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Die Fotografie einer berühmten Frau
M. ist ein Hollywood-Filmstar. Schon als Kind hat sie in großen Filmen mitgespielt, inzwischen ist sie selbst Mutter geworden. Die namenlose Erzählerin von Rachel Cusks Roman ist Schriftstellerin und wird von M. bewundert. „Das Leben der M.“ ist der Versuch dieser Erzählerin, eine Biografie des Filmstars zu schreiben.
Wer M. ist, lässt sich allerdings ohne allzu große detektivische Anstrengung herausfinden. Inzwischen wissen wir: M. ist Natalie Portman, die Erzählerin Rachel Cusk selbst. Die beiden kennen sich, Portman hat sich öffentlich anerkennend über Cusk geäußert, und möglicherweise gab es sogar eine gemeinsame Projektidee – vielleicht den Versuch einer Autobiografie, aus dem dann dieser Roman hervorgegangen ist. Das ist, zugegeben, eine interessante Konstellation. Nur wird aus einer interessanten Konstellation noch kein interessanter Roman.
Auch wer nichts von dieser Verbindung weiß, dürfte als Cineast schnell auf die Identität von M. kommen. Die beschriebenen Filme, das öffentliche Leben und nicht zuletzt der Hinweis auf das Gesicht einer großen Parfümmarke lassen den Kreis der Verdächtigen überschaubar werden. Doch das eigentliche Problem liegt ohnehin woanders. Selbst wenn M. nicht Natalie Portman wäre, bliebe sie eine erstaunlich konturlose Figur.
Wir erfahren, wie sie in Filmen auftritt, in vornehmen Restaurants speist, sich in schicken Cafés mit Menschen trifft, Kunstgalerien besucht, an sorgfältig kuratierten Literaturveranstaltungen teilnimmt und in der Öffentlichkeit von Fremden um Selfies gebeten wird. Es ist die Welt, die man sich unter dem Leben eines internationalen Filmstars vorstellt. Und genau darin liegt die Merkwürdigkeit dieses Buches: Hätte Cusk Portman nie getroffen, hätte sie einen großen Teil dieses Materials vermutlich trotzdem verwenden können. Es gehört zum Allgemeinwissen über Berühmtheit, nicht zum individuellen Wissen über einen Menschen. Bezeichnenderweise spricht die Erzählerin dieses Problem selbst an. Nur löst die Selbsterkenntnis das Problem nicht.
Denn „Das Leben der M.“ besitzt kaum Handlung im herkömmlichen Sinn. Stattdessen bewegt sich der Roman durch Gespräche und Reflexionen über Ruhm, Mutterschaft, Öffentlichkeit, Identität und die Sehnsucht nach einem authentischeren Leben. M. möchte, so scheint es, einen Zustand des Realismus erreichen, der ihr aufgrund ihrer frühen und anhaltenden Berühmtheit verwehrt geblieben ist. Sie hat ihr Leben damit verbracht, andere Menschen zu verkörpern, und scheint nun feststellen zu müssen, dass hinter den Rollen womöglich gar keine stabile eigene Person auf sie wartet.
Das ist als Gedanke durchaus reizvoll. Nur wird er von Cusk derart ausgestellt, dass irgendwann der Verdacht entsteht, die vermeintliche Tiefe des Romans liege vor allem in der Behauptung seiner Tiefe. M. bleibt kalt, distanziert und auf eine eigentümlich emotionslose Weise isoliert. Ihr Leben wird weder als Tragödie noch als Privileg erzählt. Es ist einfach ihr Zustand. Das könnte eine bewusste literarische Entscheidung sein. Vielleicht soll gerade die Unzugänglichkeit der Figur zeigen, was Prominenz mit einem Menschen macht.
Nur bleibt auch der Leser auf Distanz.
M. ist wie ein Schiff auf hoher See, das man am Horizont erkennen kann, ohne ihm jemals näherzukommen. Man sieht seine Silhouette, vielleicht sogar die Lichter an Deck, aber man erfährt nicht, wer sich darin befindet. Das Bild passt erstaunlich gut zu diesem Roman – und ist zugleich sein Problem. M. erscheint weniger als ausgearbeitete literarische Figur denn als Fotografie einer berühmten Person. Man erkennt sie sofort, aber man kennt sie deshalb noch lange nicht.
Vielleicht ist genau das Cusks Botschaft. Der Preis dafür, als Schauspielerin ständig andere Rollen und Emotionen glaubhaft verkörpern zu müssen, könnte darin bestehen, im wirklichen Leben keine eindeutige Persönlichkeit mehr zu besitzen. Wer sein ganzes Leben von den Blicken anderer lebt, verliert womöglich irgendwann den Zugang zu einem Selbst, das nicht gesehen, bewertet oder vermarktet werden muss. Das wäre ein durchaus interessanter Gedanke über Ruhm und Identität.
Nur hätte dieser Gedanke eine größere literarische Entdeckungskraft verdient.
Stattdessen bleiben die Reflexionen über Ruhm, Mutterschaft und das Leben einer Schauspielerin häufig dort, wo sie begonnen haben: in der Welt jener gedanklichen Allgemeinplätze, die das klassische Feuilleton besonders gern mit einer Aura von Bedeutung versieht. Es ist immer wieder erstaunlich, wie mühelos ein bestimmter literarischer Diskurs ein Buch bedeutender erscheinen lassen kann, als es beim unvoreingenommenen Lesen tatsächlich wirkt. Dass Cusk ihre Gedanken sprachlich elegant verarbeitet, steht dabei gar nicht zur Debatte. Aber Eleganz ist noch keine Erkenntnis, und literarische Abstraktion wird nicht automatisch zu Tiefe, nur weil sie in wohlgesetzten Sätzen daherkommt.
Am Ende stellt M. der Erzählerin eine Frage. Eigentlich hätte diese Frage nicht nur an die Schriftstellerin, sondern an den gesamten Roman gerichtet sein können. Denn wenn zwei Menschen sich über viele Seiten hinweg betrachten, ohne einander wirklich näherzukommen, stellt sich irgendwann die naheliegende Frage, was von dieser Begegnung eigentlich übrig bleibt.
Vielleicht hätte M. deshalb einfach fragen sollen: „Wozu das alles?“
Das wäre zumindest eine Frage gewesen, auf die der Roman selbst hätte antworten müssen.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 22. September 2026