Jack Carr, Kriegserfahrung als literarisches Kapital

Es gibt Thrillerautoren, die recherchieren. Und es gibt solche, die erinnern. Jack Carr gehört zur zweiten Kategorie. Seine Romane tragen nicht nur die Handschrift des Spannungsprofis, sondern die Gravur eines Mannes, der über zwei Jahrzehnte als Navy SEAL im Einsatz war, unter anderem im Irak und in Afghanistan. Er kennt nicht nur die Terminologie militärischer Operationen, sondern die Physiologie der Anspannung, das psychische Nachbeben nach Gefechten, die stille Erosion der Gewissheiten. Weiterlesen

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Eine faule Wette

Es gibt Sätze, die klingen wie beiläufig hingeworfen, und doch tragen sie das Gewicht einer ganzen Welt. „Die ideale Welt ist eine faule Wette und erfordert eine Portion Glück, auf die man sich nicht verlassen kann.“ Darin liegt etwas von jener leisen Ernüchterung, die nicht laut klagt, sondern still nickt, als hätte sie längst verstanden, dass das Hoffen allein kein Fundament ist. Weiterlesen

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Die Ambivalenz der Freundlichkeit

Auch ein freundlicher Mensch kann dich zerstören, er braucht nur mehr Zeit dazu.‟

Ferdinand von Schirach, „Ein stiller Freund‟

Es gibt Sätze, die sich nicht mit Pathos aufladen, sondern mit Stille. Sie tragen keine Drohung in sich, sondern eine Ahnung. Dieser hier gehört zu ihnen. Er ist kein moralischer Aufschrei, sondern eine feine, beinahe melancholische Diagnose. Denn er richtet sich nicht gegen das Böse, sondern gegen das Gute. Nicht gegen die Brutalität, sondern gegen die Sanftheit. Weiterlesen

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Brad Thor und die Politik der permanenten Alarmbereitschaft

Wer die Romane von Brad Thor liest, betritt keine Welt der Ambivalenzen. Er betritt eine Welt der Entscheidung. Dort, wo andere Autoren das Zwielicht lieben, bevorzugt Thor das Flutlicht. Seine Bücher sind keine tastenden Annäherungen an politische Wirklichkeit, sondern dramatische Verdichtungen eines Weltbildes, das von Bedrohung, Entschlossenheit und moralischer Klarheit getragen wird. Weiterlesen

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Gegenwart unter Vorbehalt – Über das Aushalten der Welt

Vorwort und Verortung

Die folgenden sechs Betrachtungen sind kein Kommentar von außen.

Sie sind aus einer Lage heraus geschrieben.

Die Texte sind entstanden im Inneren einer Gegenwart, die sich nicht mehr selbstverständlich betreten lässt. Nicht aus Ablehnung, sondern aus Vorsicht. Nicht aus Überdruss, sondern aus Aufmerksamkeit. Wer zu genau hinsieht, lernt, sich unter Vorbehalt zu bewegen.

Was hier versammelt ist, sind keine Antworten, keine Thesen, keine Entwürfe eines besseren Lebens. Es sind Beobachtungen aus Tagen, die voll waren und dennoch leer blieben. Aus Gesprächen, die geführt wurden, ohne etwas zu berühren. Aus einer Wachheit, die müde macht, weil sie sich nicht abschalten lässt.

Diese Essays verstehen sich nicht als Kritik im klassischen Sinn. Sie richten sich gegen nichts Konkretes und vertreten keine Agenda. Sie halten fest, was sich im Alltag oft entzieht: die leise Erschöpfung des Bewusstseins, die Unstimmigkeit zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die Sehnsucht nach Tiefe in einer Zeit der glatten Oberflächen.

Die Verortung, von der hier die Rede ist, ist keine theoretische. Sie ist existenziell. Sie beschreibt eine Position zwischen Teilnahme und Distanz, zwischen Anwesenheit und innerem Rückzug. Ein Leben in der Gegenwart, aber nicht ohne Einwand.

Vielleicht ist Aushalten keine Schwäche, sondern eine Form der Genauigkeit. Vielleicht beginnt Widerstand dort, wo man aufhört, sich einzurichten. Diese Texte wollen nichts auflösen. Sie wollen sichtbar machen, was bleibt, wenn man sich der Vereinfachung verweigert.

Sie sind zu lesen als ein Protokoll dieser Haltung.

Nicht abgeschlossen.

Nicht versöhnt.

Aber verortet. Weiterlesen

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Don Winslow: Meister des epischen Thrillers

Eine Würdigung des Autors, der die dunkle Seite Amerikas wie kein anderer sezierte

Mit der Veröffentlichung von „City in Ruins“ im Frühjahr 2024 endete nicht nur eine fesselnde Gangster-Trilogie, sondern auch eine Ära der amerikanischen Kriminalliteratur. Don Winslow, der Meister des epischen, akribisch recherchierten und unerbittlich realistischen Thrillers, hat seinen Abschied von der Schriftstellerei verkündet. Nach mehr als zwanzig Romanen in über drei Jahrzehnten, die das Genre neu definierten und die Grenzen zwischen Fiktion und politischer Realität verwischten, hinterlässt er ein Werk, das in seiner Wucht, seiner Komplexität und seiner moralischen Dringlichkeit seinesgleichen sucht. Es ist an der Zeit, das literarische Schaffen dieses Ausnahmekünstlers zu würdigen, eines Mannes, der wie kein anderer die Anatomie der Gewalt, die Mechanismen der Korruption und die tragischen Verstrickungen des amerikanischen Traums seziert hat. Weiterlesen

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Die totale Institution im Gleichklang

Erving Goffmans Begriff der totalen Institution bezeichnete einst klar umgrenzte Orte: Anstalten, Kasernen, Gefängnisse. Räume, in denen Leben vollständig organisiert, Verhalten normiert und Identität systematisch reduziert wurde. Der entscheidende Punkt war nie die Mauer, sondern die Totalität des Zugriffs. Wer das begriffen hat, erkennt die Aktualität des Konzepts dort, wo heute niemand mehr von Anstalten spricht.

Die moderne totale Institution ist kein Ort mehr, sondern ein Zustand. Sie schließt nicht ein, sie durchdringt. Sie zwingt nicht, sie strukturiert Erwartung. Und sie wirkt am effektivsten dort, wo Politik, Medien und moralischer Diskurs in ein stabiles Unisono fallen. Weiterlesen

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Die Bildungskatastrophe geht weiter

Ein Hoch auf die intellektuelle Diätkost!

Endlich! Ein Lichtblick am düsteren Horizont der deutschen Bildungslandschaft. Ein Berliner Gymnasium, Hort der Elite von morgen, hat den gordischen Knoten der Literaturvermittlung zerschlagen. Die Lösung ist so genial wie einfach: Man nehme die komplexen, sprachlich anspruchsvollen Werke unserer literarischen Giganten und schrumpfe sie auf ein bekömmliches, leicht verdauliches Maß. „Faust“ für Dummies, „Nathan der Weise“ als Baukasten, ein Triumph der pädagogischen Effizienz! Weiterlesen

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Die tönende Verzweiflung

Eine Meditation über das barocke Adagio und die Endlichkeit

Es ist eine sonderbare und doch tief vertraute Regung, die uns ergreift, wenn die ersten getragenen Noten eines barocken Largo oder Andante den Raum zu füllen beginnen. Der anfängliche Glanz des Allegros, sein preschender, lebensbejahender Puls, weicht einer plötzlichen Gravitation. Der Klang dehnt sich, wird schwerer, und in dieser Dehnung scheint sich für einen Augenblick der Vorhang zu lüften, der das Getriebe der Welt verhüllt. Es liegt darin der Hauch einer Verzweiflung über die Endlichkeit des Menschen. Diese Wahrnehmung ist mehr als nur Hören; sie ist ein Lauschen, durch das sich eine Wahrheit offenbart, die dem flüchtigen Wort oft verschlossen bleibt. Weiterlesen

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Grenzgänger der Wirklichkeit

Castaneda, Hesse, Eliade, Cioran – eine Versuchsanordnung

Wer heute über Carlos Castaneda schreibt, sieht sich rasch moralisch in der Defensive. Zu unerquicklich die Biografie, zu autoritär das Umfeld, zu unerquicklich auch das geistige Nachleben seiner Lehren. Doch gerade diese Unbequemlichkeit macht Castaneda interessant. Er ist weniger ein Irrtum der Literaturgeschichte als ein Symptom – für eine Epoche, die Wahrheit durch Erfahrung ersetzt und Erkenntnis mit Selbsttransformation verwechselt.

Castaneda steht damit nicht isoliert. Er gehört in eine lose Genealogie moderner Grenzgänger, jener Autoren, die nicht erklären, sondern destabilisieren. Ein Vergleich mit Hermann Hesse, Mircea Eliade und Emil Cioran macht sichtbar, wo Castaneda anschließt – und wo er gefährlich ausschert. Weiterlesen

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