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Die Straße, auf der niemand unschuldig bleibt
Es gibt Landschaften, die in Thrillern nicht bloß Kulisse sind, sondern selbst zu handelnden Kräften werden. In „Outback Killers‟ ist das australische Outback genau ein solcher Ort: endlos, feindselig, nahezu entvölkert, ein Raum, in dem Recht und Ordnung zu fragilen Konzepten schrumpfen und Gewalt jederzeit aus dem roten Staub aufsteigen kann. Candice Fox nutzt diese Landschaft nicht einfach als exotischen Hintergrund, sondern als moralisches Versuchsfeld, auf dem Zivilisation nur noch eine dünne, jederzeit reißende Oberfläche bildet.
Im Zentrum steht der sogenannte „High Wire“, eine geheime, kaum kartografierte Piste quer durch das australische Niemandsland, genutzt von Schmugglern, Kriminellen und all jenen, die Dinge verschwinden lassen wollen: Drogen, Geld, Menschen, Leichen. Bereits diese Idee verleiht dem Roman eine fast mythische Qualität. Der High Wire wirkt weniger wie eine Straße als wie ein rechtsfreier Korridor außerhalb gesellschaftlicher Regeln, ein moderner Grenzraum, in dem eigene Gesetze herrschen.
Auf dieser Route kreuzen sich die Wege unterschiedlichster Figuren, deren Schicksale sich zunehmend ineinander verhaken. Harvey Buck, ehemaliger Soldat mit den Narben seiner Afghanistan-Vergangenheit, befindet sich auf einer verzweifelten Reise zurück nach Sydney, nachdem ihn die Nachricht erreicht hat, dass seine Ex-Freundin im Sterben liegt. Es ist ein klassischer Thriller-Ausgangspunkt, der Mann in Eile, getrieben von Schuld, Verlust und einem letzten Versuch der Versöhnung. Doch Fox interessiert sich weniger für psychologische Selbstbespiegelung als für Dynamik. Harvey bleibt trotz seiner inneren Verletzungen handlungsfähig; ein Mann, dessen Trauma nicht seine gesamte Persönlichkeit verschlingt.
Gerade dadurch gewinnt die Figur eine wohltuende Glaubwürdigkeit.
Als Harvey anhält, um der scheinbar gestrandeten Clare Holland zu helfen, beginnt jener Ketteneffekt, aus dem der Roman seine explosive Energie entwickelt. Denn Clare wird gesucht, von Männern mit militärischer Vergangenheit, von ihrem Ehemann und schließlich von einer Gewaltspirale selbst, die sich immer schneller verselbstständigt.
Besonders gelungen ist dabei die Einführung von Senior Sergeant Edna Norris. Als einzige Polizistin in einem gigantischen Zuständigkeitsgebiet verkörpert sie jene pragmatische Härte, die das Outback offenbar hervorbringt. Edna ist keine überzeichnete Actionheldin und auch keine gebrochene Genrefigur im Dauerzustand psychischer Selbstzerlegung. Sie ist klug, trocken, erfahren, und gerade deshalb eine der stärksten Figuren des Romans. Ihre Dialoge mit dem jugendlichen Ausreißer Talon verleihen dem Buch zudem jene kurzen Momente lakonischen Humors, die verhindern, dass die permanente Eskalation in bloße Monotonie kippt.
„Outback Killers‟ entwickelt seine eigentliche Stärke aus Bewegung. Kaum eine Szene dient bloß der Atmosphäre; alles drängt vorwärts. Verfolgungen, Hinterhalte, Schusswechsel, überraschende Allianzen, Candice Fox schreibt mit einem Tempo, das kaum Luft zum Stillstand lässt. Die Handlung wirkt stellenweise beinahe irrwitzig in ihrer Zuspitzung, doch genau darin entfaltet der Roman seinen eigentümlichen Reiz. Denn hinter aller Action verbirgt sich ein präzise konstruiertes System aus Rache, Schuld und eskalierender Gewalt.
Zugleich erzählt der Roman von einem Australien fernab touristischer Klischees. Das Outback erscheint hier nicht als romantisierte Wildnis, sondern als Raum struktureller Leere, dünn besiedelt, schlecht kontrollierbar, geprägt von Isolation und improvisierter Ordnung. Der High Wire wird so fast zwangsläufig zur Metapher: für eine Gesellschaft, deren Peripherien sich zunehmend staatlicher Kontrolle entziehen.
Gerade deshalb funktioniert der Roman weit über seine Actionelemente hinaus. Denn unter all dem Chaos arbeitet eine beunruhigende Vorstellung: dass Zivilisation manchmal nur wenige Kilometer Asphalt entfernt endet.
Und dahinter beginnt das Gesetz der Gewalt.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 3. Mai 2026