Berlin kapituliert – und verkauft die Kapitulation als Konzept

Die Ästhetik des Abfalls und der Tourist als tragische Figur der Stadtreinigung

Es gehört zu den stillen Meisterleistungen dieser Stadt, dass sie selbst aus dem Offensichtlichen noch ein Geheimnis macht. Müll etwa. In anderen Städten ist er ein Problem. In Berlin, bekanntlich die Stadt des angewandten politischen Irrsinns, ist er ein Zustand. Und Zustände, das weiß man hier, lassen sich nicht einfach beheben, sie müssen gedeutet werden. Weiterlesen

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Die verbotene Pointe

Monotheismus und das Lachen

Es gehört zu den eigentümlichsten Paradoxien der monotheistischen Religionen, dass sie den Menschen als ein lachendes Wesen erschaffen, nur um ihn dann in eine Ordnung zu stellen, in der das Lachen, zumindest in seiner ungebändigten Form, stets unter Verdacht gerät. Der Gott Abrahams, gleich ob er im Judentum, im Christentum oder im Islam angesprochen wird, scheint eine bemerkenswerte Konstanz in einer Eigenschaft aufzuweisen, die man mit einiger Vorsicht als Humorlosigkeit bezeichnen könnte. Nicht im Sinne eines völligen Mangels an Ironie oder erzählerischer Raffinesse, sondern als eine strukturelle Unverträglichkeit mit jenem entlastenden, subversiven Lachen, das Hierarchien relativiert und Absolutheitsansprüche untergräbt. Weiterlesen

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Das Eigenheim als Gesinnungsprüfung

Deutschland auf dem Weg zur moralischen Bauabnahme

Es ist eine eigentümliche deutsche Fantasie, dass der Staat irgendwann nicht mehr nur unsere Häuser verwaltet, sondern gleich auch das Innenleben möbliert. Bislang genügte es, ein Dach über dem Kopf zu wollen, über ausreichend Kapital oder zumindest über ausreichend Illusionen in Form eines Kredits zu verfügen und sich in die Hände eines Notars zu begeben, der das Ganze mit jener feierlichen Trockenheit besiegelt, die man sonst nur von Beerdigungen kennt. Doch nun, so raunt es durch die empörungsbereiten Echokammern, steht der eigentliche Skandal bevor: Nicht mehr der Kontostand entscheidet über den Erwerb von Eigentum, sondern die moralische TÜV-Plakette der eigenen Gesinnung. Weiterlesen

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Wollt ihr die totale Wehrpflicht?

Nur ein totalitärer Staat traut sich so etwas

Es sind oft die unscheinbaren Sätze, die den größten Lärm machen, allerdings erst dann, wenn man gelernt hat, sie zu hören. Zunächst wirken sie wie Verwaltungsprosa: trocken, rechtmäßig geschniegelt, geschniegelt bis zur Unkenntlichkeit. Doch dann, irgendwo zwischen „Genehmigungspflicht“ und „zuständiges Karrierecenter“, hebt sich ein Vorhang, und dahinter steht er: der Staat, geschniegelt zwar, aber mit einem leichten Hang zur Besitzanzeige.

Du willst also ins Ausland. Wie rührend. Wie altmodisch. Wie verdächtig. Weiterlesen

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Die Asche unserer Brücken

Über den hartnäckigen Stolz und das späte Bedauern

Die Anatomie des Stolzes und sein unausweichlicher Fall

Es gibt in der filigranen und doch so oft erschütterten Architektur der menschlichen Seele wohl kein tragenderes, aber zugleich auch kein brüchigeres Element als den Stolz. Er ist das unsichtbare Gerüst, das uns aufrecht hält, wenn der kalte Wind der Demütigung, der Zurückweisung oder des schlichten Unverständnisses der Welt uns ins Gesicht weht. Der Stolz suggeriert uns Autarkie, eine erhabene Unabhängigkeit von den Urteilen und den Zuwendungen anderer. Doch gerade in dieser vermeintlichen Stärke verbirgt sich ein tückischer Fehler im Bauplan unseres Selbst. Der „hartnäckige Stolz“ ist kein erhabenes Gefühl der inneren Würde. Er ist vielmehr eine wehrhafte Festung, deren Mauern in der Illusion der Unverwundbarkeit so hoch und undurchdringlich gezogen wurden, dass sie am Ende nicht nur die vermeintlichen Feinde, sondern auch das wärmende Licht der menschlichen Nähe aussperren. Weiterlesen

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Egal, oder was?

Der Welt da draußen ist es doch völlig egal, was für Gedanken wir uns machen.“ Dieser Satz hat etwas Beunruhigendes in seiner scheinbaren Harmlosigkeit: Man könnte ihn als beiläufige Resignation missverstehen, als ein Achselzucken im Angesicht einer indifferenten Wirklichkeit. Doch in Wahrheit ist er ein Abgrund in nuce, eine gedankliche Falltür, unter deren Brettern die großen Fragen von Sinn, Subjektivität und Weltverhältnis verborgen liegen. Weiterlesen

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Der magische erste Satz

Der erste Satz eines literarischen Werkes ist kein Satz. Er ist ein Versprechen. Oder genauer: ein Wagnis. In ihm steckt die ganze Arroganz des Anfangs, die Behauptung, dass ausgerechnet diese Stimme, ausgerechnet jetzt, etwas zu sagen hat, das gehört werden muss.

Der erste Satz ist ein Sprung ins Dunkel. Weiterlesen

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Ist das Veruntreuung oder was…?

Es gibt Begriffe, die sind so elegant, dass man ihnen ihre Herkunft nicht mehr ansieht. „Sondervermögen“ gehört zweifellos dazu. Ein Wort, geschniegelt wie ein Minister auf Staatsbesuch, geschniegelt bis zur semantischen Schmerzgrenze. Es klingt nach Rücklage, nach kluger Vorsorge, nach einem Staat, der heimlich klüger ist als seine Bürger und deshalb schon heute weiß, wofür er morgen Geld brauchen wird. Tatsächlich aber handelt es sich um Schulden. Nicht um gewöhnliche Schulden, versteht sich, sondern um solche mit Manieren, geschniegelt, gebügelt, picobello, bis sie aussehen wie etwas, das man guten Gewissens in eine Sonntagsrede einbauen kann. Weiterlesen

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Wer hätte das gedacht?

Es gibt Momente im politischen Leben eines Landes, in denen eine Erkenntnis plötzlich mit der Wucht einer Offenbarung einschlägt. Ein Schleier zerreißt, eine Wahrheit tritt ans Licht, und die Republik reibt sich verwundert die Augen.

So geschehen dieser Tage, als eine Studie über islamistische Einstellungen unter jungen Muslimen veröffentlicht wurde. Sie förderte Ergebnisse zutage, die in Berlin eine Mischung aus Erschütterung, Besorgnis und der vorsichtigen Bildung von Arbeitsgruppen hervorriefen.

Ein Teil junger Muslime – man halte sich fest – äußert Sympathien für islamistische Positionen.

Wer hätte das gedacht? Weiterlesen

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Die Ära des leeren Himmels II

Der Algorithmus als letzter Gott

(Eine spenglerianische Erweiterung)

Oswald Spengler beschrieb Kulturen als lebendige Organismen. Sie entstehen, blühen, erschöpfen sich – und gehen schließlich in Zivilisationen über, die nur noch den Schatten ihrer ursprünglichen Seele tragen. Die Kultur lebt aus Mythen, Symbolen, metaphysischen Spannungen; die Zivilisation dagegen lebt von Technik, Organisation und Verwaltung.

In dieser Perspektive erscheint die Gegenwart wie eine späte, beinahe müde Phase der abendländischen Geschichte. Die großen metaphysischen Horizonte sind verschwunden, doch das Bedürfnis nach ihnen ist geblieben. Der Mensch kann offenbar nicht in einer vollkommen sinnentleerten Welt existieren. Wo der Himmel sich leert, sucht er unweigerlich nach einem neuen Ort für das Heilige. Dieser Ort liegt heute nicht mehr über uns, sondern unter der Glasoberfläche unserer Bildschirme. Weiterlesen

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