Leseprobe -- Oriana Fallaci -- Die Wut und der Stolz

Das Problem ist, dass der Spuk mit dem Tod Osama Bin Ladens nicht vorbei, nicht gelöst ist. Denn es gibt zu viele Osama Bin Ladens, gerade heute: Sie sind wie geklonte Schafe aus unseren Forschungslabors, aber gar nicht dumm. Ich will sagen: Sie sind nicht wie ihre Vorfahren, die Krieger, die Spanien und Portugal eroberten und dabei auf Kamelen ritten und mit dem Krummsäbel kämpften. Sie können eine 757 fliegen und mit Waffen kämpfen, die der Westen bereithält. Mit den Waffen des Fortschritts. Sie können die kompliziertesten Computer bedienen und sich in einem Augenblick Zugang zu den allerneuesten Informationen verschaffen. Sie wissen, wie man eine Atombombe baut und wie man ein Atomkraftwerk in die Luft sprengt oder lahm legt. Sie wissen, wie man die Stromversorgung, das Telefonnetz, die Finanzwelt zerstört, wie man einen ansteckenden Virus verbreitet. Wie man eine Regierung erpresst, wie man einen Papst manipuliert, wie man eine geschickte Propaganda entwickelt. Also wie sie die Köpfe ihrer Opfer beherrschen können, indem sie Einfluss nehmen auf das politische und intellektuelle Umfeld. Also auf Presse, Filme, Bücher. Es sind tatsächlich die am besten Ausgebildeten und die Intelligentesten, die nicht in ihren moslemischen Heimatändern bleiben, in den Höhlen Afghanistans oder in den Moscheen Irans und Pakistans.

Sie halten sich in unseren Ländern auf, unseren Städten, unseren Universitäten, unseren Unternehmen. Sie haben Zugang zu unseren Kirchen, unseren Banken, unserem Fernsehen, unseren Radios, unseren Zeitungen, unseren Verlagen, unseren akademischen oder religiösen Zirkeln, unseren Gewerkschaften und unseren Parteien. Sie nisten sich in unseren technischen Nervenknoten ein, im Herz unserer Gesellschaft. Einer Gesellschaff, die sie beherbergt, ohne ihr Anderssein zu hinterfragen, ohne ihre Absichten zu überprüfen, ohne ihren Fanatismus zu bestrafen. Einer Gesellschaft, die sie im Geiste der Demokratie aufnimmt, der Aufgeschlossenheit, des christlichen Mitleids, ihrer liberalen Grundsätze, ihrer zivilen Gesetzgebung.
Einer Gesetzgebung, die beispielsweise die Folter abgeschafft hat und die Todesstrafe. Die es nicht erlaubt, jemanden zu verhaften und festzuhalten, wenn er kein Verbrechen begangen hat, einen Prozess abzuhalten, wenn der Angeklagte nicht von einem Rechtsanwalt verteidigt wird, jemanden zu verurteilen, wenn eine Tat nicht nachgewiesen werden konnte. Die es ermöglicht, in Berufung zu gehen und eine Strafe aufzuheben, Verbrecher wie sie freizulassen. Liberale Prinzipien, die sie schamlos ausnutzen, durch die sie sich schamlos Vorteile verschaffen und die sie gleichzeitig selbst nicht achten. Die Demokratie bedankt sich bei denen, die sich in unserer Mitte niederlassen, in unsere Leben eindringen, uns belästigen, uns töten.

Nicht zufällig hat ein islamischer Gelehrter während einer Synode, die im Oktober 1999 im Vatikan stattfand, um das Verhältnis zwischen Christen und Moslems zu diskutieren, mit einiger Unverfrorenheit zu den Bischöfen gesagt: "Angesichts eures demokratischen Selbstverständnisses sollten wir euch angreifen, angesichts unseres religiösen Selbstverständnisses sollten wir euch beherrschen." (Das bezeugte Monsignor Giuseppe Bernardini, Erzbischof der türkischen Diözese in Smyrna.)

Nein, mein Lieber, nein: Der Umgekehrte Kreuzzug braucht keinen Osama Bin Laden, keinen Napoleon. Egal, ob mit oder ohne ihn, es ist heute eine unverrückbare Tatsache, eine immer bedeutsamere Realität, dass der Westen mittels seiner Haltung und seiner Kollaborateure (derjenigen, die die Eindringlinge unterstützen) ihn nährt und stützt. Das ist der Grund, warum die Kreuzfahrer immer mehr werden, immer mehr wollen, immer mehr beherrschen. In der Tat, mit ihnen zu verhandeln ist unmöglich. Vernünftig zu reden, undenkbar. Sie mit Nachsicht zu behandeln, ein Selbstmord. Und wer das Gegenteil glaubt, ist ein Idiot.