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Buchkritik -- Chris Carter -- Du kriegst mich nicht

Umschlagfoto, Buchkritik, Chris Carter, Du kriegst mich nicht, InKulturA Jeder hat etwas zu verbergen

Nelson Stewart steht vor Gericht. Der Vorwurf wiegt schwer: Über Jahre hinweg hat er seine Ehefrau Samantha körperlich misshandelt. Stewart beteuert seine Unschuld, doch die Beweislage spricht eine andere Sprache. Samantha besitzt Fotografien, die seine Gewalt dokumentieren, und als kurz vor der Beratung der Geschworenen überraschend eine weitere Zeugin auftaucht, scheint auch der letzte Zweifel beseitigt. Die Frau war Nelsons Geliebte, und auch sie musste seine Gewalt ertragen.

Dreizehn Jahre Haft lautet das Urteil. Für Samantha könnte damit ein neues Leben beginnen. Der Anwalt rät ihr allerdings dringend, nicht darauf zu vertrauen, dass ihr ehemaliger Ehemann seine Niederlage einfach hinnimmt. Sie soll eine neue Identität annehmen, ihren Aufenthaltsort möglichst häufig wechseln und für eine Weile aus der Welt verschwinden. Da Samantha nach der Scheidung einen beträchtlichen Teil von Nelsons Vermögen erhält, fehlt es ihr zumindest finanziell an nichts. Sie wird zu Mary Smith und beginnt ein Leben im Verborgenen.

Doch Geld kauft bekanntlich keine Sicherheit. Mary zieht durch die Vereinigten Staaten, wechselt Wohnungen und Städte, versucht, möglichst wenige Spuren zu hinterlassen, und lebt dennoch mit jener nagenden Gewissheit, die Menschen verfolgt, die sich vor jemandem verstecken müssen: Irgendwann könnte er sie finden. Als sie tatsächlich einen Mann bemerkt, der ihr zu folgen scheint, gerät ihre mühsam errichtete Existenz ins Wanken.

Dann kommt San Francisco. Und mit der Stadt kommt ein Mann.

Mary verliebt sich. Für einen Moment scheint es, als hätte Chris Carter beschlossen, seinen Psychothriller gegen einen schmalzigen Liebesroman einzutauschen. Die neue Bekanntschaft, das Verliebtsein, die Hoffnung auf ein endlich normales Leben, stellenweise fühlt sich das tatsächlich an wie ein Groschenroman, bei dem man unwillkürlich nach dem Sonnenuntergang am Strand und der Violine im Hintergrund sucht.

Aber wir reden schließlich von Chris Carter.

Gerade als die Liebstodelei gefährlich nahe daran ist, die Spannung einzuschläfern, zieht Carter den Boden unter den Füßen seiner Leser weg. Eine Wendung folgt der nächsten, und plötzlich bekommt auch das scheinbar harmlose Liebesglück eine andere Farbe. Was zunächst wie die Geschichte einer traumatisierten Frau wirkt, die nach Jahren der Gewalt endlich wieder Vertrauen wagt, erweist sich als weitaus raffinierteres Spiel.

Denn Carter interessiert sich weniger für die Frage, wer jemand ist, als für die Frage, welche Absicht er verfolgt. Und damit sind wir beim eigentlichen Reiz dieses Romans. Seine beiden zentralen Figuren begegnen einander nicht einfach als Mann und Frau, sondern als Menschen mit jeweils eigener Agenda. Mary möchte ihrem alten Leben entkommen, ihre Vergangenheit abschütteln und endlich eine Identität besitzen, die nicht von Angst und Gewalt bestimmt wird. Doch auch sie trägt Geheimnisse mit sich herum. Ihre Geschichte beginnt nicht erst mit Nelson Stewart. Je weiter der Roman voranschreitet, desto deutlicher wird, dass auch ihre Vergangenheit ihre Gegenwart nicht so einfach loslässt.

Und der Mann, in den sie sich verliebt? Auch er verfolgt seine eigenen Ziele. Was er Mary erzählt, muss deshalb noch lange nicht das sein, was ihn tatsächlich antreibt. Carter macht aus der Liebesgeschichte ein Versteckspiel, in dem nicht nur die Figuren voreinander Geheimnisse haben, sondern auch der Leser ständig neu darüber nachdenken muss, wem er eigentlich noch trauen darf.

Das ist der Punkt, an dem aus dem vermeintlichen Liebesroman wieder ein typischer Carter wird. Seine Figuren sind keine offenen Bücher. Jeder trägt eine Geschichte mit sich herum, jeder hat etwas zu verbergen, jeder verfolgt einen Plan, und die Kunst besteht darin, den anderen glauben zu lassen, dass man selbst keinen Plan hat. Gerade dadurch bekommt der Titel „Du kriegst mich nicht“ eine zusätzliche Bedeutung. Er bezeichnet nicht allein Marys Versuch, ihrem ehemaligen Ehemann zu entkommen. Er wird zum Prinzip eines Romans, in dem jeder jeden zu durchschauen versucht, und dabei selbst Gefahr läuft, durchschaut zu werden.

Carter seziert das Verbrechen hier weniger über seine äußeren Mechanismen als über die Psychologie der Täuschung. Die eigentliche Waffe ist nicht immer Gewalt. Manchmal genügt eine glaubwürdige Geschichte. Ein Name. Ein Blick. Eine Liebeserklärung. Oder eben die sorgfältig konstruierte Version der eigenen Vergangenheit.

Und plötzlich ist auch die Frage nach Schuld nicht mehr so einfach, wie sie zu Beginn erscheint. Carter führt seine Leser immer tiefer in die Vergangenheit seiner Figuren und legt dabei Schicht um Schicht frei. Besonders Marys Kindheit erweist sich als entscheidend dafür, zu verstehen, wer diese Frau eigentlich ist und welche Kräfte ihr Handeln bestimmen. Aus dem Opfer einer brutalen Ehe wird allmählich eine weitaus kompliziertere Figur.

Das ist die eigentliche Stärke dieses Psychothrillers: Carter lässt seine Figuren nicht einfach vor einer Bedrohung davonlaufen. Er lässt sie voreinander davonlaufen. Und manchmal vielleicht auch vor sich selbst.

„Du kriegst mich nicht“ ist deshalb weit mehr als ein weiterer Thriller über einen psychopathischen Ehemann und eine Frau auf der Flucht. Es ist ein raffiniertes Spiel mit Identitäten, Wahrnehmungen und verborgenen Absichten. Carter führt den Leser bereitwillig auf eine falsche Fährte, lässt ihn dort eine Weile bequem sitzen und zieht ihm dann mit sichtlichem Vergnügen den Teppich unter den Füßen weg. Wer glaubt, die Geschichte nach den ersten Kapiteln verstanden zu haben, sollte sich bei Chris Carter ohnehin niemals zu sicher fühlen.

„Du kriegst mich nicht“ gehört für mich zu den stärksten Psychothrillern dieses Jahres. Absolute Leseempfehlung.




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Veröffentlicht am 13. Augudst 2026