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Buchkritik -- Karl Ove Knausgård -- Arendal

Umschlagfoto, Buchkritik, Karl Ove Knausgård, Arendal, InKulturA Zwischen Faszination und Ermüdung

Der Roman beginnt mit einem vertrauten Knausgård-Motiv: dem Mann mittleren Alters in der Krise. Er trinkt, seine Beziehungen liegen brach, und er ist weder bereit, über seine Probleme zu sprechen, noch ihnen wirklich ins Auge zu sehen.

Der Auftakt ist beeindruckend. Unheilvoll, atmosphärisch dicht und von einer Souveränität getragen, mit der Knausgård Informationen beinahe beiläufig verteilt. Wenige Autoren beherrschen diese Kunst so meisterhaft. Doch schon bald beginnt sich das Geschehen in einer Weise auszudehnen, die weniger als Vertiefung denn als Wiederholung empfunden wird. Nach gut hundert Seiten beschleicht den Leser das Gefühl, all dies bereits in früheren Romanen des Autors gelesen zu haben. Aus Vertrautheit wird Routine, aus Wiedererkennbarkeit Ermüdung. Der große Autor zitiert zunehmend sich selbst.

Von den Vorzeichen und düsteren Stimmungen, die der Roman so kunstvoll entfaltet, löst sich erstaunlich wenig ein. Vieles wird angedeutet, manches versprochen, doch kaum etwas gewinnt jene dramatische Wucht, die der Beginn erwarten ließ. Figuren treten auf, verschwinden wieder, Gespräche bleiben fragmentarisch und tastend. Mehr als einmal fragt man sich, ob diese Begegnungen überhaupt stattfinden oder lediglich Projektionen eines delirierenden Bewusstseins sind. Tatsächlich geschieht über weite Strecken nur wenig. Im Kern kreist der Roman um jene eine eisige Nacht, die der schlaflose Protagonist in Arendal verbringt – jener Stadt seiner Kindheit, in der ausgerechnet das Auto seinen Geist aufgegeben hat. Aus dieser stillstehenden Situation versucht Knausgård eine existentielle Bewegung zu entwickeln.

Allerdings führt er nach und nach neue Elemente ein. Da sind die Briefe der Frau in Russland, die der Erzähler aufrichtig liebt, und da ist die Flasche, die sich immer deutlicher vom gelegentlichen Begleiter zum eigentlichen Schutzschild gegen die Zumutungen des Lebens wandelt. Fast unmerklich verschiebt sich dadurch der Schwerpunkt des Romans. Aus der Geschichte eines Gestrandeten wird die Geschichte einer Sucht und einer Liebe, die vielleicht gerade deshalb so groß erscheint, weil sie unerreichbar bleiben muss.

Gerade in diesen Passagen entfaltet Knausgård jene eigentümliche Stärke, die mein Verhältnis zu seinem Werk seit jeher zwiespältig macht. Seine zerrütteten Männer besitzen eine verstörende Überzeugungskraft. Ihre Unfähigkeit, dem eigenen Leben eine Richtung zu geben, ihre Verantwortungslosigkeit, ihre Selbsttäuschungen und die oft erstaunlich beiläufige Annäherung an die großen Fragen des Daseins dringen tief in die eigene Psyche ein. Man widerspricht ihnen innerlich, lehnt sie ab – und erkennt sich im nächsten Moment doch in ihnen wieder. Vielleicht liegt gerade darin Knausgårds eigentliche literarische Begabung: weniger Antworten zu geben als jene unangenehmen Spiegel bereitzuhalten, in die man nur widerwillig blickt.

„Arendal‟ ist ein düsterer Roman über Zeit, Erinnerung, Zukunft und den Tod, der sich immer wieder in unsere Träume einschreibt. Knausgård philosophiert mit der ihm eigenen Intensität über die Vergänglichkeit des Lebens, doch seine Reflexionen lösen sich allzu oft von der ohnehin nur skizzenhaft entwickelten Handlung. Es bleibt das merkwürdige Gefühl, einem außergewöhnlichen Stilisten zuzusehen, der sich selbst beim Denken fasziniert und darüber gelegentlich vergisst, seinem Roman eine innere Dynamik zu verleihen. So hinterlässt „Arendal‟ Bewunderung – aber nur selten wirkliche Ergriffenheit.

Knausgård gehört zu jenen Schriftstellern, die ihren Lesern stets einiges zumuten. In „Arendal‟ jedoch überzieht er den Kredit, den ihm seine bisherige Literatur verschafft hat.




Meine Bewertung:Bewertung

Veröffentlicht am 9. Juli 2026