```

Buchkritik -- Ava Ballant -- Die Reise der Hutschachtel

Umschlagfoto, Ava Ballant, Die Reise der Hutschachtel, InKulturA Die Versuchung liegt in der Hutschachtel

Meine Großmutter, eine kluge Frau, was ich leider erst viel zu spät bemerkt habe, pflegte zu sagen, wenn ich in jungen Jahren einmal über die Stränge geschlagen hatte: „Unrecht Gut gedeiht nicht.“ Ein Satz von geradezu biblischer Schlichtheit, den sich all jene besser zu Herzen genommen hätten, die mit einer ominösen Hutschachtel in Berührung kommen.

Dabei beginnt alles denkbar harmlos. Drei Jungen finden eine Plastiktüte, darin jede Menge Geld und ein weißes Pulver. Letzteres ist natürlich kein Backpulver, auch wenn die drei zunächst auf die Idee kommen, es ihren Müttern mitzubringen, damit diese daraus ordentlich Kuchen backen können. Eine kindliche Unschuld, die nicht lange Bestand haben wird. Denn das Geld wandert schließlich in eine Hutschachtel, und mit dieser beginnt eine Reise, die aus einer zunächst kuriosen Begebenheit eine erstaunlich genaue Versuchsanordnung über die menschliche Natur macht.

Denn was geschieht eigentlich, wenn einem etwas zufällt, das man nicht verdient hat, das man nicht behalten dürfte und das einem dennoch all das ermöglichen könnte, was man sich bisher versagen musste? Die Frage ist älter als jeder Kriminalroman und vermutlich unbequemer als die meisten moralischen Lehrsätze. Ava Ballant macht daraus ein Spiel mit den Versuchungen des Alltags. Die Hutschachtel wechselt ihre Besitzer, und jeder von ihnen steht irgendwann vor derselben, allerdings niemals ganz gleich zu beantwortenden Frage: Nehme ich das, was mir da in die Hände gefallen ist, oder gebe ich es zurück? Und wenn ich es nehme – wie weit bin ich bereit zu gehen, um meinen Vorteil zu sichern?

Damit wird die Hutschachtel zum eigentlichen Protagonisten des Romans. Sie ist weniger Gegenstand als Katalysator. Wer sie besitzt, sieht plötzlich Möglichkeiten, die vorher außerhalb der eigenen Reichweite lagen. Ein wenig mehr Geld, ein schöneres Leben, gesellschaftlicher Aufstieg, die Erfüllung eines lange gehegten Wunsches – die Versuchung beginnt selten mit dem großen Verbrechen. Sie beginnt mit einem Gedanken, der sich zunächst ganz vernünftig anhört: Warum eigentlich nicht?

Genau hier wird „Die Reise der Hutschachtel“ interessant. Ballant interessiert sich nicht sonderlich für die abstrakte Grenze zwischen Gut und Böse, sondern für die kleinen Verschiebungen, mit denen Menschen diese Grenze überschreiten. Erst wird eine Gelegenheit wahrgenommen, dann eine Ausnahme gemacht, anschließend eine Entscheidung gerechtfertigt. Was gestern noch undenkbar gewesen wäre, erscheint heute plötzlich als vertretbar, weil die Umstände eben so sind. Der Mensch ist bekanntlich ein erstaunlich erfinderisches Wesen, wenn es darum geht, sich selbst davon zu überzeugen, dass das eigene Handeln durchaus seine Berechtigung hat.

Jeder Besitzer der Hutschachtel bringt dabei seine eigenen Wünsche und Schwächen mit. Und jeder muss erleben, dass erfüllbare Wünsche nicht unbedingt glücklich machen. Im Gegenteil: Je näher der erträumte Vorteil rückt, desto größer wird die Gefahr, ihn wieder zu verlieren. Aus der unverhofften Chance wird ein Verhängnis, aus dem Glücksfall eine Kette von Entscheidungen, deren Konsequenzen immer schwerer zu kontrollieren sind. Was zunächst wie ein Geschenk aussieht, erweist sich als Prüfung – und nicht jeder besteht sie.

Dabei besitzt der Roman einen angenehm schwarzen Humor. Ballant erzählt die menschlichen Irrungen und Wirrungen nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit einem gewissen Vergnügen an der Fehlbarkeit ihrer Figuren. Das macht die Sache allerdings nicht harmloser. Denn irgendwann muss der Leser feststellen, dass er über die Entscheidungen dieser Menschen vielleicht deshalb so bereitwillig schmunzelt, weil er sich selbst nicht ganz sicher sein kann, wie er an ihrer Stelle gehandelt hätte.

Und genau dort bekommt die Hutschachtel ihre eigentliche Bedeutung. Sie ist ein kleines literarisches Gedankenexperiment: Was würden wir tun, wenn plötzlich eine Gelegenheit vor uns läge, die unser Leben verändern könnte? Würden wir das Geld nehmen, obwohl wir wissen, dass es uns nicht zusteht? Würden wir schweigen, wenn wir damit einen persönlichen Vorteil hätten? Würden wir uns einreden, dass niemand zu Schaden kommt? Und wie lange würde es dauern, bis aus einem kleinen moralischen Fehltritt eine Handlung wird, die wir uns selbst nicht mehr erklären können?

Ava Ballant nimmt uns mit auf eine tiefschwarze Reise durch solche moralischen Dilemmata und die Untiefen menschlicher Wünsche. „Die Reise der Hutschachtel“ ist dabei nicht nur ein flott erzählter Roman über eine Reihe unglückseliger Besitzwechsel, sondern ein ziemlich unterhaltsamer Blick auf unsere Fähigkeit zur Selbstrechtfertigung. Das Buch fragt nicht, ob wir gut oder böse sind. Die interessantere Frage lautet: Was geschieht mit unserer Moral, wenn plötzlich etwas auf dem Tisch liegt, das wir unbedingt haben wollen?

Die Antwort darauf muss sich jeder selbst geben. Und vielleicht liegt gerade darin der kleine Stachel dieses ansonsten ausgesprochenen Lesespaßes. Denn während man den Irrungen und Wirrungen der Hutschachtel mit zunehmendem Vergnügen folgt, kann man sich des Gedankens nicht ganz erwehren, dass die eigentliche Versuchung nicht in der Schachtel liegt. Sie liegt in uns selbst.

Ein nachdenkliches, launiges und zugleich schwarzhumoriges Buch über die verführerische Nähe zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Und, ganz im Sinne meiner Großmutter: Unrecht Gut gedeiht nicht.




Meine Bewertung:Bewertung

Veröffentlicht am 25. September 2026