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Wenn das Nutztier zum Vernutztier wird
Eine Kuh ist ein Nutztier. Diese ebenso schlichte wie jahrhundertealte Feststellung gehört zu den Selbstverständlichkeiten bäuerlichen Lebens. Der Mensch hält Tiere, um von ihnen zu leben, und übernimmt im Gegenzug Verantwortung für ihr Wohlergehen. Eine Übereinkunft freilich, zu der die eine Seite niemals ihre Zustimmung gegeben hat. Doch wo endet die Nutzung, wo beginnt die Vernutzung? Wann wird aus einem Lebewesen, dessen Bedürfnisse der Mensch zu berücksichtigen hat, eine biologische Produktionseinheit, deren Daseinsberechtigung sich an ihrer Leistungsfähigkeit bemisst? Es sind Fragen wie diese, die Dörte Hansens Roman „Broder“ durchziehen und weit über die Geschichte einer norddeutschen Bauernfamilie hinausweisen.
Im Mittelpunkt stehen die Zwillingsbrüder Broder und Henning Bahnsen, deren Lebenswege durch die Entscheidung über die Hofnachfolge früh auseinandergeführt wurden. Henning hat den elterlichen Betrieb übernommen und zu einem modernen Milcherzeugungsunternehmen ausgebaut. Digitales Herdenmanagement, automatisierte Arbeitsabläufe und auf maximale Milchleistung gezüchtete Kühe bestimmen inzwischen den Alltag. Sein Bruder Broder hingegen ist Tierarzt geworden und kehrt nach Jahren zurück. Die räumliche Entfernung hat die alte Kränkung nicht beseitigt. Wer den Hof nicht erbt, verliert schließlich mehr als einen Vermögenswert. Er verliert einen Teil jener Herkunft, die gerade in bäuerlichen Familien nicht selten über den Platz eines Menschen innerhalb der familiären Ordnung entscheidet.
Henning wiederum hat wenig Anlass, sich als Gewinner zu betrachten. Er hat den Hof bekommen, allerdings mitsamt sämtlichen Verpflichtungen, die sich daraus ergeben. Ein moderner Milchviehbetrieb lässt seinem Eigentümer kaum die Freiheit, sich romantischen Vorstellungen von bäuerlicher Selbstbestimmung hinzugeben. Hohe Investitionen in Stalltechnik und Automatisierung müssen erwirtschaftet werden, laufende Kosten verlangen nach verlässlichen Erträgen, während der einzelne Erzeuger auf die Entwicklung der Milchpreise nur begrenzten Einfluss hat. Wer unter diesen Bedingungen bestehen will, muss seine Produktion optimieren. Die einzelne Kuh wird damit zunehmend zum Gegenstand betriebswirtschaftlicher Kalkulation. Ihre Milchleistung, Fruchtbarkeit und gesundheitliche Verfassung sind Kennzahlen eines Systems, das Effizienz verspricht, aber immer neue Abhängigkeiten schafft.
Das eigentlich Beunruhigende daran ist, dass sich die Vernutzung des Tieres keineswegs zwingend aus persönlicher Rücksichtslosigkeit ergibt. Sie kann ebenso gut das Ergebnis einer ökonomischen Logik sein, der sich auch ein verantwortungsbewusster Landwirt nur schwer entziehen kann. Die Hochleistungskuh ist schließlich kein Naturereignis, sondern das Resultat menschlicher Zuchtziele. Ihr Organismus wird auf eine Milchproduktion ausgerichtet, deren wirtschaftlicher Nutzen die Grenzen des biologisch Zuträglichen immer wieder zur Disposition stellt. Dass moderne Technik gleichzeitig eine bessere Überwachung der Tiergesundheit ermöglicht, macht den Widerspruch nicht kleiner. Die Maschine registriert Abweichungen, meldet Auffälligkeiten und liefert Daten über das Befinden des Tieres. Nur beantwortet sie nicht die Frage, ob das System, dessen Funktionieren sie überwacht, dem Tier überhaupt gerecht wird.
Dörte Hansen entwickelt aus diesem Spannungsverhältnis keine wohlfeile Gegenüberstellung von guter bäuerlicher Vergangenheit und schlechter industrieller Gegenwart. Der alte Bahnsen, selbst ein konservativer Milcherzeuger, begegnet den Modernisierungen seines Sohnes mit jener Mischung aus Misstrauen und ungefragter Besserwisserei, die sich offenbar auch im hohen Alter nicht aus dem bäuerlichen Familienleben verabschiedet. Seine Verbesserungsvorschläge gehen an den Erfordernissen eines automatisierten Betriebs längst vorbei. Doch seine Haltung verweist auf einen Wandel, der sich nicht allein an Maschinen und Produktionszahlen ablesen lässt. Mit der Veränderung der Landwirtschaft verschiebt sich auch das Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Was früher durch unmittelbare Erfahrung, Gewohnheit und persönliche Anschauung bestimmt wurde, wird zunehmend von technischen Verfahren vermittelt. Dass die frühere Landwirtschaft deshalb grundsätzlich tierfreundlicher gewesen wäre, darf man getrost bezweifeln. Aber die Frage, was mit der Verantwortung geschieht, wenn sich die Wahrnehmung des Tieres immer stärker in Daten übersetzt, bleibt bestehen.
Broder kennt beide Welten. Als Tierarzt ist er mit den biologischen Folgen einer auf Leistung ausgerichteten Tierhaltung unmittelbar konfrontiert. Gleichzeitig bleibt er seinem Bruder und dem elterlichen Hof verbunden. Dass er Hennings Hochleistungskühe betreut, ohne dafür angemessen bezahlt zu werden, beschreibt die eigentümliche Verquickung von familiärer Verpflichtung und wirtschaftlicher Abhängigkeit beinahe beiläufig. Innerhalb einer Familie gelten andere Rechnungen als außerhalb. Leistungen werden erwartet, Ansprüche selten ausgesprochen und alte Ungerechtigkeiten mit gegenwärtigen Verpflichtungen verrechnet. Broders Zweifel an der modernen Tierhaltung lassen sich deshalb auch nicht vollständig von seiner persönlichen Geschichte trennen. Seine Kritik trifft einen Betrieb, der ihm einst versagt blieb und dem er sich dennoch nicht entziehen kann.
Eine weitere, möglicherweise noch grundsätzlichere Erschütterung erfährt dieses fragile Gefüge durch Broders Tochter Claire. Sie studiert Tiermedizin und betrachtet die moderne Hochleistungslandwirtschaft mit wachsender Skepsis. Nach einem Praktikum bei ihrem Vater spielt sie mit dem Gedanken, das Studium abzubrechen. Was für die ältere Generation zum selbstverständlichen Berufsalltag gehört, erscheint ihr zunehmend als moralischer Widerspruch. Wie soll man Tiere heilen, wenn man zugleich an einem System mitwirkt, das ihre körperlichen Grenzen immer wieder den Anforderungen wirtschaftlicher Verwertbarkeit unterordnet?
Claires Haltung verleiht dem Roman eine zusätzliche Dimension. Denn ihre Zweifel richten sich nicht allein gegen bestimmte Methoden der Tierhaltung. Sie berühren das berufliche Selbstverständnis ihres Vaters und die Lebensgrundlage der gesamten Familie. Broder kann seine tierärztliche Tätigkeit als notwendige Hilfe für leidende Tiere begreifen; Claire sieht darin womöglich bereits eine Mitwirkung an den Verhältnissen, unter denen dieses Leiden entsteht. Henning wiederum muss ihre Kritik beinahe zwangsläufig als Infragestellung seiner Existenz verstehen. Was für die junge Frau eine Frage moralischer Konsequenz ist, betrifft für ihn die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit eines Betriebs, für den er Verantwortung trägt.
Gerade darin liegt die besondere Schärfe des Generationenkonflikts. Claire kann sich den grundsätzlichen Zweifel noch leisten, während die Älteren längst Entscheidungen getroffen haben, deren Folgen sie nicht ohne Weiteres rückgängig machen können. Das macht ihre Haltung weder naiv noch die ihrer Angehörigen moralisch unangreifbar. Vielmehr zeigt sich hier ein Konflikt, der weit über die Landwirtschaft hinausreicht: Eine jüngere Generation stellt Fragen, auf die die ältere keine befriedigenden Antworten mehr findet, weil sie sich über Jahrzehnte mit den bestehenden Verhältnissen arrangiert hat. Wer von einem System lebt, entwickelt zwangsläufig Argumente für dessen Fortbestand. Wer dessen Widersprüche erstmals mit unverstelltem Blick wahrnimmt, empfindet diese Argumente nicht selten als Ausflüchte.
Hansen lässt die familiären Spannungen aus eben solchen unterschiedlichen Wahrnehmungen entstehen. Dabei ist der Bahnsenhof weit mehr als ein Wirtschaftsbetrieb. Er ist Lebensort, familiäres Machtzentrum und eine Art unsichtbarer Vertrag zwischen den Generationen. Wer ihn übernimmt, erbt nicht nur Gebäude, Maschinen und Land, sondern auch Erwartungen, Verpflichtungen und eine überkommene Vorstellung davon, wie das eigene Leben auszusehen hat. Selbst wer fortgeht, bleibt dieser Ordnung verbunden.
Hinzu kommt das soziale Gefüge des Dorfes, dessen ungeschriebene Regeln bis tief in die Familien hineinwirken. Besonders die Frauen, die traditionellen „Landfrauen“, haben diese Ordnung verinnerlicht. Sie halten familiäre Beziehungen aufrecht, vermitteln zwischen den Generationen und tragen nicht selten jene Konflikte mit, über die öffentlich nicht gesprochen wird. Das bäuerliche Leben erscheint damit keineswegs als Hort ursprünglicher Gemeinschaft, sondern als ein engmaschiges System sozialer Erwartungen, in dem Zugehörigkeit auch ihren Preis hat.
Hansens besondere Stärke liegt darin, dass sie solche Verhältnisse nicht erst umständlich erklären muss. Sie werden in Arbeitsabläufen sichtbar, in beiläufigen Bemerkungen und in dem, was zwischen den Figuren unausgesprochen bleibt. Ihre Sprache verzichtet auf demonstrative Dramatik. Sie beobachtet genau, bisweilen beinahe spröde, und vertraut darauf, dass die Widersprüche ihrer Figuren auch ohne erzählerische Nachhilfe erkennbar werden. Gelegentlich mag diese Zurückhaltung etwas kühl wirken. Andererseits bewahrt sie den Roman davor, seine gesellschaftlichen Konflikte in ein leicht konsumierbares Familiendrama aufzulösen.
Vor allem widersteht Hansen der Versuchung, eindeutige Schuldige zu benennen. Henning ist kein gewissenloser Agrarunternehmer, Broder kein unbestechlicher Anwalt des Tierwohls, und auch Claire besitzt nicht allein deshalb recht, weil sie die Verhältnisse grundsätzlich infrage stellt. Ihre Positionen entstehen aus unterschiedlichen Erfahrungen und Lebensbedingungen. Das macht sie verständlich, ohne ihre Widersprüche aufzuheben.
Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Qualität dieses Romans. Er erzählt von einer Landwirtschaft, deren technische Möglichkeiten immer größer werden, während die Freiheit derjenigen, die sie betreiben, keineswegs im gleichen Maße wächst. Er erzählt von Menschen, die ihre Tiere versorgen und zugleich von deren wirtschaftlicher Verwertung abhängig sind. Und er erzählt von einer Familie, in der die Frage nach dem richtigen Umgang mit dem Tier unversehens zur Frage nach dem richtigen Leben wird.
„Broder“ ist deshalb weit mehr als eine Geschichte über zwei Brüder und einen umstrittenen Hof. Dörte Hansen richtet den Blick auf einen gesellschaftlichen Widerspruch, den wir als Konsumenten nur allzu gern an die Landwirtschaft delegieren. Wir erwarten günstige Lebensmittel, eine leistungsfähige Produktion und selbstverständlich ein hohes Maß an Tierwohl. Wie diese Ansprüche unter den bestehenden wirtschaftlichen Bedingungen miteinander vereinbar sein sollen, überlassen wir geflissentlich jenen, die täglich damit zurechtkommen müssen.
Die Kuh steht derweil im Stall. Ob sie dort als Nutztier oder längst als Vernutztier lebt, entscheidet sich nicht allein am Gewissen ihres Besitzers. Und möglicherweise ist das die unbequemste Erkenntnis, die Hansens Roman seinen Lesern zumutet.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 21. Oktober 2026