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Buchkritik -- Shida Bazyar -- Die Lücken

Umschlagfoto, Buchkritik, Shida Bazyar, Die Lücken, InKulturA Die Lücken der Erinnerung

Heimesbach, ein fiktiver Ort im Hunsrück, irgendwo zwischen dörflicher Beschaulichkeit und kleinstädtischer Selbstgewissheit. Ein Ort, wie es viele gibt in Deutschland. Man kennt sich, man kennt die Familiengeschichten, weiß, wer dazugehört und wer irgendwann zugezogen ist. Und man weiß vor allem, worüber besser nicht gesprochen wird. Shida Bazyar macht diesen Ort zum Schauplatz ihres Romans „Die Lücken“, der von den 1920er-Jahren ausgehend beinahe ein Jahrhundert deutscher Geschichte durchmisst. Dass Heimesbach von Hermeskeil, dem Geburtsort der Autorin, inspiriert wurde, ist dabei weniger von biografischem als von erzählerischem Interesse. Denn was Bazyar hier beschreibt, reicht weit über die Grenzen eines Hunsrückstädtchens hinaus.

Die Geschichte eines Ortes besteht schließlich nicht allein aus dem, was geschehen ist. Sie besteht ebenso aus dem, was später darüber erzählt wird, was man verschweigt, beschönigt oder kurzerhand aus dem kollektiven Gedächtnis entfernt. Erinnerung ist selten eine unschuldige Angelegenheit. Besonders dann nicht, wenn diejenigen, die sich erinnern, ein beträchtliches Interesse daran haben, dass bestimmte Ereignisse möglichst rasch in Vergessenheit geraten.

Bazyar erzählt von den jüdischen Bewohnern Heimesbachs, die zunächst Nachbarn, Bekannte, Geschäftspartner und mitunter sogar Freunde waren, ehe sie entrechtet, beraubt, vertrieben und schließlich ermordet wurden. Der Nationalsozialismus kommt hier nicht als abstrakte historische Macht daher, die gleichsam von außen über eine ansonsten unbescholtene Gemeinschaft hereinbricht. Er findet seine willigen Helfer mitten unter den Bewohnern. Menschen, die gestern noch freundlich grüßten, beteiligen sich an der Ausgrenzung ihrer Nachbarn, profitieren von deren Enteignung oder sehen geflissentlich weg, wenn aus antisemitischer Hetze offene Gewalt wird. Heimesbach bringt es schließlich zum „Gaumusterdorf“, das als „judenfrei“ gelten kann.

Der Begriff allein ist von einer Ungeheuerlichkeit, die sich durch keine historische Distanz abschwächen lässt. Was als vorbildliche Leistung ausgegeben wurde, bedeutete die Vernichtung eines Teils der eigenen Gemeinschaft. Und diejenigen, die daran mitgewirkt hatten, konnten nach 1945 vielfach unbehelligt ihr Leben fortsetzen. Häuser wechselten ihre Besitzer, Geschäfte wurden weitergeführt, Familien gründeten neue Familien. Aus Tätern wurden wieder angesehene Bürger, aus Mitläufern unauffällige Nachbarn. Die Vergangenheit verschwand nicht, sie erhielt lediglich eine neue Erzählung, in der die eigene Beteiligung möglichst keinen Platz mehr fand.

Hier entfaltet der Titel des Romans seine eigentliche Bedeutung. Die Lücken sind nicht bloß jene Leerstellen, die Vertreibung und Ermordung in die Gemeinschaft gerissen haben. Es sind ebenso die absichtsvoll geschaffenen Lücken der Erinnerung. Was nicht erzählt wird, kann irgendwann als niemals geschehen gelten. Und wer die Deutungshoheit über die Vergangenheit besitzt, entscheidet nicht selten auch darüber, was künftige Generationen für die Wahrheit halten sollen.

Bazyar belässt es allerdings nicht bei dieser historischen Perspektive. Parallel dazu erzählt sie von iranischen Flüchtlingen, die in den 1980er-Jahren nach Heimesbach kommen. Sie finden dort Schutz vor den politischen Verhältnissen ihrer Heimat, begegnen jedoch zugleich einer Gesellschaft, die ihre Anwesenheit keineswegs vorbehaltlos begrüßt. Das Gefühl, sich fortwährend erklären und anpassen zu müssen, wird zum Begleiter ihres neuen Lebens. Ihre Zurückhaltung, ihre Unsicherheit gegenüber einer fremden Kultur und die Schwierigkeit, in ihr heimisch zu werden, erscheinen manchen Einheimischen wiederum als mangelnde Integrationsbereitschaft oder gar Undankbarkeit.

Darin zeigt sich ein eigentümlicher Mechanismus gesellschaftlicher Zugehörigkeit: Wer neu hinzukommt, soll sich möglichst rasch einfügen, darf dabei aber nicht erwarten, ohne Weiteres als gleichberechtigter Teil der Gemeinschaft wahrgenommen zu werden. Heimat erscheint als etwas, über dessen Gewährung diejenigen entscheiden, die schon länger dort leben. Dass deren eigene Familiengeschichten womöglich weniger makellos sind, als sie gerne behaupten, gehört zu den bitteren Ironien dieses Romans.

Dabei wäre es verfehlt, die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung während des Nationalsozialismus und die Erfahrungen iranischer Flüchtlinge in der Bundesrepublik gleichzusetzen. Bazyars erzählerische Verbindung dieser historischen Ebenen gewinnt ihre Bedeutung gerade daraus, dass sie unterschiedliche Formen der Ausgrenzung sichtbar macht, ohne deren Dimensionen miteinander zu verrechnen. Die Frage, wer dazugehören darf, überdauert politische Systeme und gesellschaftliche Veränderungen. Ihre Antworten ändern sich, die Anmaßung, sie im Namen einer vermeintlich homogenen Gemeinschaft geben zu dürfen, erweist sich als bemerkenswert langlebig.

Erzählerisch nähert sich Bazyar ihrem Heimesbach nicht auf geradem Weg. Sie springt durch die Jahrzehnte, wechselt die Perspektiven und folgt ihren Figuren mit einer Aufmerksamkeit, die bisweilen an einen unruhigen Geist erinnert. Einen Geist, der sich nicht mit den offiziellen Versionen der Vergangenheit zufriedengibt, sondern hinter die Fassaden blickt, hinter das bequeme „Wir waren es nicht“, hinter jene Familiengeschichten, deren Ungereimtheiten lieber nicht hinterfragt werden.

Gerade diese bewegliche Erzählweise verleiht dem Roman seine besondere Wirkung. Die Leerstellen erschließen sich den Lesern erst allmählich. Zusammenhänge werden sichtbar, die zunächst verborgen blieben, und scheinbar beiläufige Ereignisse gewinnen im Licht späterer Erkenntnisse eine andere Bedeutung. Die Geschichte Heimesbachs lässt sich nicht chronologisch abhaken, weil das Vergangene beständig in die Gegenwart hineinragt. Es ist noch da, auch wenn niemand mehr darüber sprechen möchte.

Bazyar benötigt dafür weder eine überbordende Datenfülle noch die ausführliche Rekonstruktion großer historischer Ereignisse. Sie macht Geschichte im Kleinen sichtbar, in Familien und ihren Beziehungen, in Häusern, deren frühere Bewohner aus dem Gedächtnis verschwunden sind, in ausgesprochenen Worten und jenen, die unterblieben. Aus diesen einzelnen Lebensgeschichten entsteht ein Panorama, das weit mehr erzählt als die Chronik eines Ortes. Heimesbach wird zum Mikrokosmos einer deutschen Gesellschaft, die nach 1945 zwar einen politischen Neubeginn vollzog, mit ihrer Vergangenheit jedoch keineswegs gleichermaßen gründlich aufräumte.

Das verlangt auch vom Leser Aufmerksamkeit. Die häufigen Wechsel zwischen Zeiten und Figuren erschweren mitunter die Orientierung, sind aber mehr als ein erzählerisches Verfahren um seiner selbst willen. Sie entsprechen dem Gegenstand des Romans. Erinnerung ist schließlich kein ordentlich geführtes Archiv, in dem jedes Ereignis seinen angestammten Platz besitzt. Sie ist widersprüchlich, unvollständig und anfällig für nachträgliche Korrekturen. Manchmal muss man sich durch die Bruchstücke verschiedener Lebensgeschichten arbeiten, um zu erkennen, was hinter einer vermeintlich geschlossenen Erzählung verborgen liegt.

„Die Lücken“ ist deshalb auch ein Roman über die Macht des Erzählens. Denn die Täter und ihre Nachkommen konnten ihre Geschichte vielfach selbst formulieren, während den Opfern diese Möglichkeit genommen worden war. Wer vertrieben oder ermordet wurde, konnte später nicht mehr widersprechen, wenn aus Enteignung ein gewöhnlicher Besitzerwechsel, aus antisemitischer Überzeugung bloßer Zeitgeist und aus aktiver Beteiligung eine angeblich unausweichliche Anpassung an die damaligen Verhältnisse wurde. Das Schweigen der Opfer war erzwungen, das Schweigen der anderen hingegen häufig eine Entscheidung.

Dass sich diese Mechanismen nicht einfach mit dem Verweis auf eine längst überwundene Epoche erledigen lassen, gehört zu den unbequemen Erkenntnissen, die Bazyars Roman bereithält. Er führt vor Augen, wie sehr das Selbstverständnis einer Gemeinschaft davon abhängt, welche Geschichten sie über sich selbst erzählt und welche Menschen sie darin überhaupt vorkommen lässt.

Die vielleicht erschreckendste Einsicht liegt jedoch woanders. Der Nationalsozialismus wurde nicht ausschließlich von fanatischen Parteifunktionären und ideologisch verblendeten Gewalttätern getragen. Er brauchte die Zustimmung und Mitwirkung ganz gewöhnlicher Menschen, die ihren Alltag lebten, ihre Kinder großzogen, ihren Geschäften nachgingen und sich vermutlich selbst für anständige Bürger hielten. Menschen, deren Bereitschaft zur Anpassung, deren Opportunismus oder deren Überzeugungen das Ungeheuerliche erst zur gesellschaftlichen Normalität werden ließen.

Es ist eine beunruhigende Erkenntnis, weil sie die bequeme Vorstellung zerstört, die Täter hätten einer grundsätzlich anderen, uns heute fremden Kategorie von Menschen angehört. Bazyar lässt uns diesen Rückzug in die moralische Überlegenheit der Nachgeborenen nicht ohne Weiteres durchgehen.

Es waren Menschen wie Du und ich. Gerade deshalb lohnt es sich, ihre Geschichte nicht denjenigen zu überlassen, die am liebsten sämtliche Lücken geschlossen sähen – indem sie weiterhin darüber schweigen.




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Veröffentlicht am 22. Oktober 2026