den Adler aus der blo\u00dfen Herrschaftssymbolik herausf\u00fchrt. Im <em>Paradiso<\/em>, besonders in den Ges\u00e4ngen XVIII bis XX, begegnet dem Dichter im Himmel des Jupiter ein gewaltiger Adler, der sich aus den Gestalten seliger Herrscher zusammensetzt. Seine Stimme ist die Stimme vieler; sein K\u00f6rper vereinigt die einzelnen Seelen zu einem Bild \u00fcberpers\u00f6nlicher Gerechtigkeit. Die Herrschaft wird hier nicht durch die St\u00e4rke eines Einzelnen legitimiert, sondern durch die Vorstellung einer Ordnung, in der das individuelle Urteil seine Begrenztheit erkennt.<\/p>\n<p>Dante wei\u00df allerdings, dass diese Ordnung dem Menschen nicht ohne Weiteres zug\u00e4nglich ist. Im zwanzigsten Gesang geht es gerade auch um die Grenzen menschlicher Erkenntnis angesichts g\u00f6ttlicher Gerechtigkeit. Der Adler verk\u00f6rpert deshalb nicht einfach eine Macht, die recht hat, weil sie m\u00e4chtig ist. Er verweist auf die Frage, ob es eine Gerechtigkeit geben kann, deren Ma\u00dfstab \u00fcber den begrenzten Erfahrungen des Einzelnen liegt. Die H\u00f6he wird zum Versprechen einer gr\u00f6\u00dferen Einsicht und zugleich zum Eingest\u00e4ndnis, dass diese Einsicht dem Menschen entzogen bleibt.<\/p>\n<p>Hier beginnt die politische Versuchung des Adlers. Denn sobald ein Herrscher, eine Institution oder eine Ideologie behauptet, aus gr\u00f6\u00dferer H\u00f6he zu urteilen, liegt der Gedanke nahe, die Einw\u00e4nde derer, die unten leben, als Ausdruck beschr\u00e4nkter Sicht abzutun. Die eigene Perspektive wird zur h\u00f6heren Wahrheit erkl\u00e4rt; Widerspruch gilt dann nicht mehr als m\u00f6gliche Korrektur, sondern als Beweis f\u00fcr die Unzul\u00e4nglichkeit des Widersprechenden. Der Adler, urspr\u00fcnglich ein Bild der \u00dcbersicht, wird zum Wappentier der Unfehlbarkeit.<\/p>\n<p>Die Geschichte politischer Macht ist reich an solchen Verwechslungen. Wer sich selbst f\u00fcr den Vertreter einer h\u00f6heren Ordnung h\u00e4lt, kann leicht vergessen, dass auch die H\u00f6he ein Standort ist. Sie ist nicht die Welt selbst.<\/p>\n<h4 class=\"western\">Nietzsche und der stolze Vogel<\/h4>\n<p>Bei Friedrich Nietzsche erh\u00e4lt der Adler eine andere, eigent\u00fcmlichere Bedeutung. In <em>Also sprach Zarathustra<\/em> erscheint er zusammen mit der Schlange als Gef\u00e4hrte des titelgebenden Wanderers. Der Adler ist das stolzeste, die Schlange das kl\u00fcgste Tier. Dass beide zusammengeh\u00f6ren, ist entscheidend. Sie stehen nicht in der \u00fcblichen Beziehung von J\u00e4ger und Beute, sondern bilden eine Gemeinschaft, in der Verschiedenheit nicht notwendig Feindschaft bedeutet. Die Schlange windet sich um den Hals des Adlers; der Vogel tr\u00e4gt sie, ohne sie zu verschlingen. Das Bild unterl\u00e4uft f\u00fcr einen Augenblick die vertraute Ordnung der Natur, als h\u00e4tten Stolz und Klugheit gelernt, einander nicht zu vernichten.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte darin eine kleine Allegorie auf das Verh\u00e4ltnis von Kraft und Erkenntnis sehen. Der Adler allein drohte zum Bild blo\u00dfer \u00dcberlegenheit zu werden, die Schlange allein zum Sinnbild einer Intelligenz, die sich aus Angst vor der St\u00e4rke im Verborgenen h\u00e4lt. Zusammen ergeben sie eine widerspr\u00fcchlichere Gestalt: Selbstbehauptung, die der Klugheit bedarf, und Klugheit, die sich nicht in der Vermeidung jeder Gefahr ersch\u00f6pft. Zarathustras Wunsch, sein Stolz m\u00f6ge stets mit seiner Klugheit gehen, bringt diese Verbindung auf den Punkt. Doch selbst wenn die Klugheit den Stolz einmal verl\u00e4sst, soll dieser weiterfliegen. Nietzsche traut dem Stolz offenbar etwas zu, das sich nicht vollst\u00e4ndig auf vern\u00fcnftige \u00dcberlegung zur\u00fcckf\u00fchren l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Man sollte sich davor h\u00fcten, daraus eine schlichte Verherrlichung des Starken zu machen. Nietzsche hat den Stolz nicht erfunden, damit sich jeder selbstgef\u00e4llige Mensch mit einem Raubvogel vergleichen kann. Seine philosophische Zumutung liegt anderswo. Er misstraut einer Moral, die sich selbst f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich h\u00e4lt und ihre Herkunft nicht mehr befragt. Was als gut und b\u00f6se gilt, ist f\u00fcr ihn nicht einfach eine ewige Ordnung, die der Mensch nur noch zu erkennen h\u00e4tte. Werturteile entstehen in geschichtlichen und psychischen Zusammenh\u00e4ngen; sie k\u00f6nnen Ausdruck von Lebensbejahung sein, aber auch aus Ressentiment hervorgehen.<\/p>\n<p>In <em>Zur Genealogie der Moral<\/em> greift Nietzsche deshalb auf das Bild der Raubv\u00f6gel und der L\u00e4mmer zur\u00fcck. Die Raubv\u00f6gel stehen f\u00fcr eine aktive Kraft, die sich nicht erst durch die Zustimmung der Schw\u00e4cheren legitimiert. Die L\u00e4mmer dagegen k\u00f6nnen die St\u00e4rke der Raubv\u00f6gel als b\u00f6se bezeichnen und ihre eigene Ohnmacht in moralische \u00dcberlegenheit verwandeln. Nietzsche interessiert sich f\u00fcr den Vorgang, durch den eine bestimmte Lebenslage ihre Wertungen als allgemeine Wahrheit ausgibt. Er will wissen, welche Kr\u00e4fte hinter einer Moral stehen, die sich selbst als rein und voraussetzungslos versteht.<\/p>\n<p>Das ist ein gef\u00e4hrlicher Gedanke, und er soll es sein. Er kann helfen, die Heuchelei moralischer Selbstgewissheit aufzudecken; er kann aber auch missverstanden werden als Freibrief f\u00fcr jene, die ihre R\u00fccksichtslosigkeit mit dem Hinweis auf die Natur entschuldigen. Dass eine Kraft vorhanden ist, begr\u00fcndet noch keinen Anspruch, ihr ungehemmt nachzugeben. Nietzsche ist kein Lieferant bequemer Rechtfertigungen f\u00fcr den St\u00e4rkeren. Seine Philosophie fragt vielmehr danach, was aus einer Kraft wird, wenn sie nicht blo\u00df andere \u00fcberw\u00e4ltigt, sondern sich selbst zu verwandeln vermag.<\/p>\n<p>Hier liegt der Unterschied zwischen Macht und Selbst\u00fcberwindung. Wer andere erniedrigen muss, um sich gro\u00df zu f\u00fchlen, bleibt von ihnen abh\u00e4ngig. Er ben\u00f6tigt Unterlegene als Beweis seiner \u00dcberlegenheit und muss diese \u00dcberlegenheit immer wieder demonstrieren. Seine Macht ist weniger souver\u00e4n, als sie aussieht. Sie h\u00e4ngt an der fortw\u00e4hrenden Best\u00e4tigung durch diejenigen, \u00fcber die sie sich erhebt. Der Adler hingegen l\u00e4sst sich, zumindest in einer m\u00f6glichen Lesart Nietzsches, als Bild einer Kraft verstehen, die nicht jede Bewegung auf einen \u00e4u\u00dferen Gegner beziehen muss. Sie kann sich auf sich selbst richten, Widerst\u00e4nde in sich erkennen und an ihnen wachsen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist auch diese Souver\u00e4nit\u00e4t nicht frei von Selbstt\u00e4uschung. Wer sich von den Urteilen der anderen unabh\u00e4ngig w\u00e4hnt, kann lediglich gelernt haben, ihre Anerkennung auf raffiniertere Weise zu suchen. Der Stolz ist ein unzuverl\u00e4ssiger Zeuge seiner selbst. Er kann W\u00fcrde bedeuten, aber auch gekr\u00e4nkte Eitelkeit; Unabh\u00e4ngigkeit, aber auch die Unf\u00e4higkeit, sich etwas sagen zu lassen. Nietzsches Adler bleibt deshalb ein widerspr\u00fcchliches Symbol. Er erinnert an die M\u00f6glichkeit, sich aus fremden Wertordnungen zu l\u00f6sen, und an die Gefahr, die eigene H\u00f6he schon f\u00fcr einen Beweis der Wahrheit zu halten.<\/p>\n<h4 class=\"western\">Der Falke und die Frage, wem der Wille geh\u00f6rt<\/h4>\n<p>Der Falke besitzt nicht die imperiale Schwere des Adlers. Er ist weniger Herrschaftszeichen als Bewegungsbild. Wo der Adler \u00fcber der Landschaft kreist, scheint der Falke seine ganze Existenz auf den Augenblick des Zugriffs zu konzentrieren. Seine Kraft ist gerichtet, seine Bewegung pr\u00e4zise. Er verk\u00f6rpert nicht so sehr die Macht, die sich einen Raum unterwirft, als vielmehr den Willen, der ein Ziel verfolgt.<\/p>\n<p>Dass der Falke in der europ\u00e4ischen Kultur eine so besondere Stellung einnimmt, h\u00e4ngt mit der Falknerei zusammen. Seit Jahrhunderten wurde er ausgebildet, gepflegt und f\u00fcr die Jagd eingesetzt. Die h\u00f6fische Gesellschaft machte aus seiner F\u00fchrung eine Kunst und aus dieser Kunst ein Zeichen von Rang. Wer einen Falken hielt, demonstrierte nicht allein Reichtum, sondern auch Geduld, Geschick und die F\u00e4higkeit, ein wildes Tier auf einen Zweck auszurichten. Der Falke wurde zum Partner einer Kultur, die Wildheit bewundern und zugleich nutzbar machen wollte.<\/p>\n<p>Darin steckt ein Widerspruch, der weit \u00fcber die Jagd hinausreicht. Die F\u00e4higkeiten des Falken lassen sich nur kultivieren, wenn man seine Eigenart respektiert; zugleich wird diese Eigenart in einen menschlichen Plan eingebunden. Seine Freiheit soll erhalten bleiben, aber bitte in einer Form, die sich abrufen l\u00e4sst. Der Falke ist wild genug, um kostbar zu sein, und gebunden genug, um dem Menschen zu dienen. Vielleicht ist das eine der \u00e4ltesten Fantasien der Zivilisation: das Ungez\u00e4hmte so weit zu formen, dass es seine Lebendigkeit beh\u00e4lt und doch den eigenen Absichten folgt.<\/p>\n<p>Die Literatur hat aus dieser Spannung sehr unterschiedliche Geschichten gemacht. In Boccaccios <em>Decamerone<\/em>, am f\u00fcnften Tag in der neunten Novelle, ist der Falke das letzte kostbare Gut, das Federigo degli Alberighi geblieben ist. Federigo hat sein Verm\u00f6gen aus Liebe zu einer Frau aufgezehrt. Als sie ihn schlie\u00dflich besucht, besitzt er kaum noch etwas, womit er sie bewirten k\u00f6nnte. Ausgerechnet seinen geliebten Falken l\u00e4sst er zubereiten, ohne zu wissen, dass die Frau ihn um eben diesen Vogel bitten wollte.<\/p>\n<p>Der Falke wird zum Opfer einer Liebe, die sich nicht in Besitz und Berechnung ersch\u00f6pft. Federigo gibt das Wertvollste hin, das er noch besitzt, und gerade dieser Verlust verleiht ihm eine W\u00fcrde, die sein fr\u00fcherer Reichtum nicht garantieren konnte. Der Vogel ist hier nicht einfach ein Zeichen der Freiheit. Er steht f\u00fcr eine Bindung, die so tief reicht, dass sie die Bereitschaft einschlie\u00dft, das Geliebte nicht festzuhalten. Das ist eine andere Form der Selbstbehauptung als die des Adlers. Sie besteht nicht darin, sich unabh\u00e4ngig von allen anderen zu machen, sondern darin, sich einer anderen Person auszusetzen, ohne den Wert des eigenen Handelns im Voraus absichern zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Bei Werner Bergengruen, in der Novelle <em>Die drei Falken<\/em>, wird das alte Motiv auf andere Weise weitergef\u00fchrt. Der Falke bleibt mit Adel, Liebe und individueller W\u00fcrde verbunden, doch die Tradition wird zum Resonanzraum einer modernen Frage: Wie bewahrt der Mensch seine Freiheit, wenn gesellschaftliche Ordnungen und Erwartungen ihn in Rollen festlegen? Der Vogel steht nicht nur f\u00fcr die Kunst, eine wilde Kraft zu f\u00fchren, sondern auch f\u00fcr das Verlangen nach einem Leben, das nicht restlos von fremden Zwecken bestimmt wird.<\/p>\n<p>Noch sch\u00e4rfer tritt die dunkle Seite der Falkenfreiheit bei William Butler Yeats hervor. In seinem Gedicht <em>The Second Coming<\/em>, entstanden nach dem Ersten Weltkrieg, fliegt ein Falke in immer weiteren Kreisen, bis er den Falkner nicht mehr h\u00f6ren kann. Gleich darauf folgt die ber\u00fchmte Diagnose, dass das Zentrum nicht mehr h\u00e4lt und die Ordnung zerf\u00e4llt. Das Bild hat sich von der h\u00f6fischen Welt weit entfernt. Es beschreibt nicht l\u00e4nger die elegante Beherrschung eines wilden Tieres, sondern den Verlust einer Verbindung, die den Flug \u00fcberhaupt erst in einen Zusammenhang gestellt hat.<\/p>\n<p>Yeats&#8216; Falke ist nicht einfach ein befreiter Falke. Seine Entfernung vom Falkner kann als Losl\u00f6sung gelesen werden, aber ebenso als Verlust von Orientierung. Er gewinnt Raum und verliert zugleich den Bezugspunkt, der seine Bewegung begrenzte. Das Gedicht entstand in einer Epoche, in der die europ\u00e4ische Zivilisation ihre F\u00e4higkeit, sich selbst als geordnete Welt zu verstehen, schwer ersch\u00fcttert sah. Die alte Verbindung zwischen Zentrum und Peripherie, Autorit\u00e4t und Gehorsam, \u00fcberliefertem Ma\u00df und gegenw\u00e4rtigem Handeln schien zerrissen. Was sollte den Flug noch lenken, wenn der Ruf nicht mehr geh\u00f6rt wurde?<\/p>\n<p>Zwischen Nietzsche und Yeats \u00f6ffnet sich damit ein Abgrund. Nietzsches Adler kann als Bild einer Selbstst\u00e4ndigkeit erscheinen, die sich aus der Befreiung von fremden Werturteilen speist. Yeats&#8216; Falke zeigt dagegen die M\u00f6glichkeit, dass Losl\u00f6sung allein noch keine Freiheit schafft. Wer sich von einer Autorit\u00e4t entfernt, hat damit nicht automatisch einen eigenen Ma\u00dfstab gewonnen. Man kann die F\u00fchrung verlieren, ohne sich selbst f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Die Freiheit, die nur noch in der Abwesenheit eines Herrn besteht, ist wom\u00f6glich eine Freiheit ohne Richtung.<\/p>\n<p>Das ist eine unbequeme Einsicht in einer Kultur, die Unabh\u00e4ngigkeit gern als h\u00f6chsten Wert behandelt. Denn sie legt nahe, dass Bindungen nicht notwendig das Gegenteil von Freiheit sind. Manche Bindungen machen Freiheit erst m\u00f6glich: Sprache, Wissen, Freundschaft, \u00dcberlieferung, die freiwillig eingegangene Verpflichtung. Entscheidend ist nicht allein, ob uns etwas bindet, sondern was diese Bindung aus uns macht und ob wir sie pr\u00fcfen k\u00f6nnen. Der Falke lehrt, dass eine Richtung nicht schon deshalb falsch ist, weil sie nicht aus uns selbst stammt. Aber er erinnert ebenso daran, dass ein Leben, das nur fremden Rufen folgt, seine eigene Stimme verlieren kann.<\/p>\n<h4 class=\"western\">Der Habicht und die Wahrheit des K\u00f6rpers<\/h4>\n<p>Der Habicht steht seltener im Mittelpunkt gro\u00dfer politischer und literarischer Symbolsysteme. Ihm fehlt die imperiale Aura des Adlers, und er ist nicht in gleichem Ma\u00dfe mit der h\u00f6fischen Kunst der Falknerei verbunden. Gerade deshalb eignet er sich f\u00fcr eine Betrachtung, die sich weniger f\u00fcr die repr\u00e4sentative Macht als f\u00fcr die unmittelbare Wirksamkeit des Lebendigen interessiert. Der Habicht jagt aus der Deckung, beherrscht enge R\u00e4ume und reagiert mit einer Pr\u00e4zision, die nicht erst durch sichtbare Gr\u00f6\u00dfe beeindrucken muss. Seine Kraft liegt im Augenblick.<\/p>\n<p>Man sollte daraus keine feste kulturelle Lehre ableiten. Ein allgemein verbindlicher philosophischer Habicht-Archetyp existiert nicht, und es w\u00e4re unredlich, ihm eine Symbolgeschichte anzudichten, die sich so nicht belegen l\u00e4sst. Der Habicht ist hier ein bewusst gew\u00e4hltes Deutungsbild: ein Anlass, \u00fcber jene Kr\u00e4fte nachzudenken, die wirken, bevor der Mensch sie zu erkl\u00e4ren beginnt. Er steht f\u00fcr eine Intelligenz, die nicht notwendig in S\u00e4tzen denkt, f\u00fcr eine Handlungsf\u00e4higkeit, die sich nicht erst durch Selbstbeschreibung legitimiert.<\/p>\n<p>Der Instinkt wird h\u00e4ufig als das Unvern\u00fcnftige missverstanden, als eine dunkle Gegenmacht zum Denken. Doch diese Vorstellung verr\u00e4t eher den Stolz des denkenden Menschen als die Wirklichkeit des Lebendigen. Nicht jede Intelligenz muss sich in bewusster \u00dcberlegung zeigen. Wahrnehmung, Erfahrung, Koordination und Reaktion k\u00f6nnen hoch entwickelte Formen der Orientierung hervorbringen, ohne dass sie einer inneren Stimme bed\u00fcrfen, die ihr Tun kommentiert. Der Habicht muss keine Theorie seines Fluges besitzen, um im richtigen Augenblick zu handeln.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Menschen ist diese Einsicht nicht ganz bequem. Wir erz\u00e4hlen uns gern, unsere Entscheidungen gingen aus einem bewussten Willen hervor, der den K\u00f6rper lenkt wie ein Kapit\u00e4n sein Schiff. Aber die Ordnung ist vermutlich weniger eindeutig. Unsere Urteile, Neigungen und Abneigungen entstehen in einem Geflecht von Erfahrungen, Affekten und Trieben, dessen Urspr\u00fcnge dem Bewusstsein nicht vollst\u00e4ndig zug\u00e4nglich sind. Oft erkl\u00e4ren wir erst nachtr\u00e4glich, warum wir getan haben, was wir getan haben, und verwechseln die Erkl\u00e4rung mit der Ursache. Der Mensch ist nicht einfach ein Wille, der einen K\u00f6rper besitzt. Er ist ein leibliches Wesen, das denken gelernt hat und dennoch nicht vollst\u00e4ndig wei\u00df, was in ihm denkt und handelt.<\/p>\n<p>Nietzsches Kritik am souver\u00e4nen Subjekt ber\u00fchrt diesen Punkt. Er misstraut der Vorstellung, hinter jeder Handlung m\u00fcsse ein vollkommen durchschaubares Ich stehen, das als unabh\u00e4ngiger Urheber f\u00fcr sie verantwortlich zeichnet. Das bedeutet nicht, dass Verantwortung verschwindet. Es bedeutet vielmehr, dass Selbstkenntnis schwieriger ist, als die bewusste Absicht vermuten l\u00e4sst. Wer seine Triebe nicht kennt, ist nicht unbedingt frei von ihnen. Vielleicht ist er ihnen gerade deshalb ausgeliefert.<\/p>\n<p>Hier gewinnt der Habicht seine philosophische Sch\u00e4rfe. Er erinnert an die Tatsache, dass Kraft zun\u00e4chst weder gut noch b\u00f6se ist. Der Zugriff des Raubvogels ist Teil seiner Lebensweise; er braucht keine moralische Rechtfertigung. Der Mensch aber kann sich nicht ohne Weiteres auf diese Natur berufen. Dass ein Impuls nat\u00fcrlich ist, macht seine Befriedigung noch nicht gerecht. Zwischen der Beschreibung dessen, was uns antreibt, und der Frage, wie wir handeln sollen, liegt ein Abstand, den keine Berufung auf den Instinkt schlie\u00dfen kann.<\/p>\n<p>Wer seine Aggression als Naturrecht ausgibt, hat die moralische Frage nicht beantwortet, sondern umgangen. Wer behauptet, er sei eben ein durchsetzungsf\u00e4higer Mensch, kann damit eine notwendige St\u00e4rke beschreiben \u2013 oder eine R\u00fccksichtslosigkeit, deren Folgen er nicht betrachten m\u00f6chte. Die Natur liefert keine Entschuldigung. Sie liefert Material, mit dem der Mensch umgehen muss.<\/p>\n<h4 class=\"western\">Jung und die unheimliche Gesellschaft mit sich selbst<\/h4>\n<p>An diesem Punkt f\u00fchrt der Weg zu Carl Gustav Jung, allerdings nicht \u00fcber eine feste Symbollehre der Greifv\u00f6gel. Jung hat keine verbindliche Dreierordnung aufgestellt, in der der Adler f\u00fcr das eine psychische Prinzip, der Falke f\u00fcr ein zweites und der Habicht f\u00fcr ein drittes st\u00fcnde. Eine solche Zuordnung w\u00e4re eine nachtr\u00e4gliche Konstruktion. Fruchtbar wird die Begegnung mit seinen Gedanken erst dann, wenn man die V\u00f6gel als Bilder versteht, an denen sich psychische M\u00f6glichkeiten und Gefahren erproben lassen.<\/p>\n<p>Jungs Archetypen sind keine W\u00f6rterbucheintr\u00e4ge des Unbewussten. Sie sind auch keine Schablonen, die jedem Bild unabh\u00e4ngig von seinem Zusammenhang dieselbe Bedeutung verleihen. Sie bezeichnen grundlegende Formen psychischer Erfahrung, die sich in unterschiedlichen Bildern und Erz\u00e4hlungen ausdr\u00fccken k\u00f6nnen. Was ein Symbol f\u00fcr einen Menschen bedeutet, l\u00e4sst sich daher nicht allein aus seiner kulturellen Tradition ablesen. Es h\u00e4ngt ebenso davon ab, welche W\u00fcnsche, \u00c4ngste und Konflikte sich in ihm verk\u00f6rpern.<\/p>\n<p>Der Adler k\u00f6nnte in diesem Sinn f\u00fcr den Wunsch stehen, die eigene Begrenztheit zu \u00fcberschreiten und eine umfassendere Perspektive zu gewinnen. Doch dieselbe Vorstellung kann in eine psychische \u00dcberh\u00f6hung umschlagen. Jung spricht in diesem Zusammenhang von Inflation: Das Ich identifiziert sich mit einer Gr\u00f6\u00dfe, die es \u00fcbersteigt, und h\u00e4lt sich schlie\u00dflich selbst f\u00fcr gr\u00f6\u00dfer, als es ist. Wer sich mit dem Adler verwechselt, glaubt vielleicht, \u00fcber den gew\u00f6hnlichen menschlichen Irrt\u00fcmern zu stehen. Die Suche nach Erkenntnis wird dann zur Weigerung, die eigene Begrenztheit anzuerkennen.<\/p>\n<p>Das ist eine subtile Form der Selbstt\u00e4uschung, weil sie sich in Gestalt einer Tugend pr\u00e4sentiert. Der Mensch h\u00e4lt sich f\u00fcr unabh\u00e4ngig, weil er keine Kritik mehr an sich heranl\u00e4sst; f\u00fcr weise, weil er die Einw\u00e4nde anderer als Ausdruck ihrer Beschr\u00e4nktheit deutet; f\u00fcr souver\u00e4n, weil er seine Verletzlichkeit nicht zeigen kann. Der Adler ist in dieser Lesart nicht blo\u00df ein Bild der Gr\u00f6\u00dfe, sondern auch der Gefahr, sich von der eigenen Gr\u00f6\u00dfe blenden zu lassen.<\/p>\n<p>Der Falke f\u00fchrt zu einem anderen Problem. Seine gerichtete Bewegung l\u00e4sst sich als Bild eines Menschen lesen, der Kr\u00e4fte b\u00fcndelt und ein Ziel verfolgt. Ohne Konzentration wird vieles im Leben unm\u00f6glich; ohne die F\u00e4higkeit, sich einer Sache zu widmen, bleibt der Wille eine Sammlung guter Absichten. Doch Zielstrebigkeit kann zur Einseitigkeit werden. Ein Mensch kann seine F\u00e4higkeiten meisterhaft entwickeln und dabei jene Seiten seiner Pers\u00f6nlichkeit vernachl\u00e4ssigen, die sich nicht in den Dienst seines Vorhabens stellen lassen. Er erreicht sein Ziel und entdeckt erst danach, dass er sich unterwegs selbst verengt hat.<\/p>\n<p>Das Bild der Falknerei versch\u00e4rft die Frage. Wer f\u00fchrt den Falken? Und wem geh\u00f6rt das Ziel, auf das er zufliegt? \u00dcbertragen auf das menschliche Leben l\u00e4sst sich fragen, ob unsere W\u00fcnsche wirklich die unseren sind oder ob wir lediglich gelernt haben, fremde Erwartungen mit dem Ton der eigenen \u00dcberzeugung auszusprechen. Karriere, Anerkennung, Erfolg und gesellschaftlicher Rang k\u00f6nnen Ziele sein, die ein Mensch bewusst w\u00e4hlt. Sie k\u00f6nnen aber auch die Rufe eines Falkners sein, dessen Existenz er nie untersucht hat. Manchmal ist der Mensch gerade dort am besten abgerichtet, wo er sich am freiesten f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Jungs Begriff der Individuation meint keine makellose Selbstverwirklichung und schon gar nicht die Erf\u00fcllung jedes Wunsches. Er bezeichnet einen lebenslangen Prozess, in dem der Mensch zu einer umfassenderen Beziehung zu seiner Pers\u00f6nlichkeit gelangt. Dazu geh\u00f6rt, jene Anteile wahrzunehmen, die dem bewussten Selbstbild widersprechen. Individuation ist weniger die Kunst, ein ideales Ich herzustellen, als die Bereitschaft, mit der eigenen inneren Widerspr\u00fcchlichkeit leben zu lernen.<\/p>\n<p>Hier kommt der Habicht ins Spiel, als Bild einer Kraft, die das bewusste Ich lieber nicht zu sich z\u00e4hlen m\u00f6chte. Jung nennt den Schatten jene Seite der Pers\u00f6nlichkeit, die vom Ich nicht anerkannt oder nicht in sein Selbstbild integriert wird. Der Schatten umfasst keineswegs nur verwerfliche Eigenschaften. In ihm k\u00f6nnen auch Mut, Lebendigkeit, sch\u00f6pferische Energie und gesunde Durchsetzungskraft liegen, sofern ein Mensch gelernt hat, sich als friedfertig, angepasst oder bescheiden zu verstehen und alles auszuschlie\u00dfen, was diesem Bild widerspricht.<\/p>\n<p>Ein Mensch, der seine Aggression grunds\u00e4tzlich leugnet, wird nicht automatisch friedfertig. Er kann seine Feindseligkeit auf andere projizieren und \u00fcberall R\u00fccksichtslosigkeit erkennen, w\u00e4hrend er die eigene Beteiligung \u00fcbersieht. Ein anderer, der sich ausschlie\u00dflich als stark und unabh\u00e4ngig erlebt, mag seine Bed\u00fcrftigkeit so gr\u00fcndlich verdr\u00e4ngen, dass sie sich in Kontrolle, Eifersucht oder Verachtung f\u00fcr die Schwachen verwandelt. Was nicht zum bewussten Selbstbild geh\u00f6ren darf, verschwindet nicht notwendig. Es kann sich auf Umwegen bemerkbar machen und den Menschen gerade dort bestimmen, wo er sich am wenigsten von ihm bestimmt glaubt.<\/p>\n<p>Der Habicht w\u00e4re in dieser Perspektive kein Vorbild, dem man nacheifern sollte, sondern ein Spiegel, in dem etwas Unbequemes sichtbar wird. Er erinnert daran, dass der Mensch nicht nur aus den Eigenschaften besteht, die er an sich sch\u00e4tzt. Er ist auch von Impulsen gepr\u00e4gt, die er nicht gew\u00e4hlt hat und die er dennoch verantworten muss. Selbstkenntnis bedeutet dann nicht, jede innere Regung zu billigen. Sie bedeutet zun\u00e4chst, sie wahrzunehmen, ohne sich durch sie definieren zu lassen.<\/p>\n<p>Nietzsche und Jung sind keine Verb\u00fcndeten in jeder Hinsicht; ihre philosophischen Voraussetzungen unterscheiden sich erheblich. Dennoch ber\u00fchren sie sich in einem entscheidenden Misstrauen gegen\u00fcber der Vorstellung, der Mensch werde frei, indem er alles Unbequeme aus sich entfernt. Nietzsche fragt nach der Selbst\u00fcberwindung und nach den Kr\u00e4ften, die unsere Werturteile hervorbringen. Jung untersucht die psychischen Anteile, die sich der bewussten Kontrolle entziehen und doch unser Leben beeinflussen. Bei beiden f\u00fchrt der Weg zur Freiheit nicht \u00fcber die Leugnung des inneren Konflikts, sondern \u00fcber eine ver\u00e4nderte Beziehung zu ihm.<\/p>\n<h4 class=\"western\">Was die V\u00f6gel vom Menschen verlangen<\/h4>\n<p>Vielleicht l\u00e4sst sich der Unterschied zwischen Adler, Falke und Habicht am Ende weniger als eine Ordnung menschlicher Eigenschaften verstehen denn als drei Pr\u00fcfungen, denen der Mensch sich aussetzen muss. Der Adler fragt, was aus Macht wird, wenn sie den Kontakt zu den Begrenzungen des eigenen Urteils verliert. Der Falke fragt, ob ein Wille noch frei ist, wenn er seine Richtung nicht mehr zu pr\u00fcfen vermag. Der Habicht fragt, wie viel von dem, was wir f\u00fcr bewusste Entscheidung halten, aus Kr\u00e4ften stammt, die wir erst nachtr\u00e4glich in eine Geschichte \u00fcber uns selbst einbauen.<\/p>\n<p>Keine dieser Fragen l\u00e4sst sich bequem beantworten. Die Macht des Adlers ist nicht schon deshalb verwerflich, weil sie Macht ist; ohne Abstand und \u00dcberblick w\u00e4re verantwortliches Handeln kaum m\u00f6glich. Aber Distanz kann zur Verachtung werden, wenn sie den Einzelnen aus dem Blick verliert. Der Wille des Falken ist nicht schon deshalb unfrei, weil er sich auf ein Ziel richtet; ohne Bindung und Konzentration zerfiele das Leben in unverbundene Augenblicke. Aber Zielstrebigkeit kann zur Knechtschaft werden, wenn sie sich nicht mehr fragt, welchem Zweck sie dient. Der Instinkt des Habichts ist nicht schon deshalb verd\u00e4chtig, weil er vor dem Denken wirkt; er erinnert an die leibliche Grundlage unseres Daseins. Aber aus der Tatsache eines Triebs folgt kein Recht auf seine Aus\u00fcbung.<\/p>\n<p>Die drei V\u00f6gel stehen damit f\u00fcr eine Spannung, die sich nicht aufl\u00f6sen l\u00e4sst, ohne dass etwas Wesentliches verloren geht. Wir brauchen die H\u00f6he und m\u00fcssen doch unten leben. Wir brauchen den Willen und m\u00fcssen doch seine Ziele befragen. Wir m\u00fcssen unseren Instinkten zuh\u00f6ren, ohne ihnen das letzte Wort zu \u00fcberlassen. Vielleicht ist Freiheit gerade nicht jener Zustand, in dem eine dieser Kr\u00e4fte endg\u00fcltig \u00fcber die anderen gesiegt hat. Vielleicht beginnt sie erst dort, wo keine von ihnen mehr unangefochten herrschen darf.<\/p>\n<p>Der Mensch unterscheidet sich von den Greifv\u00f6geln nicht dadurch, dass er keinen Instinkt bes\u00e4\u00dfe, keinen Willen h\u00e4tte oder keine Macht aus\u00fcben k\u00f6nnte. Er unterscheidet sich dadurch, dass er sich zu diesen Kr\u00e4ften verhalten kann \u2013 freilich nicht immer, nicht vollkommen und keineswegs ohne Selbstt\u00e4uschung. Er kann den eigenen Stolz pr\u00fcfen, den Ursprung seiner Ziele untersuchen und eine Aggression erkennen, bevor sie sich als vermeintliche Notwendigkeit Bahn bricht. Dass er dazu f\u00e4hig ist, macht ihn nicht automatisch vern\u00fcnftig. Es macht ihn aber verantwortlich.<\/p>\n<p>Vielleicht bewundert der Mensch die Greifv\u00f6gel deshalb so sehr, weil sie eine Freiheit verk\u00f6rpern, die keine innere Zerrissenheit zu kennen scheint. Der Adler steigt auf, der Falke st\u00f6\u00dft herab, der Habicht greift zu. Keiner muss sich erkl\u00e4ren. Doch eben darin liegt die Grenze des Vergleichs. Der Mensch kann nicht einfach fliegen, wohin seine Kraft ihn tr\u00e4gt, und anschlie\u00dfend behaupten, die Natur habe f\u00fcr ihn entschieden. Er lebt in einer Welt, in der Handlungen Folgen haben, in der andere Menschen ebenfalls frei sein wollen und in der die eigene St\u00e4rke dort zum Problem wird, wo sie die Freiheit der anderen vernichtet.<\/p>\n<p>Die H\u00f6he allein macht noch keinen souver\u00e4nen Menschen. Das Ziel allein macht noch keinen freien Willen. Und die Unmittelbarkeit des Instinkts ist noch keine Weisheit. Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung darin, keine dieser Kr\u00e4fte zu verleugnen und keiner von ihnen blind zu gehorchen. Der Adler kann lehren, Abstand zu gewinnen; der Falke, eine Bewegung zu vollenden; der Habicht, die Macht des K\u00f6rpers nicht zu untersch\u00e4tzen. Doch keiner kann dem Menschen die Entscheidung abnehmen, was er aus seiner Kraft macht.<\/p>\n<p>Die V\u00f6gel fliegen. Der Mensch muss sich zu seinem Flug eine Haltung erarbeiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Macht, Willen und die dunkle Natur des Menschen Der Mensch hat sich seine Lieblingstiere stets nach dem Ma\u00df seiner Sehns\u00fcchte ausgesucht. Dem L\u00f6wen \u00fcberlie\u00df er die Majest\u00e4t, dem Pferd die edle Gefolgschaft, dem Hund die Treue. 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