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Buchkritik -- Steve Ayan -- Die Revolutionäre des Ich

Umschlagfoto, Buchkritik, Steve Ayan, Die Revolutionäre des Ich, InKulturA Das ICH, die innere Hausgemeinschaft und vier kluge Nachbarn

Mit dem ICH ist es so eine Sache. Alle reden darüber, viele suchen es, doch niemand hat es gesehen, Steckt es im Kopf, ist es das, was die Religion als Seele bezeichnet oder, eine ketzerische Frage: „Gibt es so etwas wie das ICH überhaupt?‟

Steve Ayan stellt in seinem Buch „Die Revolutionäre des Ich‟ die vier maßgeblichen „Erfinder des modernen Selbst‟ vor, als da sind Karen Horney, Erich Fromm, Paul Watzlawick und Alice Miller, die den „Kult ums Ich‟ maßgeblich befeuerten.

Faktengesättigt und trotzdem manchmal augenzwinkernd nimmt er uns mit auf die Suche nach diesem ominösen „Ich‟ – begleiten wir ihn auf dieser Reise.

Das ICH hat ein erstaunliches Talent dafür, sich für den Geschäftsführer eines Unternehmens zu halten, dessen Belegschaft es kaum kennt. Es sitzt morgens am Steuer, bestellt Kaffee, erklärt dem Körper, heute werde endlich konsequent gelebt, und wundert sich dann gegen 15 Uhr, warum die Hand wie von selbst nach einem Stück Kuchen greift. Offenkundig gibt es in diesem Unternehmen mehrere Abteilungen, und nicht alle melden ihre Entscheidungen vorher beim Vorstand an.

Man kann das ICH deshalb mit gutem Grund weniger als strahlenden Alleinherrscher verstehen denn als etwas überforderten Hausmeister einer inneren Wohnanlage. Im Keller rumpeln Kindheitserinnerungen, im Treppenhaus stehen Erwartungen der Familie herum, auf dem Dachboden lagern alte Kränkungen neben unbenutzten Yogamatten, und im Briefkasten stecken täglich neue Botschaften darüber, wie man auszusehen, zu lieben, zu leisten und möglichst mühelos glücklich zu sein habe. Vier sehr unterschiedliche Nachbar:innen dieser Wohnanlage heißen Karen Horney, Erich Fromm, Paul Watzlawick und Alice Miller. Sie reichen dem ICH keinen Generalschlüssel, aber sie zeigen, wo es im Gebäude zieht.

Karen Horney hätte vermutlich freundlich darauf hingewiesen, dass unser ICH nicht einfach nur „ich selbst“ sein will. Es möchte zugleich bewundert werden, dazugehören, unangreifbar sein und im Idealfall alles ohne peinliche Hilflosigkeit erledigen. Das sind schon für einen durchschnittlichen Dienstag recht ambitionierte Ziele. Horney beschrieb, wie Menschen aus innerer Unsicherheit verschiedene Bewegungsrichtungen entwickeln können: Sie suchen Nähe, sie gehen in Widerstand oder sie ziehen sich zurück. Das ICH ist demnach kein ruhiger See, sondern eher ein Navigationsgerät, das zwischen „Bitte hab mich lieb“, „Komm mir bloß nicht zu nahe“ und „Ich brauche niemanden“ in bemerkenswerter Geschwindigkeit umschaltet.

Besonders charmant und unerquicklich ist bei Horney die Sache mit dem idealisierten Selbstbild. Das ICH entwirft sich gern eine Premiumversion seiner selbst: souverän, großzügig, unerschütterlich, geistreich, fit und selbstverständlich stets im Besitz der richtigen Worte. Das reale Selbst hingegen erscheint manchmal im Jogginganzug, hat Zahnpastareste am Mundwinkel und weiß beim Smalltalk nicht, was es sagen soll. Zwischen beiden Figuren beginnt ein stiller Bürgerkrieg. Statt das wirkliche Selbst mit seinen Ecken und seinen gelegentlichen Aussetzern kennenzulernen, versucht das ICH dann, das Ideal in Rekordzeit nachzuspielen. Es ist, als wolle man eine Zimmerpflanze dadurch verbessern, dass man ihr ein Foto von einem Regenwald vorhält.

Horney lädt das ICH ein, von diesem inneren Leistungszirkus etwas Abstand zu nehmen. Nicht jeder Zweifel ist ein Charakterfehler, nicht jede Bedürftigkeit ein Skandal. Das klingt beruhigend, bis man merkt, dass es Arbeit macht. Denn die eigene „Sollte“-Liste ist oft länger als der Einkaufszettel vor Weihnachten: Man sollte gelassener sein, mutiger, erfolgreicher, schlanker, spiritueller, verbindlicher und, bitte schön, dabei nicht so viel darüber nachdenken. Das ICH wird unter diesen Soll-Bestimmungen zum Praktikanten seines eigenen Idealbilds. Horney hilft ihm, den Arbeitsvertrag zu prüfen.

Bei Erich Fromm bekommt die Sache dann einen gesellschaftlichen Rahmen. Das ICH, so könnte Fromm sagen, lebt nicht in einem Vakuum mit Zimmerpflanze, sondern mitten in einer Welt, die es gern auf Nützlichkeit, Besitz und Markttauglichkeit abklopft. Wer bin ich? Eine schöne Frage. Was kann ich vorweisen? Leider oft die lautere. Das ICH lernt früh, sich als eine Art kleines Portfolio zu präsentieren: Fähigkeiten, Kontakte, Haltung, Outfit, vielleicht ein Hund mit fotogener Schnauze. Es soll einzigartig sein, aber bitte in einer Form, die gut vergleichbar bleibt.

Fromm macht daraus keinen Anlass, mit dem Finger auf Leute zu zeigen, die ihre Lebensläufe ordnen oder ihre Wohnung aufräumen. Ordnung kann ja sehr angenehm sein. Problematisch wird es, wenn das ICH nur noch darüber Auskunft geben kann, was es hat, was es leistet oder wie es wirkt. Dann wird selbst das Gefühl zum Eigentumsnachweis: mein Erfolg, meine Beziehung, meine Meinung, meine Verletzung. Das kleine Wort „mein“ kann ausgesprochen kuschelig sein, aber es kann auch die inneren Räume zustellen wie Kartons nach einem Umzug.

Dem stellt Fromm eine lebendige, produktive Form des Seins entgegen. Das ICH wäre dann nicht bloß Besitzer seiner Eigenschaften, sondern in Beziehung: liebend, denkend, gestaltend, verantwortlich. Nicht die Frage „Wie sehe ich aus?“ stünde im Zentrum, sondern „Wie bin ich beteiligt?“ Das ist weniger glamourös als ein Selbstoptimierungsprogramm, aber erheblich menschlicher. Man muss sich nicht zur Marke machen lassen, um ein Mensch mit Kontur zu sein. Eine Birne wird schließlich auch nicht interessanter, wenn sie eine persönliche Mission-Statement-Karte trägt.

Paul Watzlawick betritt diese Wohnanlage mit dem Blick eines Mannes, der sofort bemerkt, dass die Klingelanlage falsch beschriftet ist. Für ihn ist das ICH vor allem kein einsames Innenleben, das gelegentlich anderen Menschen begegnet. Es entsteht und bewährt sich in Kommunikation. Und Kommunikation ist bekanntlich die Kunst, mit einem Seufzer, einer hochgezogenen Augenbraue und dem Satz „Ist schon gut“ ganze Opern aufzuführen.

Watzlawick erinnert daran, dass man nicht einfach nur Wörter austauscht. Man teilt immer auch mit, wie man zueinander steht. Wenn jemand sagt: „Du hast aber heute viel zu erzählen“, kann das Bewunderung, Erschöpfung, Neugier oder die akustische Vorstufe einer Flucht sein. Das ICH hält sich häufig für den Urheber seiner Botschaften und vergisst, dass es beim Senden bereits auf Antworten wartet, die es deuten, missverstehen oder gegen sich selbst verwenden kann. Es ist ein wenig wie bei einer Familiengruppe im Messenger: Ein einziges Daumen-hoch-Symbol kann ein ganzes Wochenende psychologisch beschäftigen.

Für das ICH ist Watzlawicks Perspektive heilsam und leicht beunruhigend. Heilsam, weil nicht jede innere Verwirrung ein tiefster Wesenskern sein muss; manches ist schlicht ein Kommunikationsknoten. Beunruhigend, weil man sich nicht mit dem Satz retten kann: „Ich habe doch gar nichts gesagt.“ Doch, hat man. Schweigen spricht, Wegsehen spricht, übertriebenes Lachen spricht, und das demonstrative Sortieren der Besteckschublade im Streit vermutlich auch. Das ICH ist nicht nur Autor seiner Geschichte, es ist Teil eines Ensembles, in dem alle zugleich Regieanweisungen geben.

Und dann ist da Alice Miller, die den Blick mit großer Konsequenz auf jene frühen Erfahrungen lenkt, in denen das ICH noch gar keine eleganten Theorien über sich entwickeln konnte. Es war klein, abhängig, aufmerksam und erstaunlich gut darin, die Wetterlage der Erwachsenen zu lesen. Kinder entwickeln oft eine feine Antenne dafür, was von ihnen gebraucht wird: Anpassung, Bravheit, Leistung, Trost, Unauffälligkeit oder das Talent, im richtigen Moment nicht zu stören. Das ist keine frivole Charakterübung, sondern kann eine kluge Überlebensleistung sein.

Miller macht sichtbar, wie aus dieser Anpassung ein ICH entstehen kann, das sich selbst nur über Umwege begegnet. Es wird verlässlich, erfolgreich, hilfreich, vielleicht sogar bewundert – und wundert sich dennoch, warum es sich so selten wirklich gemeint fühlt. Das falsche Selbst, das nach außen so gut funktioniert, ist kein Betrug aus Bosheit. Es war oft einmal eine Notlösung. Man könnte sagen: Das innere Kind hat mit erstaunlichem Einfallsreichtum einen Schutzhelm gebaut; Jahre später versucht das erwachsene ICH, ihn beim Abendessen abzusetzen, und stellt fest, dass die Schnallen festgerostet sind.

Der Witz an dieser Einsicht ist selbstverständlich kein Kalauer über Verletzungen. Er besteht eher darin, dass wir Erwachsenen oft mit höchstem Ernst so tun, als sei unsere Gegenwart vollständig unabhängig von der Vergangenheit, während wir uns in bestimmten Situationen aufführen wie ein achtjähriges Wesen, dem man gerade den Lieblingsstift weggenommen hat. Miller zwingt das ICH zur Ehrlichkeit: Es darf anerkennen, was ihm fehlte, ohne sein ganzes Leben in ein Gerichtsverfahren gegen die Vorfahren zu verwandeln. Verantwortung beginnt nicht damit, dass man die Vergangenheit wegdiskutiert. Sie beginnt damit, dass man ihre Wirkung nicht weiter unbemerkt verwaltet.

Was ergibt sich nun aus dieser etwas gedrängten Hausversammlung? Horney zeigt dem ICH die Tyrannei seines Idealbilds und die Würde seines wirklichen Selbst. Fromm fragt, ob das ICH lebt oder sich nur erfolgreich vermarktet. Watzlawick lässt es hören, was zwischen seinen Sätzen alles mitredet. Miller erinnert es daran, dass Anpassung eine Geschichte hat und Selbstgefühl nicht durch gutes Funktionieren zu ersetzen ist.

Zusammen ergeben diese vier Perspektiven kein Rezept für ein makellos authentisches ICH. Das wäre auch unerquicklich; ein völlig authentischer Mensch würde vermutlich jeden Gedanken ungefiltert beim Bäcker vortragen und wäre rasch von der Nachbarschaft gemieden. Sie ergeben eher eine Einladung zu mehr Beweglichkeit. Das ICH darf merken, wann es einem übermenschlichen Bild hinterherläuft. Es darf prüfen, ob es gerade lebt oder nur Bilanz zieht. Es darf in Beziehungen genauer hinhören. Und es darf mit der eigenen Geschichte vorsichtiger umgehen, ohne sie zum dauerhaften Alleinerklärer zu ernennen.

Am Ende ist das ICH vielleicht nicht der Geschäftsführer, sondern der Gastgeber dieser inneren Wohnanlage. Seine Aufgabe besteht nicht darin, alle Räume perfekt aufzuräumen oder jede Stimme zum Schweigen zu bringen. Es genügt schon viel, die Türen nicht ständig zuzuschlagen, den Keller gelegentlich zu lüften und zu erkennen, dass die Bewohner:innen nicht alle gegen es arbeiten. Manche wollen lediglich endlich einmal gehört werden. Und wenn dabei trotzdem nachmittags der Kuchen gewinnt, ist das kein philosophisches Versagen. Es ist nur ein Hinweis darauf, dass auch das ICH ein sehr menschliches Mietverhältnis führt.

Lassen wir zum Schluss Steve Ayan zu Wort kommen, der präzise das Dilemma beschreibt, in dem wir nicht zuletzt durch die Versprechen der „Revolutionäre des Ich‟ stecken: „Wären die Heilsvisionen der Populärpsychologie wahr, müssten wir längst in der Glückseligkeit angekommen sein.‟

Besser könnte dieses hervorragend geschriebene Buch nicht enden. Eine absolute Leseempfehlung.




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Veröffentlicht am 9. Oktober 2026