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Buchkritik -- Asma Mhalla -- Cyberpunk

Umschlagfoto, Buchkritik, Asma Mhalla, Cyberpunk, InKulturA Vorhang auf, die Bühne frei, und das Popcorn bitte leise essen. Asma Mhalla präsentiert keine nüchterne politische Analyse, sondern ein dystopisches Kinoepos, dessen Rollen längst verteilt sind. Auf der Leinwand erscheinen Donald Trump, Elon Musk und die Technologiekonzerne als Antagonisten einer neuen Weltordnung, während Demokratie und Freiheit um ihr Überleben kämpfen. Es ist ein Szenario, das weniger von politischen Grauzonen lebt als von der Dramaturgie einer permanenten Bedrohung. Die Autorin selbst weist darauf hin, dass diese Zukunft längst begonnen habe. Was wir lesen, sei keine Science-Fiction mehr, sondern Gegenwart.

Man könnte diesen erzählerischen Zugriff als geschickten Kunstgriff bewundern. Schließlich hat die Literatur des Cyberpunk seit William Gibson ihre stärksten Momente gerade dort entwickelt, wo technologische Euphorie und gesellschaftlicher Zerfall untrennbar ineinandergriffen. Doch je weiter Mhalla ihre Argumentation entfaltet, desto deutlicher wird, dass sie sich weniger für die Ambivalenz dieser Tradition interessiert als für ihre alarmistische Wirkung. Aus einer literarischen Denkfigur wird ein politisches Deutungsmuster. Der Titel verspricht Cyberpunk; geliefert wird ein ideologischer Katastrophenfilm.

Als theoretischen Hintergrund bemüht Mhalla die von Sheldon S. Wolin entwickelte Idee des „umgekehrten Totalitarismus“. Ausgehend von den politischen Entwicklungen während der Präsidentschaften Donald Trumps entwirft sie das Bild einer neuen Machtordnung, in der Staaten und globale Technologiekonzerne zu einer bis dahin unbekannten Allianz verschmelzen. Dieser „BigState“ speist seine Autorität nicht mehr allein aus klassischen Institutionen, sondern aus den technologischen Möglichkeiten privater Plattformen. Wo wirtschaftliche Macht und politische Herrschaft ineinandergreifen, entstehen nach ihrer Diagnose neue Formen der Dominanz, deren Gefährlichkeit gerade darin liegt, dass sie sich hinter Bequemlichkeit, Digitalisierung und technologischem Fortschritt verbergen.

Von hier aus entwickelt sie ihre eigentliche These. Das 21. Jahrhundert sei nicht durch die Wiederkehr des historischen Faschismus geprägt, sondern durch dessen Transformation. Der neue Autoritarismus benötige weder Uniformen noch Aufmärsche, weder Geheimpolizei noch Gulags. Seine Herrschaft vollziehe sich geräuschlos. Hypertechnologien, künstliche Intelligenz, soziale Netzwerke und allgegenwärtige Algorithmen erzeugten eine Wirklichkeit, in der Kontrolle nicht mehr aufgezwungen werde, sondern freiwillig angenommen werde. Die Menschen zensierten sich selbst, weil sie die Mechanismen der Macht verinnerlicht hätten.

In dieser Perspektive erscheint Technologie nicht länger als Werkzeug, sondern als politischer Akteur. Sie verändert nicht bloß Kommunikationsformen, sondern greift unmittelbar in das Denken ein. Algorithmen strukturieren Aufmerksamkeit, filtern Informationen und erzeugen geschlossene Wahrnehmungsräume. Die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge beginne zu verschwimmen. Generative KI-Systeme verstärkten diesen Prozess zusätzlich, indem sie Realität nicht mehr lediglich abbildeten, sondern nach Belieben reproduzieren und variieren könnten. Die Folge sei ein Nebel permanenter Informationsüberflutung, in dem die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Inszenierung immer schwieriger werde.

Besonders eindringlich beschreibt Mhalla den Begriff des „kognitiven Totalitarismus“. Gemeint ist eine Herrschaftsform, die nicht mehr den Körper diszipliniert, sondern den Geist kolonisiert. Kontrolle werde in den Komfort des Alltags integriert. Was früher offene Repression gewesen sei, erscheine heute als personalisierte Dienstleistung. Maßgeschneiderte Inhalte, emotionale Manipulation und digitale Abhängigkeiten erzeugten eine Form freiwilliger Unterwerfung. Der Einzelne werde zum Mitproduzenten seiner eigenen Konditionierung.

Dabei entwickelt die Autorin einen interessanten Gedanken. Der Faschismus beschreibe Wirklichkeit nicht mehr, sondern erschaffe sie durch permanente Wiederholung. Seine Macht beruhe weniger auf der Überzeugungskraft seiner Argumente als auf seiner Fähigkeit, alternative Realitäten hervorzubringen. Sprache verliere ihre Bindung an Tatsachen und werde zum Instrument politischer Performanz. Wahrheit entstehe nicht mehr durch Evidenz, sondern durch Wiederholung.

Spätestens an diesem Punkt beginnt jedoch ein eigentümlicher Widerspruch sichtbar zu werden.

Denn während Mhalla überzeugend beschreibt, wie politische Narrative Wirklichkeit erzeugen können, scheint sie die Möglichkeit kaum in Betracht zu ziehen, dass auch die eigene Analyse selbst einem solchen Narrativ folgt. Je weiter ihr Essay voranschreitet, desto eindeutiger verteilt er moralische Rollen. Auf der einen Seite stehen Trump, Musk, Big Tech und der technologische Kapitalismus; auf der anderen Demokratie, Freiheit und Aufklärung. Die politische Wirklichkeit verliert dabei jene Ambivalenz, die gerade den klassischen Cyberpunk auszeichnete. William Gibson oder Neal Stephenson entwarfen keine moralisch eindeutigen Welten. Ihre Romane lebten davon, dass technologische Revolutionen immer zugleich Befreiung und Unterwerfung bedeuteten. Mhallas Zukunft hingegen kennt kaum Zwischentöne. Sie ist weniger literarische Spekulation als politische Allegorie.

Das zeigt sich besonders deutlich in ihrer Konzeption des modernen Leviathan. Aus Thomas Hobbes' berühmtem Staatswesen wird ein zweiköpfiges Geschöpf aus „BigState“ und „BigTech“. Trump und Musk fungieren dabei beinahe als emblematische Figuren dieser neuen Ordnung. Was staatliche Macht nicht mehr durchsetzen könne, erledigten Algorithmen; was Regierungen nicht mehr kontrollieren könnten, werde von Plattformen gesteuert. Die politische Souveränität wandere zunehmend in private Hände.

Diese Diagnose ist keineswegs uninteressant. Im Gegenteil: Die Frage nach der Macht globaler Technologiekonzerne gehört zu den zentralen Problemen unserer Zeit. Doch gerade deshalb überrascht die auffällige Selektivität ihrer Perspektive. Dieselben Instrumente, die Mhalla mit Nachdruck beschreibt, künstliche Intelligenz, digitale Überwachung, algorithmische Steuerung oder Verhaltenslenkung,, erscheinen ausschließlich dort bedrohlich, wo sie sich mit den politischen Gegnern verbinden lassen. Dass dieselben Technologien ebenso von Regierungen anderer Couleur, supranationalen Institutionen oder ideologisch ganz anders ausgerichteten Machtzentren genutzt werden können, bleibt weitgehend außerhalb ihres Blickfeldes. Aus einer Theorie technologischer Macht wird dadurch schleichend eine Theorie politischer Präferenzen.

Und genau an dieser Stelle beginnt sich der Vorhang langsam zu heben. Der Film ist noch nicht zu Ende, aber die Kulissen werden bereits sichtbar. Das Saallicht geht an, und man verlässt das Kino mit jenem eigentümlichen Gefühl, das gute Dystopien hinterlassen: Die Bilder wirken nach, doch sobald die Augen sich an das Tageslicht gewöhnt haben, beginnt man sich zu fragen, ob man gerade einer Analyse oder einer Inszenierung beigewohnt hat.

Trump, Musk, Big Tech, sie alle treten in Mhallas Essay als Protagonisten einer neuen autoritären Ordnung auf. Das Feindbild steht von Beginn an fest; die Argumentation dient vor allem seiner Ausgestaltung. Man könnte fast meinen, Elon Musk habe weniger den Ehrgeiz, den Mars zu besiedeln, als die westliche Demokratie eigenhändig abzuschaffen. Tatsächlich arbeitet der reichste Unternehmer der Welt an Raketen, Raumfahrt und künstlicher Intelligenz, während Europa sich mit bemerkenswerter Ernsthaftigkeit über fest verbundene Flaschenverschlüsse Gedanken macht. Man muss Prioritäten setzen.

Natürlich wäre es töricht, die Macht globaler Technologiekonzerne zu unterschätzen. Niemand, der die Konzentration wirtschaftlicher, medialer und digitaler Macht aufmerksam verfolgt, wird ernsthaft behaupten, hier existierten keine Gefahren. Gerade deshalb enttäuscht Mhallas Essay. Er verwechselt Machtanalyse mit politischer Lagerbildung.

Denn dieselben Instrumente, die sie so eindringlich beschreibt, algorithmische Steuerung, digitale Überwachung, KI-gestützte Verhaltenslenkung, Manipulation öffentlicher Diskurse,, besitzen keine ideologische DNA. Sie sind weder rechts noch links. Sie dienen demjenigen, der sie kontrolliert.

Hier beginnt der eigentliche blinde Fleck ihres Buches.

Während jede technologische Innovation, sobald sie mit Trump, Musk oder amerikanischen Technologiekonzernen in Verbindung gebracht werden kann, zur Vorstufe eines neuen Faschismus erklärt wird, bleiben andere Machtzentren erstaunlich blass. Der digitale Überwachungsstaat kennt schließlich keine parteipolitische Präferenz. Die Versuchung, Bürger über Daten, Algorithmen und künstliche Intelligenz zu lenken, entsteht nicht erst dort, wo konservative oder libertäre Politiker regieren. Sie gehört zum Wesen moderner Macht überhaupt.

Gerade deshalb wirkt Mhallas Analyse paradoxerweise weniger universell, als sie selbst beansprucht. Sie beschreibt nicht die Logik technologischer Herrschaft, sondern vor allem jene Ausprägungen, die sich in ihr eigenes politisches Weltbild einfügen. Was als Theorie beginnt, endet nicht selten als moralische Sortierung der Gegenwart.

Das zeigt sich besonders am inflationären Gebrauch des Faschismusbegriffs. Gewiss, historische Analogien können aufschlussreich sein. Wer jedoch nahezu jede autoritäre, populistische oder technologisch getriebene Entwicklung unter diesem Begriff versammelt, betreibt keine begriffliche Schärfung, sondern semantische Inflation. Irgendwann verliert selbst der stärkste Begriff seine analytische Kraft, wenn er zum Universalwerkzeug politischer Empörung wird.

Man muss sich nur die klassische Literatur des Cyberpunk vergegenwärtigen. William Gibson, Bruce Sterling oder Neal Stephenson zeichneten Welten, in denen Macht niemals eindimensional war. Konzerne konnten Unterdrücker sein, aber ebenso Motoren technischer Innovation. Staaten schützten Freiheit und bedrohten sie zugleich. Der Mensch bewegte sich in moralischen Grauzonen, nicht in didaktisch ausgeleuchteten Kulissen.

Gerade deshalb wirkt der Titel dieses Essays beinahe irreführend. Cyberpunk war stets die literarische Erkundung von Ambivalenz. Mhallas Buch dagegen kennt vor allem Eindeutigkeiten. Wo die Literatur Fragen stellte, liefert der Essay Antworten. Wo der Cyberpunk den Leser verunsicherte, bestätigt ihn Cyberpunk in seinen politischen Vorannahmen, vorausgesetzt, diese stammen aus dem richtigen Milieu.

Und noch eine Ironie lässt sich kaum übersehen.

Über viele Seiten erläutert Mhalla, wie politische Narrative Wirklichkeit erzeugen. Wie Sprache Realität überformt. Wie permanente Wiederholung alternative Wahrnehmungsräume schafft. Es sind kluge Überlegungen. Nur scheint ihr dabei zu entgehen, dass sie selbst einem ähnlichen Mechanismus erliegt. Denn je konsequenter sie Trump, Musk und den technologischen Kapitalismus als Vorboten eines neuen Faschismus inszeniert, desto stärker entsteht jenes geschlossene Deutungsuniversum, dessen Funktionsweise sie eigentlich kritisieren möchte. Der politische Gegner erscheint nicht mehr als Gegner, sondern als existentielle Bedrohung der Zivilisation. Analyse verwandelt sich unmerklich in Narrativ.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Schwäche dieses Essays. Nicht seine Skepsis gegenüber technologischer Macht, sondern seine mangelnde Skepsis gegenüber den eigenen Voraussetzungen.

Dabei enthält das Buch durchaus bedenkenswerte Gedanken. Die Frage, wie künstliche Intelligenz unsere Aufmerksamkeit verändert, wie Algorithmen öffentliche Debatten strukturieren oder wie private Plattformen politische Souveränität beeinflussen, gehört zweifellos zu den großen Themen des 21. Jahrhunderts. Doch wer diese Fragen ausschließlich entlang ideologischer Freund-Feind-Linien beantwortet, reduziert ihre Komplexität auf politische Symbolik. Aus einer Diagnose der Hypermoderne wird eine Abrechnung mit den falschen Akteuren.

Vielleicht markiert genau das den eigentlichen historischen Moment, in dem dieses Buch entstanden ist. Es ist weniger eine Analyse der Zukunft als das Dokument eines intellektuellen Milieus, das den Verlust seiner jahrzehntelang nahezu unangefochtenen Deutungshoheit spürt. Wo früher Fortschritt als Verheißung erschien, dominiert heute die Warnung. Wo einst Zukunft entworfen wurde, wird nun vor ihr gewarnt. Der technologische Wandel erscheint nicht mehr als offene Möglichkeit, sondern als Einfallstor des Autoritarismus.

So liest sich „Cyberpunk“ letztlich wie der melancholische Abgesang einer politischen Kultur, die ihre Gewissheiten schwinden sieht und deren bevorzugtes rhetorisches Mittel inzwischen der Faschismusvergleich geworden ist. Je häufiger dieser Begriff jedoch zur Erklärung nahezu jeder unerwünschten Entwicklung bemüht wird, desto mehr verliert er seine historische Schärfe und moralische Wucht. Wer überall den Faschismus erkennt, erkennt ihn am Ende womöglich nirgendwo mehr.

Das eigentliche Verdienst des Buches besteht paradoxerweise darin, eine Debatte anzustoßen, die es selbst kaum führt. Die Frage lautet nämlich nicht, ob künstliche Intelligenz, Algorithmen oder globale Technologiekonzerne Macht ausüben, selbstverständlich tun sie das. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, wie demokratische Gesellschaften diese Macht kontrollieren können, ohne jede technologische Disruption reflexhaft als Vorstufe des Totalitarismus zu denunzieren. Gerade an dieser Stelle verweigert Mhalla die Differenzierung, die sie von ihren politischen Gegnern einfordert.

So bleibt am Ende weniger ein überzeugender Essay als ein Zeitdokument. Eines, das vermutlich in den Feuilletons und akademischen Seminaren jener Kreise begeistert aufgenommen werden wird, die ihre eigenen Befürchtungen bestätigt sehen möchten. Als Analyse der digitalen Moderne bleibt „Cyberpunk“ dagegen hinter seinen Möglichkeiten zurück. Das Buch ist klug, belesen und rhetorisch brillant, aber es leidet an jenem Mangel, der den stärksten Ideologien eigen ist: Es zweifelt nie ernsthaft an sich selbst.




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Veröffentlicht am 2. August 2026