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Buchkritik -- Ulf Poschardt -- Bückbürgertum

Umschlagfoto, Buchkritik, Ulf Poschardt, Bückbürgertum, InKulturA Die Kunst des Wegduckens

Nachdem Ulf Poschardt mit seinem Buch „Shitbürgertum‟ den Blutdruck des linksgrünen Milieus zuverlässig in die Höhe getrieben hatte, legt er nun den zweiten Band seiner geplanten Trilogie vor. „Bückbürgertum‟ richtet den Blick nicht mehr auf jene, die den moralischen Ton der Republik vorgeben, sondern auf diejenigen, die ihnen den Weg bereitet haben. Poschardt interessiert weniger die lautstarke Avantgarde des Zeitgeistes als die schweigende Mehrheit, die dessen Vormarsch widerspruchslos begleitet oder zumindest hingenommen hat.

Wie schon im Vorgänger greift der Autor weit in die Geschichte der Bundesrepublik zurück. Nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur, so seine Diagnose, wollte das zerstörte Land vor allem eines: vergessen, aufräumen, wiederaufbauen. Das war menschlich nachvollziehbar. Wer Trümmer beseitigt und eine neue Existenz errichtet, sucht selten gleichzeitig die schonungslose Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit.

Für Poschardt liegt jedoch genau in dieser historischen Verdrängung ein folgenreicher Ursprung. Während sich die Gesellschaft dem wirtschaftlichen Wiederaufstieg widmete, etablierte sich nach seiner Lesart eine Schicht von Intellektuellen, die sich selbst zunehmend als moralische Instanz verstand. Aus individueller Schuld wurde gesellschaftliche Schuld, aus historischer Verantwortung ein dauerhaftes moralisches Deutungsmonopol. Hier verortet Poschardt die Geburtsstunde jenes Milieus, das er bereits im ersten Band als „Shitbürgertum“ beschrieben hat.

Doch wo es eine lautstarke Minderheit gibt, die kulturelle und politische Deutungshoheit beansprucht, muss es auch jene geben, die ihr das Feld überlassen. Genau hier setzt Bückbürgertum an.

Während sich das Shitbürgertum aus linksliberalen, staatsgläubigen und wirtschaftsskeptischen Milieus rekrutiert, richtet sich Poschardts Kritik nun gegen Scheinkonservative, orientierungslos gewordene Liberale, opportunistische Unternehmer und Manager, angepasste Politiker und letztlich gegen jene breite gesellschaftliche Mitte, deren größter Wunsch nicht Freiheit, sondern Ruhe geworden ist.

Verwöhnt zunächst vom Wirtschaftswunder und später eingelullt von jenem tief verwurzelten Vertrauen in staatliche Fürsorge, das Poschardt als Fortsetzung deutscher Untertanenmentalität beschreibt, gewöhnte sich das Bürgertum daran, Wohlstand für eine Naturkonstante zu halten. Materielle Sicherheit ersetzte politische Wachsamkeit, Anpassung wurde zur Tugend. Während sich links der politischen Mitte ein tiefgreifender kultureller Wandel vollzog, reagierte das Bürgertum mit Gleichgültigkeit oder höflichem Desinteresse.

Besonders eindrucksvoll schildert Poschardt den Generationenwechsel der Nachkriegszeit. Ausgerechnet die Kinder jener Generation, die den Wohlstand geschaffen hatte, begannen, dessen kulturelle Grundlagen in Zweifel zu ziehen. Bürgerliche Tugenden wie Leistungsbereitschaft, Sparsamkeit, Eigenverantwortung und Bildung galten plötzlich nicht mehr als Voraussetzungen des Erfolgs, sondern als Ausdruck einer überwunden geglaubten Gesellschaft.

Vor diesem Hintergrund erscheint Rudi Dutschkes berühmter „Marsch durch die Institutionen“ weniger als revolutionäre Meisterleistung denn als das Zusammentreffen einer entschlossenen Minderheit mit einer konfliktscheuen Mehrheit. Wer den öffentlichen Raum besetzt, trifft selten auf Widerstand, wenn diejenigen, die ihn bisher geprägt haben, ihn freiwillig räumen.

Hier entwickelt Poschardt seine eigentliche Kernthese. Gesellschaften verändern sich nicht allein durch die Entschlossenheit ihrer Aktivisten, sondern ebenso durch die Bequemlichkeit derjenigen, die ihnen nichts entgegensetzen. Das Bückbürgertum ist deshalb keine politische Richtung, sondern eine Haltung: die Bereitschaft, Konflikten auszuweichen, Anpassung mit Vernunft zu verwechseln und den gesellschaftlichen Frieden höher zu bewerten als die offene Auseinandersetzung.

Die bleiernen Jahre der Merkel-Regierung erscheinen in diesem Zusammenhang als konsequente Fortsetzung dieser Mentalität. Politik wurde zunehmend zum Verwaltungsakt, große gesellschaftliche Debatten wichen dem Bemühen, Widersprüche zu moderieren statt auszutragen. Dass darauf eine politische Klasse folgte, die vielfach eher den herrschenden Zeitgeist verwaltete als ihn kritisch hinterfragte, versteht Poschardt als logische Konsequenz dieser Entwicklung.

Bemerkenswert ist dabei, dass der Autor sich selbst ausdrücklich nicht ausnimmt. Er beschreibt sein eigenes politisches Erwachen während der Corona-Jahre und räumt ein, den Mechanismen gesellschaftlicher Anpassung lange selbst erlegen zu sein. Gerade diese Selbstkritik verhindert, dass das Buch ausschließlich als Abrechnung mit anderen gelesen werden muss.

Ob Klimapolitik, Migration, wirtschaftlicher Niedergang, marode Infrastruktur oder die zunehmenden Probleme der inneren Sicherheit – Poschardt erkennt in nahezu allen politischen Konfliktfeldern dieselbe Grundstruktur. Nicht die Existenz unterschiedlicher Meinungen bereitet ihm Sorge, sondern die wachsende Angst, bestimmte Positionen überhaupt noch öffentlich zu vertreten. Die Furcht vor sozialer Ächtung sei zu einem machtvollen Instrument kultureller Disziplinierung geworden.

Dass der Autor seine Diagnose nicht allein auf Politik beschränkt, sondern ebenso Exkurse in Soziologie, Psychologie, Familienpolitik, Wirtschaft sowie in scheinbar randständige Bereiche wie Mode, Kunst und Design unternimmt, verleiht dem Buch zusätzlichen Reiz. Gerade dort zeigt sich, wie tief kulturelle Leitbilder in den Alltag einsickern und wie selbstverständlich Anpassung schließlich als gesellschaftliche Normalität erscheint.

„Bückbürgertum‟ ist kein nüchternes politikwissenschaftliches Sachbuch. Poschardt schreibt mit Lust an der Provokation, zugespitzt, polemisch und häufig bewusst überzeichnet. Man muss seinen Schlussfolgerungen keineswegs in jedem Punkt folgen. Doch gerade diese Zuspitzung zwingt dazu, über eine unbequeme Frage nachzudenken: Entstehen gesellschaftliche Fehlentwicklungen tatsächlich nur durch diejenigen, die sie aktiv vorantreiben – oder ebenso durch jene, die ihnen aus Bequemlichkeit, Opportunismus oder bloßer Konfliktscheu keinen Widerstand entgegensetzen?

Darin liegt die eigentliche Stärke dieses Buches. Es liefert weniger fertige Antworten als einen Denkanstoß über den Zustand einer Gesellschaft, die sich zunehmend schwer damit tut, Widerspruch als Wesenskern einer lebendigen Demokratie zu begreifen. Die lautesten Kontroversen dürfte deshalb nicht seine Polemik auslösen, sondern die stille Möglichkeit, dass seine Diagnose zumindest einen wunden Punkt der Gegenwart berührt.




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Veröffentlicht am 28. Juli 2026