Das Eigenheim als Gesinnungsprüfung

Deutschland auf dem Weg zur moralischen Bauabnahme

Es ist eine eigentümliche deutsche Fantasie, dass der Staat irgendwann nicht mehr nur unsere Häuser verwaltet, sondern gleich auch das Innenleben möbliert. Bislang genügte es, ein Dach über dem Kopf zu wollen, über ausreichend Kapital oder zumindest über ausreichend Illusionen in Form eines Kredits zu verfügen und sich in die Hände eines Notars zu begeben, der das Ganze mit jener feierlichen Trockenheit besiegelt, die man sonst nur von Beerdigungen kennt. Doch nun, so raunt es durch die empörungsbereiten Echokammern, steht der eigentliche Skandal bevor: Nicht mehr der Kontostand entscheidet über den Erwerb von Eigentum, sondern die moralische TÜV-Plakette der eigenen Gesinnung. Weiterlesen

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Wollt ihr die totale Wehrpflicht?

Nur ein totalitärer Staat traut sich so etwas

Es sind oft die unscheinbaren Sätze, die den größten Lärm machen, allerdings erst dann, wenn man gelernt hat, sie zu hören. Zunächst wirken sie wie Verwaltungsprosa: trocken, rechtmäßig geschniegelt, geschniegelt bis zur Unkenntlichkeit. Doch dann, irgendwo zwischen „Genehmigungspflicht“ und „zuständiges Karrierecenter“, hebt sich ein Vorhang, und dahinter steht er: der Staat, geschniegelt zwar, aber mit einem leichten Hang zur Besitzanzeige.

Du willst also ins Ausland. Wie rührend. Wie altmodisch. Wie verdächtig. Weiterlesen

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Die Asche unserer Brücken

Über den hartnäckigen Stolz und das späte Bedauern

Die Anatomie des Stolzes und sein unausweichlicher Fall

Es gibt in der filigranen und doch so oft erschütterten Architektur der menschlichen Seele wohl kein tragenderes, aber zugleich auch kein brüchigeres Element als den Stolz. Er ist das unsichtbare Gerüst, das uns aufrecht hält, wenn der kalte Wind der Demütigung, der Zurückweisung oder des schlichten Unverständnisses der Welt uns ins Gesicht weht. Der Stolz suggeriert uns Autarkie, eine erhabene Unabhängigkeit von den Urteilen und den Zuwendungen anderer. Doch gerade in dieser vermeintlichen Stärke verbirgt sich ein tückischer Fehler im Bauplan unseres Selbst. Der „hartnäckige Stolz“ ist kein erhabenes Gefühl der inneren Würde. Er ist vielmehr eine wehrhafte Festung, deren Mauern in der Illusion der Unverwundbarkeit so hoch und undurchdringlich gezogen wurden, dass sie am Ende nicht nur die vermeintlichen Feinde, sondern auch das wärmende Licht der menschlichen Nähe aussperren. Weiterlesen

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Egal, oder was?

Der Welt da draußen ist es doch völlig egal, was für Gedanken wir uns machen.“ Dieser Satz hat etwas Beunruhigendes in seiner scheinbaren Harmlosigkeit: Man könnte ihn als beiläufige Resignation missverstehen, als ein Achselzucken im Angesicht einer indifferenten Wirklichkeit. Doch in Wahrheit ist er ein Abgrund in nuce, eine gedankliche Falltür, unter deren Brettern die großen Fragen von Sinn, Subjektivität und Weltverhältnis verborgen liegen. Weiterlesen

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Der magische erste Satz

Der erste Satz eines literarischen Werkes ist kein Satz. Er ist ein Versprechen. Oder genauer: ein Wagnis. In ihm steckt die ganze Arroganz des Anfangs, die Behauptung, dass ausgerechnet diese Stimme, ausgerechnet jetzt, etwas zu sagen hat, das gehört werden muss.

Der erste Satz ist ein Sprung ins Dunkel. Weiterlesen

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Ist das Veruntreuung oder was…?

Es gibt Begriffe, die sind so elegant, dass man ihnen ihre Herkunft nicht mehr ansieht. „Sondervermögen“ gehört zweifellos dazu. Ein Wort, geschniegelt wie ein Minister auf Staatsbesuch, geschniegelt bis zur semantischen Schmerzgrenze. Es klingt nach Rücklage, nach kluger Vorsorge, nach einem Staat, der heimlich klüger ist als seine Bürger und deshalb schon heute weiß, wofür er morgen Geld brauchen wird. Tatsächlich aber handelt es sich um Schulden. Nicht um gewöhnliche Schulden, versteht sich, sondern um solche mit Manieren, geschniegelt, gebügelt, picobello, bis sie aussehen wie etwas, das man guten Gewissens in eine Sonntagsrede einbauen kann. Weiterlesen

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Wer hätte das gedacht?

Es gibt Momente im politischen Leben eines Landes, in denen eine Erkenntnis plötzlich mit der Wucht einer Offenbarung einschlägt. Ein Schleier zerreißt, eine Wahrheit tritt ans Licht, und die Republik reibt sich verwundert die Augen.

So geschehen dieser Tage, als eine Studie über islamistische Einstellungen unter jungen Muslimen veröffentlicht wurde. Sie förderte Ergebnisse zutage, die in Berlin eine Mischung aus Erschütterung, Besorgnis und der vorsichtigen Bildung von Arbeitsgruppen hervorriefen.

Ein Teil junger Muslime – man halte sich fest – äußert Sympathien für islamistische Positionen.

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Die Ära des leeren Himmels II

Der Algorithmus als letzter Gott

(Eine spenglerianische Erweiterung)

Oswald Spengler beschrieb Kulturen als lebendige Organismen. Sie entstehen, blühen, erschöpfen sich – und gehen schließlich in Zivilisationen über, die nur noch den Schatten ihrer ursprünglichen Seele tragen. Die Kultur lebt aus Mythen, Symbolen, metaphysischen Spannungen; die Zivilisation dagegen lebt von Technik, Organisation und Verwaltung.

In dieser Perspektive erscheint die Gegenwart wie eine späte, beinahe müde Phase der abendländischen Geschichte. Die großen metaphysischen Horizonte sind verschwunden, doch das Bedürfnis nach ihnen ist geblieben. Der Mensch kann offenbar nicht in einer vollkommen sinnentleerten Welt existieren. Wo der Himmel sich leert, sucht er unweigerlich nach einem neuen Ort für das Heilige. Dieser Ort liegt heute nicht mehr über uns, sondern unter der Glasoberfläche unserer Bildschirme. Weiterlesen

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Die Ära des leeren Himmels I

Die Einsamkeit des digitalen Menschen

Es gab eine Zeit, oder wenigstens den Glauben daran,, in der der Himmel nicht leer war. Über den Köpfen der Menschen spannte sich ein Raum, der mehr war als Atmosphäre. Er war Projektionsfläche, Drohung, Hoffnung, Gerichtssaal und Trost zugleich. Selbst der Zweifler lebte noch im Schatten einer Transzendenz, gegen die er sich auflehnen konnte.

Heute dagegen hat sich der Himmel entleert. Nicht spektakulär, nicht in einem großen metaphysischen Donnerschlag, sondern geräuschlos, wie ein Raum, aus dem über Nacht die Möbel verschwinden. Am Morgen steht man darin und wundert sich über das Echo der eigenen Schritte.

Der Mensch der Gegenwart lebt in dieser Leere, und versucht verzweifelt, sie mit Stimmen zu füllen. Weiterlesen

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Die Psychologisierung des Politischen

Wie der Bürger zum Patienten wurde

Es war einmal eine Zeit, da war Politik unerquicklich, laut, unerquicklich konkret. Man stritt über Steuern, Gesetze, Grenzen, Krieg und Frieden. Heute streitet man über Befindlichkeiten. Politik hat ihre Aktentasche gegen ein Therapiekissen getauscht. Weiterlesen

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