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Der Mensch ist ein Mängelwesen. Seine Ansprüche kollidieren mit der Realität, seine guten Absichten führen nicht selten in die Heuchelei, und über allem steht das Scheitern an Umständen, die er häufig genug selbst geschaffen hat. T. C. Boyle kennt diese Spezies genau. Er beobachtet sie mit der Kälte eines Sezierers, aber eben nicht mit der Verachtung eines Zynikers. Seine Figuren sind lächerlich, verbohrt, ängstlich, größenwahnsinnig oder schlicht überfordert – und gerade deshalb erkennt man in ihnen etwas höchst Unangenehmes: sich selbst.
Die beiden Bände „Das Ende ist nur ein Anfang“ und „Wenn der Fluss voll Whisky wär“ führen mitten hinein in diese eigentümliche Boylesche Welt. Es ist eine Welt der gescheiterten Hoffnungen, der kleinen Selbsttäuschungen und der großen gesellschaftlichen Widersprüche. Boyle erweist sich dabei einmal mehr als Chronist einer amerikanischen Gesellschaft, deren innere Bindungen porös geworden sind. Seine Kurzgeschichten handeln von Menschen, die noch an ihre Überzeugungen glauben, obwohl die Wirklichkeit längst begonnen hat, sie dafür zu bestrafen.
In „Kalter Sommer“ etwa lässt Boyle ein links-ökologisches Ehepaar auf beinahe vorbildliche Weise auf klimaschädliche Haushaltsgeräte verzichten. Die Gesinnung ist makellos, die Realität weniger entgegenkommend. Als die klimatischen Verhältnisse tatsächlich unangenehm werden, wächst die Sehnsucht nach genau jener kapitalistischen Lieferkette, deren ökologischen Folgen man zuvor so entschieden entsagen wollte. Das ist Boyle in Reinform: Die Ideologie ist sauber, das Leben leider nicht. Und der moderne Mensch entdeckt seine Prinzipien vorzugsweise dort, wo sie ihm nicht allzu viel abverlangen.
„Schutzgebiet“ führt diesen Widerspruch in die politische Sphäre. Im Schatten des Grenzzauns zu Mexiko geraten eine Ökologin und eine aufstrebende Nachwuchspolitikerin aneinander, während weibliche Aktivisten ihre jeweiligen Vorstellungen von Moral, Politik und gesellschaftlicher Verantwortung verteidigen. Boyle interessiert dabei weniger die Frage, wer recht hat, als das eigentümliche Bedürfnis, recht haben zu müssen. Am Ende bleiben Verliererinnen zurück – und vielleicht die Erkenntnis, dass moralische Gewissheit keineswegs vor menschlicher Eitelkeit schützt.
Noch grotesker wird es in „Ich rate zu Kunstfaser“. Ein paranoides Elternpaar versucht, seinen Sohn vor einem möglichen Schulmassaker zu schützen, stattet ihn mit einer Schutzweste aus und verbannt ihn nach einem Wespenstich schließlich ganz aus der Schule. Gefahr droht überall. Der Witz der Geschichte liegt deshalb nicht allein in der Übertreibung, sondern in ihrer erschreckenden Logik: Wer die Welt ausschließlich als Gefahrenzone begreift, wird irgendwann selbst zum Gefängniswärter seines eigenen Lebens.
„Der Elgar“ wiederum führt Boyle in das Reich des gesellschaftlichen Losers, der sein persönliches Versagen nicht bei sich selbst, sondern bei der Gesellschaft verortet und daraus die Legitimation für einen sinnlosen Mord gewinnt. Auch hier verweigert Boyle die bequeme psychologische Erklärung. Seine Figuren sind nicht einfach Opfer und nicht einfach Täter. Sie sind Menschen, die ihre Niederlagen in Weltanschauungen verwandeln.
Mein persönlicher Favorit ist „In vino veritas“. Ein Ehepaar nimmt an einer Studie über die Folgen regelmäßigen Alkoholkonsums teil und bekommt damit gewissermaßen wissenschaftlich beglaubigt, was das Leben ohnehin schon wusste: Der Mensch kann selbst aus einer Untersuchung über die gesundheitlichen Folgen des Trinkens eine Einladung machen, die eigenen Grenzen zu überschreiten. Boyle braucht dafür keine moralische Keule. Die Absurdität der Situation erledigt den Rest.
Besonders düster wird es in „2036“, einer Dystopie, in der falsche Meinungen, politische Abweichung oder bloße Kontaktschuld ins Umerziehungslager führen können und Denunzianten gesellschaftlich aufsteigen. Boyle zeichnet hier eine Welt, in der nicht mehr allein die Tat, sondern bereits die falsche Haltung verdächtig macht. Man muss den politischen Gegner nicht widerlegen, wenn man ihn moralisch markieren kann. Das hat etwas Groteskes – und gerade deshalb etwas Beunruhigendes.
Auch „Wenn der Fluss voll Whisky wär“ versammelt Menschen, die an der Wirklichkeit ihrer eigenen Existenz verzweifeln, ohne recht zu wissen, warum. In „Moderne Liebe“ wird die Hypochondrie einer Frau zur Lebensform. Die Angst vor Krankheit, Ansteckung und Kontamination dringt so tief in ihren Alltag ein, dass selbst eine neue Beziehung unter dem Verdacht steht, gesundheitlich gefährlich zu sein. Der Körper wird zur permanenten Bedrohung, die Liebe zum möglichen Infektionsherd. Boyle besitzt die seltene Fähigkeit, eine solche Figur zugleich komisch und traurig erscheinen zu lassen.
In „Schwieriger Kunde“ treibt er seine Lust am politischen Absurden noch weiter. Ein radikal-islamischer Ayatollah soll mithilfe eines Personaltrainers so weit amerikanisiert und medientauglich gemacht werden, dass er in die westliche Gesellschaft passt. Der Gedanke allein ist bereits eine Satire auf die Vorstellung, jede kulturelle und politische Unverträglichkeit ließe sich durch das richtige Coaching beseitigen. Wo früher Missionare, Diplomaten oder Ideologen tätig wurden, genügt heute offenbar ein Personal Trainer.
„Das sinkende Haus“ erzählt dagegen von zwei Frauen, einer älteren nach dem Tod ihres Mannes und einer jungen Mutter mit zu viel Tagesfreizeit, die beide in einer Existenz gefangen sind, deren Sinn ihnen abhandengekommen ist. Hier ist Boyle weniger schrill. Das Scheitern tritt nicht als spektakuläre Katastrophe auf, sondern als schleichende Erosion des Lebens. Das Haus sinkt – und mit ihm die Gewissheit, dass das eigene Dasein noch irgendwohin führt.
„Der Teufel und Irv Cherniske“ schließlich nimmt den amerikanischen Traum selbst ins Visier und verwandelt ihn in ein Faust-Motiv. Der Traum vom Aufstieg, vom Erfolg und von einem besseren Leben erscheint bei Boyle immer auch als Geschäft mit dem Teufel. Nur ist dieser Teufel längst kein dämonisches Wesen mehr. Er trägt die Züge des Systems, der eigenen Wünsche und jener unstillbaren Sehnsucht, endlich jemand anderes zu sein.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Stärke dieser Geschichten. Boyle schreibt nicht einfach über amerikanische Verlierer. Er schreibt über Menschen, deren Vorstellungen vom guten Leben mit der Wirklichkeit kollidieren und die diesen Konflikt nicht mehr auflösen können. Sie halten an ihren Illusionen fest, selbst dann, wenn diese Illusionen längst zu den Ursachen ihres Unglücks geworden sind. Der ökologische Idealist braucht die industrielle Lieferkette, der politisch Überzeugte gerät in die Falle seiner eigenen moralischen Gewissheit, der Ängstliche macht die Welt durch seine Angst erst recht unbewohnbar, und der Gescheiterte verwandelt seine persönliche Niederlage in eine Anklage gegen alle anderen.
Dabei ist Boyle oft hart, manchmal schrill und voller bitteren Humors. Aber er wird nie zynisch. Das ist ein entscheidender Unterschied. Zynismus würde seine Figuren von außen erledigen; Boyle lässt sie vielmehr in ihren Widersprüchen stehen. Er lacht über sie, gewiss, aber sein Lachen hat etwas Unruhiges. Man spürt darin die Möglichkeit, dass der nächste Schritt vom Beobachter zum Beobachteten nur ein kleiner sein könnte.
Seine Menschen haben ihre Träume längst nicht unbedingt verloren. Viel schlimmer: Sie haben gelernt, ohne sie zu leben. Die Niederlage wird nicht mehr als Ausnahme empfunden, sondern als Normalzustand. Man richtet sich ein im Unglück, verwaltet seine Ängste, pflegt seine Überzeugungen und versucht, aus dem Rest des Lebens noch eine halbwegs erträgliche Ordnung zu basteln. Der Pessimismus ist dabei keine individuelle Stimmung mehr, sondern beinahe schon eine gesellschaftliche Konstante.
Und genau hier beginnt Boyle über das amerikanische Milieu hinaus interessant zu werden. Denn vielleicht erzählen diese Geschichten tatsächlich von der amerikanischen Mittel- und Unterschicht, von ihren Ängsten, ihren politischen Obsessionen und ihren beschädigten Lebensentwürfen. Vielleicht aber erzählen sie von einer westlichen Welt, in der die großen Versprechen allmählich ihre Glaubwürdigkeit verlieren. Vom Aufstieg, vom Wohlstand, von politischer Vernunft, von individueller Freiheit, vom guten Leben.
Was bleibt, wenn diese Versprechen noch immer ausgesprochen werden, aber niemand mehr so recht an sie glaubt?
Boyle gibt darauf keine Antwort. Zum Glück. Seine Geschichten sind keine politischen Traktate und schon gar keine Gebrauchsanweisungen für eine bessere Welt. Sie halten uns lediglich einen Spiegel hin, der leider nicht besonders schmeichelhaft geraten ist. Vielleicht ist das Ende tatsächlich nur ein Anfang. Vielleicht aber ist es auch einfach das, was Menschen sagen, wenn sie noch nicht bereit sind, sich einzugestehen, dass etwas zu Ende gegangen ist.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 19. August 2026