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Buchkritik -- Pascal Engman -- Der Clan I - Die Straße

Umschlagfoto, Buchkritik, Pascal Engman, Der Clan I  - Die Straße, InKulturA Wenn der Staat die Straße verliert

1997 werden im Krankenhaus von Danderyd ein Junge und ein Mädchen geboren. Sie wachsen nur wenige Kilometer voneinander entfernt in Sollentuna auf, und doch könnten ihre Lebenswelten unterschiedlicher kaum sein. Josef wächst auf Malmvägen bei seiner alleinerziehenden, hart arbeitenden Mutter auf. Antonia hingegen verlebt ihre Kindheit in einer typisch schwedischen Familie, in einem Wohngebiet, das mit den sozialen Verhältnissen auf Malmvägen wenig gemein hat. Zwei Kinder, zwei Welten – und ein Land, dessen gesellschaftliche Wirklichkeit sich im Laufe der kommenden Jahre erheblich verändern wird.

Wir begleiten Josef und Antonia beim Erwachsenwerden im Schweden des 21. Jahrhunderts. Es ist eine Zeit, in der das einst so selbstverständliche schwedische Selbstverständnis einer offenen, toleranten und integrationsbereiten Gesellschaft zunehmend Risse bekommt. Während Antonias vermeintlich heile Welt zu bröckeln beginnt, führen sie ihre Körpergröße und ihr attraktives Aussehen in die Welt der Mode. Eine Modelkarriere eröffnet ihr neue Möglichkeiten, lässt sie aber auch in einem Haifischbecken landen, dessen Regeln sie erst noch kennenlernen muss. Josef dagegen bleibt auf Malmvägen zurück. Seine Mutter hat alles versucht, um ihn mit Liebe und Fürsorge von der Familie Mansour und deren kriminellem Einfluss fernzuhalten. Doch ihre Bemühungen erweisen sich letztlich als vergeblich. Josef gerät immer tiefer in eine Welt, aus der es kaum ein Entrinnen gibt.

Malmvägen in Sollentuna ist das Territorium der Familie Mansour. Nichts geschieht dort, ohne dass der Clan davon erfährt und es genehmigt. Ali Mansour, das Familienoberhaupt, kontrolliert die Geschäfte mit Drogen und Schutzgelderpressung ebenso wie das Leben seiner Angehörigen. Er ist ein Patriarch alter Schule, dessen Machtanspruch auch vor der eigenen Familie nicht haltmacht. Seinen Sohn Mohammed bereitet er darauf vor, eines Tages die Geschäfte zu übernehmen. Seine Tochter Zara hingegen soll zu einer gehorsamen, den Männern untergeordneten Muslimin erzogen werden. Doch ausgerechnet hier stößt seine patriarchalische Autorität an Grenzen. Zara weigert sich, die Demütigungen und Zwänge hinzunehmen, und beginnt, sich gegen die Vorstellungen ihrer Familie aufzulehnen. Ihr Kampf um Selbstbestimmung gehört zu den eindringlicheren Handlungssträngen des Romans.

Man muss nicht lange lesen, um zu erkennen, dass Pascal Engman seinem Roman eine intensive Recherche zugrunde gelegt hat. Die Vielzahl der Figuren und Handlungsstränge verlangt allerdings einige Aufmerksamkeit. Man muss sich auf die unterschiedlichen Charaktere einlassen und gelegentlich die Orientierung bewahren. Das ist nicht immer bequem, verleiht der Geschichte aber eine bemerkenswerte Breite. Engman interessiert sich weniger für den spektakulären Einzelfall als für ein gesellschaftliches Geflecht, in dem persönliche Schicksale, familiäre Abhängigkeiten und organisierte Kriminalität ineinandergreifen.

Gerade die Nähe zur sozialen Wirklichkeit macht die Lektüre so eindringlich. Engman beschreibt ein Schweden, das mit den Folgen misslungener Integration, abgeschotteten Parallelstrukturen und einer zunehmend selbstbewusst auftretenden organisierten Kriminalität konfrontiert ist. Die Gewalt ist dabei keineswegs bloß dramaturgisches Beiwerk. Sie ist Ausdruck eines Machtgefüges, das sich eigene Regeln geschaffen hat und in dem staatliche Autorität kaum noch eine Rolle zu spielen scheint. Besonders deutlich wird das am Schicksal von Josefs Mutter. Ihr verzweifelter Versuch, den Sohn vor dem Abgleiten ins kriminelle Milieu zu bewahren, steht für die Ohnmacht all jener, die erleben müssen, wie familiäre Fürsorge gegen die Verlockungen und den Druck einer scheinbar übermächtigen Gemeinschaft verliert. Ebenso eindringlich schildert Engman Zaras Kampf um ein selbstbestimmtes Leben. Ihre Geschichte zeigt, dass die Auseinandersetzung mit patriarchalischen Traditionen nicht selten mitten in den Familien beginnt und für die Betroffenen einen hohen Preis haben kann.

Schweden hat sich lange als besonders offenes und tolerantes Einwanderungsland verstanden. Dass dieses gesellschaftliche Selbstbild inzwischen erheblich unter Druck geraten ist, lässt sich kaum übersehen. Die schwedische Kriminalitätsentwicklung, insbesondere die Gewalt im Zusammenhang mit Schusswaffen, ist dafür ein bedrückendes Indiz. Engman macht daraus keine politische Abhandlung, aber sein Roman lässt wenig Zweifel daran, dass sich hinter den Schlagzeilen eine gesellschaftliche Realität verbirgt, die weit komplexer und düsterer ist, als es manche beschönigenden Darstellungen vermuten lassen. Dabei geht es nicht um die pauschale Verurteilung von Einwanderern, sondern um kriminelle Strukturen, die sich ethnische und familiäre Bindungen zunutze machen und den Anspruch erheben, über ganze Lebensräume zu herrschen.

„Der Clan I – Die Straße“ ist deshalb weit mehr als ein harter Thriller. In der Gestalt einer spannungsreichen Kriminalgeschichte erzählt Pascal Engman von sozialer Verwahrlosung, patriarchalischer Macht, familiärer Ohnmacht und den Brüchen einer Gesellschaft, die sich mit den Folgen ihrer politischen und gesellschaftlichen Versäumnisse auseinandersetzen muss. Dass dabei gelegentlich die Fülle der Figuren und Ereignisse den Überblick erschwert, ist ein kleiner Preis für die erzählerische Breite dieses Auftakts.

Ein realistischer, schonungsloser und bisweilen beklemmender Roman, der unbequeme Fragen stellt, ohne sie in wohlfeile Antworten aufzulösen. Als erster Teil einer Trilogie macht er neugierig auf die Fortsetzung. Allerdings nicht nur, weil man wissen möchte, wie die Geschichte von Josef, Antonia und der Familie Mansour weitergeht, sondern auch, weil Engman ein gesellschaftliches Panorama entwirft, dessen weitere Entwicklung man mit einiger Sorge verfolgen dürfte.




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Veröffentlicht am 6. November 2026