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Buchkritik -- Daniel Silva -- Das Meisterwerk

Umschlagfoto, Buchkritik, Daniel Silva Das Meisterwerk, InKulturA Gabriel Allon weiß alles – nur der Roman weiß nicht mehr wohin

Das Positive gleich vorweg: „Das Meisterwerk“ ist, wie eigentlich alle Romane Daniel Silvas, handwerklich souverän geschrieben. Silva versteht sein Metier, beherrscht Tempo und Dramaturgie und weiß selbstverständlich, wie man seinen inzwischen vertrauten Helden Gabriel Allon durch die Welt der Geheimdienste, der Kunst und des internationalen Verbrechens bewegt. Und doch bleibt am Ende ein merkwürdiger Nachgeschmack. Denn diesmal ist es weniger die Geschichte, die enttäuscht, als das, was Silva aus ihr machen möchte.

Im Zentrum steht ein Kunstdiebstahl, den Gabriel Allon aufdeckt und schließlich aufklärt. Das Motiv ist innerhalb der neueren Allon-Romane keineswegs neu. Wieder einmal greift Allon zu jener Methode, die inzwischen beinahe zum Markenzeichen der Serie geworden ist: Er fertigt eine perfekte Fälschung an und platziert sie dort, wo sie die Täter aus der Reserve locken soll. Das ist routiniert erzählt und durchaus unterhaltsam, nur eben nicht mehr sonderlich überraschend. Man kennt inzwischen den Mann, die Methode und auch das Ergebnis.

Überhaupt liegt in der Welt Silvas ein gewisser Hang zur Perfektion, der mit zunehmender Dauer weniger faszinierend als ermüdend wirkt. Allon ist nicht einfach ein hervorragender Restaurator und Künstler, sondern der Beste seines Fachs. Als Ermittler ist er selbstverständlich ebenfalls kaum zu übertreffen. Und seine Mitstreiter stehen ihm darin nur wenig nach. Ingrid Johansen ist die begnadetste Diebin und Hackerin, Christopher Keller war einst der weltbeste Auftragsmörder. Selbst die Kinder dürfen nicht einfach Kinder sein; sie sind hochbegabt, erstaunlich reflektiert und für ihr Alter von einer Reife, die mitunter eher nach Drehbuch als nach wirklichem Leben klingt. Dazu gehört eine Welt, in der man vorzugsweise in den besten Restaurants speist, sich mit den besten Weinen umgibt und Luxus weniger als Ausnahme denn als selbstverständliche Lebensform behandelt.

Man kann einem Autor schwerlich vorwerfen, seine Figuren zu idealisieren. Es ist seine Welt, und er darf sie bevölkern, wie es ihm gefällt. Nur entsteht aus der Summe dieser Überhöhungen ein merkwürdiger Verlust an Widerstand. Wenn alle Beteiligten außergewöhnlich klug, außergewöhnlich schön, außergewöhnlich begabt und moralisch einigermaßen auf der richtigen Seite stehen, wird die Welt, in der sie sich bewegen, irgendwann erstaunlich glatt. Gerade ein Thriller aber lebt von Brüchen, Irrtümern, Ambivalenzen und menschlichen Unzulänglichkeiten. Silva scheint seinen Figuren all das zunehmend ersparen zu wollen.

Das eigentliche Problem des Romans liegt allerdings noch an einer anderen Stelle. Silva belässt es nicht dabei, eine Geschichte zu erzählen, sondern versieht sie mit einer moralischen Begleitmusik, die sich bisweilen unangenehm in den Vordergrund schiebt. Sowohl beim Ukraine-Krieg als auch bei der Haltung des Papstes zur Flüchtlingsfrage bezieht der Autor sehr eindeutig Stellung. Das ist selbstverständlich sein gutes Recht. Nur stellt sich die literarische Frage, ob ein Thriller diese politische und moralische Eindeutigkeit tatsächlich benötigt, zumal dann, wenn sie nicht organisch aus der Handlung erwächst, sondern dem Leser gewissermaßen mitgegeben wird.

Gerade die Figur Gabriel Allon macht diesen Eingriff problematisch. Seine israelische Vergangenheit und seine Verbindungen zum Mossad liegen inzwischen weitgehend hinter ihm. Der einstige Geheimdienstmann hat sich längst stärker in Richtung Kunst, Restaurierung und ein beinahe bürgerliches Leben bewegt. Das ist durchaus reizvoll, weil Silva damit seiner Figur eine zweite Existenz gegeben hat. Umso störender wirkt es, wenn der Roman seine politische Autorität nun erneut ausspielen möchte. Allon wird damit nicht interessanter, sondern bisweilen zum Sprachrohr seines Autors.

Das eigentliche Thema des Romans ist ohnehin ein anderes: die Korruption innerhalb der katholischen Kirche, genauer gesagt in den verschlungenen Strukturen der päpstlichen Bürokratie und der Kurie. Hier hätte der Stoff genügend Material für einen spannenden Thriller geboten. Macht, Geld, Kunst und kirchliche Institutionen, das sind Untiefen, in denen ein Autor wie Silva eigentlich kaum nach zusätzlicher Dramatik suchen müsste. Doch auch hier bleibt vieles erstaunlich berechenbar.

Bemerkenswert ist dabei, dass die Täter des Kunstdiebstahls gerade nicht aus den großen Sphären internationaler Politik stammen. Ihre Motive liegen vielmehr in den Niederungen und Verwerfungen des Kunsthandels. Das hätte dem Roman gutgetan. Denn sobald Silva sich auf diese Welt konzentriert, wird die Geschichte konkreter und glaubwürdiger. Der Kunstmarkt mit seiner Mischung aus Geld, Eitelkeit, Gier und kulturellem Prestige besitzt seine eigene kriminelle Dramaturgie. Dafür braucht es eigentlich weder Moskau noch Kiew und schon gar keine politische Gebrauchsanweisung.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Enttäuschung dieses Romans: Silva hat einen Stoff, der ganz ohne politische Überhöhung auskommen könnte, und vertraut ihm dennoch nicht vollständig. Die Geschichte des Kunstdiebstahls und der korrupten kirchlichen Machtstrukturen hätte genügt. Stattdessen legt der Autor über seine Handlung ein moralisches Raster, das dem Leser manche Deutung bereits abnimmt. Ein Thriller sollte aber nicht unbedingt wissen wollen, was sein Leser zu denken hat. Er sollte ihn zunächst einmal dazu bringen, weiterzulesen.

Das gelingt in „Das Meisterwerk“ nur bedingt. Die Geschichte ist solide konstruiert, aber mäßig fesselnd und an manchen Stellen vorhersehbar. Silva schreibt nach wie vor auf hohem handwerklichem Niveau, doch Routine kann irgendwann selbst bei einem Könner zur Hypothek werden. Gabriel Allon ist inzwischen so perfekt, dass man sich fast nach einem Fehler von ihm sehnt.

Der Titel verspricht also mehr, als der Roman einzulösen vermag. „Das Meisterwerk“ ist keineswegs ein Meisterwerk. Es ist ein routiniert erzählter Thriller eines Autors, der sein Handwerk beherrscht, seinen Figuren aber inzwischen zu wenig zumutet – und seinem Leser gelegentlich zu viel sagen möchte.




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Veröffentlicht am 4. September 2026