Leseprobe -- Georges Minois -- Die Hölle

Die Verteidiger der traditionellen Hölle entwickeln zu dieser Zeit übrigens in sehr aufschlußreicher Weise das Argument von der gesellschaftlichen Nützlichkeit der Hölle, was voll und ganz dem Zeitgeschmack entspricht. Die Hölle ist das beste Bollwerk für Stabilität, Ordnung, öffentliche und private Moral, sie muß also bestehen. Existierte sie nicht, müßte man sie erfinden. Dies ist in etwa der Inhalt der Erklärung zum Stichwort »Hölle« in der Encyc1opädie francaise, deren Verfasser weit erhaben ist über den Verdacht, ein Philosoph zu sein. Nicolas Sylvestre Bergier, Domherr von Notre Dame de Paris und Beichtvater des Bruders von Ludwig XIV. hat mit Voltaire so manchen Strauß ausgefochten. Die Frage, wo sich diese Hölle befindet, ist unnütz und frivol. Manche siedeln sie im Mittelpunkt der Erde an, manche auf der Sonne und einige »Träumer« in den Kometen. In Wirklichkeit weiß es niemand. Dagegen ist sicher, daß die Verdammten sich in einem wahrscheinlich materiellen Feuer befinden, das in geheimnisvoller Weise auf die Seelen wirkt. Die Pein ist selbstverständlich ewig. Daher auch die klassische Frage, ob dies im Gegensatz zur unendlichen Güte Gottes steht. Gewissenhaft prüft Bergier alle für die Hölle ungünstigen Argumente, er kennt sie wohl und legt sie ehrlich dar, um sie sodann derart kraftlos und förmlich zu entwerten, daß man sich fragen muß, ob er wirklich überzeugt ist: »Wir kennen die Rechte einer unendlichen Gerechtigkeit sehr schlecht, ebenso die Schwere der Beleidigungen gegenüber einer unendlichen Majestät.«
Gott soll die Seelen geschaffen haben im Bewußtsein, daß sie verdammt würden? Ja, »aber wissen und wollen ist nicht das gleiche«, argumentiert er. Schließlich bringt er sein wahres Argument, das er ganz unmerklich einfließen läßt: Das Fehlen einer Hölle ist eine Ermutigung der Bösen, also gibt es eine Hölle: »Es gibt einen Beweis gegen die Ungläubigen, der stärker ist als alle ihre Sophismen, den sie nie widerlegen können. Ihre Doktrin ist nichts anderes als eine Ermutigung aller Schurken des Universums und läßt sie auf Straffreiheit hoffen. Also ist sie falsch. Wenn der Glaube an eine ewige Hölle sie schon nicht von ihrer Schlechtigkeit abbringen kann, dann kann dies die Lehre von einer zeitlich begrenzten Strafe noch weniger. Die Welt wäre nicht bewohnbar, wenn die Bösen nach diesem Leben nichts mehr zu fürchten hätten.« Nach solchen Äußerungen ist es schwierig zu glauben, daß - zumindest für einen Teil des Klerus - die Befürwortung der Hölle nicht reine Berechnung ist. Übrigens ist die abschreckende Wirkung der Strafe einer der Grundpfeiler der menschlichen Justiz dieser Zeit, trotz der neuen Ideen, denen zufolge die Strafe mehr erzieherischen als repressiven Wert haben soll. Sogar Leibniz steht auf dem Standpunkt, daß die Strafe für Ketzer und Königsmörder vom Volk, auf das sie zweifellos eine positive Auswirkung hat, gutgeheißen wird: »Es gibt Fälle, wo das Volk es billigt, daß man gewisse Verbrecher an kleinem Feuer sterben läßt, wie z. B. als Franz 1. einige nach den berüchtigten Bekanntmachungen vom Jahre 1554 der Ketzerei Beschuldigte in dieser Weise hinrichten ließ.