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Wenn Katzen bellen
Man kann ansatzweise verstehen, warum der Titel von Eka Kurniawans Roman eine verdrehte Wortverbindung bildet. „Hunde bellen“ und „Katzen miauen“ klingt selbstverständlich, beinahe so selbstverständlich, dass wir über die darin enthaltene Vereinbarung gar nicht mehr nachdenken. Es ist eine jener sprachlichen Ordnungen, die wir übernehmen, ohne sie jemals beschlossen zu haben. Aber warum sollten Hunde nicht miauen und Katzen bellen? Würde die Welt dadurch tatsächlich widersprüchlicher – oder nur unsere Vorstellung von ihr? Selbst die Onomatopöie, die uns vorgaukelt, in der Lautgestalt eines Wortes unmittelbar die Natur des Geräusches zu erkennen, ist letztlich ein menschliches Konstrukt. Sprache bildet Wirklichkeit nicht einfach ab. Sie legt sie fest.
Auch das Leben von Sato Reang ist von solchen Festlegungen bestimmt. Von Geburt an wird er in ein System gedrängt, das von ihm verlangt zu beten, zur Schule zu gehen und die heiligen Schriften zu studieren, damit er sich den Titel eines „frommen Kindes“ verdient. Für seine Eltern ist das ein Kompliment, für Sato Reang beinahe eine Beleidigung. Denn fromm zu sein, war nie sein eigener Wunsch. Er erfüllt die Erwartungen seines Vaters und den sozialen Zwang, indem er sich einer Definition von Frömmigkeit unterwirft, die mit Glauben nur noch bedingt zu tun hat.
Gerade darin liegt eine der interessanteren Ideen des Romans: Das Wesen des Glaubens hat sich verschoben. Es geht nicht mehr um die Suche nach einem Sinn oder um eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Religiösen, sondern um die öffentliche Anerkennung als besonders frommer Mensch. Frömmigkeit wird zur sozialen Leistung, zur Wettbewerbskategorie, letztlich zum Gehorsam gegenüber den Predigern. Sato Reang erkennt diese Mechanik und möchte die tief verwurzelten, längst verrotteten Konventionen aufbrechen. Nicht aus einem großen revolutionären Impuls heraus, sondern weil er etwas viel Einfacheres will: ein normales Kind sein, mit seinen Freunden spielen und den Unsinn treiben, der zum Erwachsenwerden gehört.
Damit gewinnt der seltsame Titel seine eigentliche Bedeutung. Kurniawan erzählt von einer Welt, in der die Dinge so heißen und so zu sein haben, wie man es ihnen beigebracht hat. Wer die Zuordnung infrage stellt, bringt nicht nur die Sprache durcheinander, sondern die Ordnung, die hinter ihr steht. Sato Reangs Widerspruch richtet sich deshalb weniger gegen einen einzelnen Glaubenssatz als gegen die Selbstverständlichkeit, mit der gesellschaftliche Regeln als Naturgesetze ausgegeben werden.
Leider gelingt es dem Roman nicht immer, aus diesem interessanten Gedanken auch eine überzeugende literarische Form zu entwickeln. Die Geschichte von Sato Reang wird teils von einem Erzähler, teils von Sato selbst geschildert. Die Perspektive wechselt dabei so häufig, dass irgendwann der Eindruck entsteht, der Autor probiere verschiedene Erzählweisen aus, ohne sich für eine entscheiden zu wollen. Das mag als literarisches Experiment gedacht sein. Nur müsste ein solches Experiment irgendwann einen erkennbaren Gewinn erzeugen. Hier erschwert es eher den Lesefluss, als dass es den Blick auf die Figur schärft.
Auch die zahlreichen Anekdoten über Nachbarn und die Eskapaden von Satos Freunden tragen nur wenig zu jener inneren Zerrissenheit bei, die eigentlich das Zentrum der Geschichte bilden könnte. Sie erweitern zwar die erzählte Welt, bleiben aber häufig an deren Oberfläche. Man liest sie, nimmt sie zur Kenntnis und fragt sich anschließend, welchen Unterschied es für Sato Reang eigentlich gemacht hat, dass sie erzählt wurden. Bisweilen wirkt das weniger wie eine bewusst komponierte Abschweifung als wie Material, das der Roman offenbar nicht missen wollte, obwohl er es nicht wirklich benötigt.
So bleibt von „Bellende Katzen“ ein durchaus reizvoller Gedanke, dessen literarische Umsetzung mich allerdings nicht vollständig überzeugt. Kurniawan stellt die scheinbare Natürlichkeit unserer sprachlichen und gesellschaftlichen Übereinkünfte infrage – und findet dafür mit dem verdrehten Titel ein schönes Bild. Nur hätte gerade dieser Gedanke eine konzentriertere Erzählweise verdient. Bei einem Roman von knapp 160 Seiten fallen erzählerische Umwege schließlich stärker ins Gewicht als bei einem ausufernden Familienepos.
Und dann wäre da noch die Frage der Ausstattung. Eine gebundene Ausgabe für einen derart schmalen Roman ist natürlich kein literarisches Problem. Aber wenn für die knapp 160 Seiten 22 Euro aufgerufen werden, darf man sich zumindest fragen, ob der feste Einband tatsächlich dem Buch oder eher seiner Preisgestaltung dient. Vielleicht ist auch das nur eine weitere jener stillschweigenden Übereinkünfte, die wir irgendwann für selbstverständlich halten sollen.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 21. September 2026