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In dem unheimlichen, so erzählen es die in dessen Umgebung lebenden Menschen, Wald des Rostskogen, einem Moorgebiet, dessen nebelverhangene Schleier die Grenze zwischen Mythos und Realität verwischen, beginnt ein makabres Spiel. Ein junges Paar, auf der Suche nach dem Nervenkitzel des Urban Explorings, stößt in einer verlassenen Torffabrik auf eine psychisch labile Frau. Sie überreicht ihnen ein abgetrenntes menschliches Relikt: einen Ringfinger mit Ehering. Die forensische Analyse bestätigt die grausige Vermutung: Es ist ein Körperteil der vor zehn Jahren ermordeten Elena Kvitka, deren Leiche damals ohne rechten Ringfinger in ebenjener Fabrik gefunden wurde. Der Fall erregte seinerzeit Aufsehen, da die Leiche an das Erscheinungsbild einer uralten Moorleiche, des „Graumädchens“, erinnerte und somit eine unheimliche Verbindung zur lokalen Folklore herstellte.
Leo Asker und ihr Team von der „Abteilung für verlorene Seelen“ sehen sich mit einem Cold Case konfrontiert, dessen Wiederaufnahme auf erbitterten Widerstand in den oberen Rängen der Polizeibehörde stößt. Als Elenas mutmaßlicher Mörder gilt ihr eifersüchtiger Ehemann, ist seit der Tat spurlos verschwunden, und Gerüchte besagen, er habe im unheimlichen Rostskogen Unterschlupf gefunden. Die ursprünglichen Ermittlungen wurden schnell eingestellt und die Besitzer der Torffabrik, eine berüchtigte Familie gewalttätiger Straftäter, nach einer oberflächlichen Befragung unbehelligt gelassen. Leo und ihr Bekannter Martin Hill, ein Spezialist für „Lost Places“, stechen mit ihren eigenen Ermittlungen in ein undurchschaubares Gewirr aus diversen Interessen und ziehen nicht nur die Wut des Polizeidirektors, sondern auch den Hass einer zwielichtiger „Guten Gesellschaft‟, allen voran Leos Familie, auf sich, die alle ein Interesse daran haben, die Vergangenheit ruhen zu lassen.
„Rostiges Grab“, der dritte Band der Reihe um Leo Asker und Martin Hill, entfaltet eine unheimliche Atmosphäre, die von den atmosphärischen Schilderungen des Moorgebiets getragen wird. Die Geschichte ist stellenweise extrem spannend, auch wenn die Lektüre der vorherigen Bände für ein vollständiges Verständnis der fortgesetzten Handlungsstränge und der komplexen Charakterentwicklung der Protagonisten empfehlenswert ist. Leo Asker gibt die gewohnt hartnäckige Ermittlerin, deren martialische Fähigkeiten jedoch bisweilen in Szenen von expliziter Brutalität münden. Martin Hill hingegen tritt in diesem Band als schwächlicher Charakter in Erscheinung, der von den traumatischen Ereignissen der Vorgängerbände gezeichnet ist und dessen Handlungen von seinen Hormonen bestimmt zu sein scheinen. Eine interessante Kontrastfigur zu Leos scheinbarer Unverwüstlichkeit.
Die Charaktere sind vielschichtig angelegt, auch wenn Leos übermenschliche Belastbarkeit nach erheblichen Verletzungen die Grenze zur Realitätsferne streift und somit eine gewisse Toleranz der Ungläubigkeit erfordert. Die geschickte Einbindung der Moorleichen-Thematik, die das „Graumädchen“ quasi wiederauferstehen lässt, verleiht der Handlung eine faszinierende mythologische Dimension und verknüpft den Kriminalfall mit tief verwurzelten Ängsten und Legenden. Darüber hinaus bietet der hochspannende Krimi eine subtile Gesellschaftskritik, indem er dysfunktionale Familienstrukturen und die Gleichgültigkeit gegenüber Opfern häuslicher Gewalt thematisiert und somit über die reine Unterhaltung hinaus zum Nachdenken anregt.
Ein vielversprechender Cliffhanger im Epilog deutet auf eine Fortsetzung der Reihe hin und schürt die Erwartungen an den nächsten Band. „Rostiges Grab“ ist ein atmosphärisch dichter und spannender Thriller, der die Leser in die dunklen Geheimnisse des Rostskogen entführt und dabei nicht nur unterhält, sondern auch die Kollision von archaischem Mythos und moderner Kriminalistik eindrucksvoll beleuchtet.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 6. Januar 2026