Die totale Institution im Gleichklang

Erving Goffmans Begriff der totalen Institution bezeichnete einst klar umgrenzte Orte: Anstalten, Kasernen, Gefängnisse. Räume, in denen Leben vollständig organisiert, Verhalten normiert und Identität systematisch reduziert wurde. Der entscheidende Punkt war nie die Mauer, sondern die Totalität des Zugriffs. Wer das begriffen hat, erkennt die Aktualität des Konzepts dort, wo heute niemand mehr von Anstalten spricht.

Die moderne totale Institution ist kein Ort mehr, sondern ein Zustand. Sie schließt nicht ein, sie durchdringt. Sie zwingt nicht, sie strukturiert Erwartung. Und sie wirkt am effektivsten dort, wo Politik, Medien und moralischer Diskurs in ein stabiles Unisono fallen. Weiterlesen

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Die Bildungskatastrophe geht weiter

Ein Hoch auf die intellektuelle Diätkost!

Endlich! Ein Lichtblick am düsteren Horizont der deutschen Bildungslandschaft. Ein Berliner Gymnasium, Hort der Elite von morgen, hat den gordischen Knoten der Literaturvermittlung zerschlagen. Die Lösung ist so genial wie einfach: Man nehme die komplexen, sprachlich anspruchsvollen Werke unserer literarischen Giganten und schrumpfe sie auf ein bekömmliches, leicht verdauliches Maß. „Faust“ für Dummies, „Nathan der Weise“ als Baukasten, ein Triumph der pädagogischen Effizienz! Weiterlesen

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Die tönende Verzweiflung

Eine Meditation über das barocke Adagio und die Endlichkeit

Es ist eine sonderbare und doch tief vertraute Regung, die uns ergreift, wenn die ersten getragenen Noten eines barocken Largo oder Andante den Raum zu füllen beginnen. Der anfängliche Glanz des Allegros, sein preschender, lebensbejahender Puls, weicht einer plötzlichen Gravitation. Der Klang dehnt sich, wird schwerer, und in dieser Dehnung scheint sich für einen Augenblick der Vorhang zu lüften, der das Getriebe der Welt verhüllt. Es liegt darin der Hauch einer Verzweiflung über die Endlichkeit des Menschen. Diese Wahrnehmung ist mehr als nur Hören; sie ist ein Lauschen, durch das sich eine Wahrheit offenbart, die dem flüchtigen Wort oft verschlossen bleibt. Weiterlesen

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Grenzgänger der Wirklichkeit

Castaneda, Hesse, Eliade, Cioran – eine Versuchsanordnung

Wer heute über Carlos Castaneda schreibt, sieht sich rasch moralisch in der Defensive. Zu unerquicklich die Biografie, zu autoritär das Umfeld, zu unerquicklich auch das geistige Nachleben seiner Lehren. Doch gerade diese Unbequemlichkeit macht Castaneda interessant. Er ist weniger ein Irrtum der Literaturgeschichte als ein Symptom – für eine Epoche, die Wahrheit durch Erfahrung ersetzt und Erkenntnis mit Selbsttransformation verwechselt.

Castaneda steht damit nicht isoliert. Er gehört in eine lose Genealogie moderner Grenzgänger, jener Autoren, die nicht erklären, sondern destabilisieren. Ein Vergleich mit Hermann Hesse, Mircea Eliade und Emil Cioran macht sichtbar, wo Castaneda anschließt – und wo er gefährlich ausschert. Weiterlesen

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Der herrschaftsfreie Diskurs und die KI

Jürgen Habermas, einer der einflussreichsten Denker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, hat mit seiner Theorie des kommunikativen Handelns und dem Ideal des herrschaftsfreien Diskurses einen normativen Horizont für die demokratische Öffentlichkeit entworfen. In diesem Idealzustand, der „idealen Sprechsituation“, sollen sich die Teilnehmer eines Diskurses allein vom „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ leiten lassen, frei von jeglicher Form von interner oder externer Nötigung. Macht, Status und strategische Interessen sollen in den Hintergrund treten und einer reinen, auf Verständigung ausgerichteten Rationalität Platz machen. Angesichts der rasanten Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) stellt sich eine provokante Frage: Könnte ausgerechnet diese Technologie, die oft als Bedrohung für die menschliche Autonomie und den öffentlichen Diskurs wahrgenommen wird, ein ungeahntes Potenzial zur Verwirklichung des Habermas’schen Ideals bergen? Der Gedanke ist ebenso faszinierend wie ambivalent, denn die KI trägt sowohl das Versprechen einer radikalen Rationalisierung als auch die Gefahr neuer, subtiler Formen der Herrschaft in sich. Weiterlesen

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Die gegenwärtige Sprachkrise – Eine Gesamtdiagnose

Einleitung: Die Signatur des Zeitstils

Jede Epoche, die in eine tiefgreifende Krise gerät, entwickelt einen ihr eigenen Stil, eine Signatur, die sich in Kunst, Architektur, aber vor allem in der Sprache niederschlägt. Dieser „Zeitstil“, ein von Ernst Jünger geprägter Begriff, ist mehr als nur eine ästhetische Mode; er ist ein seismographisches Instrument, das die tektonischen Verschiebungen im Fundament einer Kultur aufzeichnet. Die Sprache wird dabei zum primären Schauplatz des Verfalls. Sie verliert ihre deskriptive Kraft, ihre Fähigkeit, die Wirklichkeit abzubilden, und wird stattdessen zu einem Instrument der Macht, zu einem Arsenal von Chiffren, das nicht mehr der Verständigung, sondern der Verschleierung und der ideologischen Indoktrination dient. Die Krise der Sprache ist somit niemals nur eine linguistische Angelegenheit, sondern stets das Symptom einer tieferen kulturellen und geistigen Desorientierung. Weiterlesen

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Die verwertete Pause

Rauhnächte zwischen Mythos, Markt und Selbstmanagement

Die Rauhnächte waren nie romantisch. Sie waren gefährlich. Nicht, weil Geister durch die Nacht jagten, sondern weil die Ordnung selbst suspendiert war. Zeit funktionierte nicht zuverlässig, Arbeit galt als riskant, Entscheidungen als anmaßend. Die Welt hielt inne, weil sie es musste. Der Mythos war kein Schmuck, sondern eine Notlösung. Weiterlesen

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Krieg ist ab sofort grün

Meine Damen und Herren, liebe umweltbewusste Mitbürgerinnen und Mitbürger, atmen Sie auf! Die Zeit der quälenden Gewissensbisse ist vorbei. Endlich können wir mit reinem Gewissen in eine nachhaltige Zukunft investieren, ohne auf die beruhigende Sicherheit von Panzern, Kampfflugzeugen und präzisionsgelenkter Munition verzichten zu müssen. Ja, Sie haben richtig gehört: Krieg ist ab sofort grün! Weiterlesen

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Dann macht es eben die KI

Die Politik braucht Nullen

Ein Aufschrei der Erleichterung geht durch die deutschen Lehrerzimmer, Tränen der Freude kullern über die Wangen gestresster Eltern, und die Kinder, ja, die Kinder tanzen auf den Tischen: Das schriftliche Dividieren ist tot! Lang lebe die „Verstehensorientierung“! In einem Akt beispielloser pädagogischer Gnade hat das niedersächsische Kultusministerium entschieden, unsere Kleinsten nicht länger mit der grausamen, fehleranfälligen und, seien wir ehrlich, zutiefst undemokratischen Prozedur der schriftlichen Division zu quälen. Es ist ein Sieg der Menschlichkeit über die Tyrannei der Zahlen, ein Meilenstein auf dem Weg in eine sorgenfreie, post-intellektuelle Zukunft, in der das Denken optional und das Fühlen obligatorisch ist. Weiterlesen

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Wo ist die Friedensbewegung?

Es gibt Zeiten, da verschwindet etwas nicht mit einem Knall, sondern mit einem Achselzucken. Die Friedensbewegung ist ein solches Phänomen. Einst war sie laut, unerquicklich, störend,+ heute ist sie vor allem: abwesend. Und diese Abwesenheit fällt umso greller ins Auge, je schriller die gegenwärtige Kriegshysterie intoniert wird, orchestriert von einem polit-medialen Kartell, das den Ernstfall nicht mehr als Möglichkeit, sondern als moralische Pflicht behandelt. Weiterlesen

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