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Buchkritik -- Sandrone Dazieri -- Das Gesetz der Elite

Umschlagfoto, Buchkritik, Sandrone Dazieri, Das Gesetz der Elite, InKulturA Macht, Moral und Müdigkeit

Es gehört zu den interessanteren Spannungen serieller Spannungsliteratur, dass selbst starke Figuren irgendwann Gefahr laufen, zu Gefangenen ihres eigenen Mythos zu werden. Sandrone Dazieri kehrt mit „Das Gesetz der Elite‟ zum mittlerweile etablierten Ermittlerduo Colomba Caselli und Dante Torre zurück – und entwirft erneut ein Szenario, das gesellschaftliche Machtstrukturen, soziale Ungleichheit und moralische Grauzonen miteinander verschränkt. Doch gerade dort, wo frühere Romane der Reihe ihre größte Radikalität entfalteten, wirkt dieses neue Kapitel überraschend gezähmt.

Im Zentrum der Handlung steht eine Welt exzessiven Reichtums, deren fragile Ordnung durch rätselhafte Morde und agitatorische Botschaften erschüttert wird. Die sozialen Spannungen, die sich daraus ergeben, verleihen dem Roman zunächst eine reizvolle politische Aufladung. Dazieri skizziert eine Gesellschaft, in der sich Wut und Ressentiment längst unter der Oberfläche angestaut haben, ein Milieu, in dem Gewalt weniger als Ausnahme denn als Symptom struktureller Verwerfungen erscheint.

Dabei bleibt das eigentliche Herzstück der Reihe zunächst erhalten: das Zusammenspiel zwischen Colomba Caselli und Dante Torre. Auch nachdem Colomba den Polizeidienst verlassen hat und nun als Privatdetektivin arbeitet, funktionieren die Dialoge der beiden weiterhin als narrative Energiequelle. Ihre Wortwechsel besitzen jene Mischung aus Reibung, Vertrautheit und lakonischem Humor, die Dazieris Figuren über Jahre hinweg ausgezeichnet hat. Gerade in diesen Momenten erinnert der Roman daran, warum dieses Duo zu den interessantesten Konstellationen des europäischen Thrillers zählt.

Und doch macht sich früh ein eigentümlicher Verlust bemerkbar. „Das Gesetz der Elite‟ besitzt zwar Tempo, Wendungen und die gewohnte dramaturgische Präzision, wirkt jedoch auffallend glatt. Wo Dazieri einst mit Derbheit, Zynismus und schwarzem Humor arbeitete, dominiert nun eine beinahe stromlinienförmige Eleganz, die den Figuren ihre frühere Sperrigkeit nimmt.

Vor allem die emotionale Entwicklung der Handlung markiert einen Bruch mit dem Ton der Vorgänger. Zunehmend verschiebt sich der Roman in Richtung einer romantisierten Dramaturgie, die eher an konventionelle Genremuster erinnert, als an die düstere Ambivalenz, für die Dazieri bekannt geworden ist. Aus den beschädigten, widersprüchlichen Figuren früherer Werke werden plötzlich beinahe archetypische Projektionsflächen: die attraktive Heldin, das verletzliche Gegenüber, die malerische Kulisse als emotionaler Resonanzraum. Die Härte der sozialen Konflikte verliert dadurch an Schärfe und kippt stellenweise ins Sentimentale.

Auch die Konstruktion des Antagonisten verstärkt diesen Eindruck. Wenn der eigentliche Drahtzieher schließlich enthüllt wird, erscheint er weniger als glaubwürdige Figur denn als überzeichneter Superschurke; eine fast schon ironisch anmutende Reminiszenz an klassische Bond-Bösewichte, inklusive jener demonstrativen Exzentrik, die mehr dekorativ als bedrohlich wirkt.

Gerade hierin liegt die eigentliche Enttäuschung des Romans: nicht darin, dass er schlecht geschrieben wäre – das ist er keineswegs –, sondern darin, dass er sich zu selten traut, wirklich schmutzig, widersprüchlich und unbequem zu sein. Die anarchische Energie früherer Dazieri-Romane, ihre Lust an moralischer Verwilderung und emotionaler Unberechenbarkeit, bleibt auffallend gedämpft.

So hinterlässt „Das Gesetz der Elite“ den Eindruck eines Thrillers, der handwerklich souverän konstruiert ist, zugleich aber einen Teil jener erzählerischen Wildheit eingebüßt hat, die Dazieris Werk einst so unverwechselbar machte. Vielleicht liegt gerade darin die Ironie dieses Titels: Die „Elite“, gegen die der Roman anzuschreiben versucht, hat am Ende auch die Erzählung selbst domestiziert.

Es bleibt die Hoffnung, dass Dante Torre und Colomba Caselli in ihrem nächsten Fall wieder dorthin zurückfinden, wo diese Reihe ihre größte Stärke besaß: in die Dunkelzonen menschlicher Abgründe, wo Humor, Gewalt und Verzweiflung noch untrennbar ineinandergriffen.




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Veröffentlicht am 12. Mai 2026