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Die Fabrik als Labyrinth: Hiroko Oyamadas kafkaeske Parabel (nicht nur) auf die moderne Arbeitswelt
Hiroko Oyamadas schmaler Roman „Die Fabrik“ besticht durch eine formale Ästhetik, die das Absurde der modernen Arbeitswelt in ein literarisches Labyrinth verwandelt. Die endlosen, identischen Flure, der lauwarme Kaffee, die undurchsichtigen Hierarchien und vor allem die Sinnentleertheit der Tätigkeiten, all das wird zu einer beunruhigenden Parabel auf die Entfremdung des Individuums im Angesicht gigantischer Bürokratien.
Die titelgebende Fabrik ist weniger ein Unternehmen als eine autarke Stadt, ein Moloch, der alles bereithält, was seine Angestellten jemals benötigen könnten. Drei neue Mitarbeiter werden in diesen Kosmos geworfen, nur um festzustellen, dass ihre Arbeit, das Zerschreddern von Papieren, das Korrekturlesen sinnloser Dokumente, keinerlei erkennbaren Zweck erfüllt. Eine Handlung im klassischen Sinne fehlt; stattdessen konzentriert sich Oyamada auf die Beschreibung einer Atmosphäre der surrealen Monotonie. Es ist die Geschichte des Gefangenseins in einem „Bullshit-Job“, der gerade erträglich genug ist, um ihn nicht aufzugeben, selbst wenn er einen langsam verschlingt.
Der Einfluss Kafkas ist unverkennbar, doch Oyamada geht eigene Wege. Besonders eindrücklich ist das Eindringen der Natur in diese künstliche Welt: Verstümmelte, seltsame Tierarten bevölkern das Gelände, als wären sie ein groteskes Spiegelbild der deformierten menschlichen Existenzen. Interessanterweise wirkt die Fabrik technologisch anachronistisch, PCs sind eine Seltenheit, Korrekturlesen geschieht mit dem Rotstift,, was die Zeitlosigkeit der dargestellten Entfremdung nur unterstreicht.
Oyamada wählt eine anspruchsvolle Erzählform: lange, verschlungene Absätze, die im Bewusstseinsstrom der Figuren verharren und ohne Vorwarnung zwischen Szenen und Dialogen springen. Manchmal wechselt die Perspektive sogar mitten im Satz. Dies ist Literatur im wahrsten Sinne des Wortes, bei der Prosa und Stil wichtiger sind als der Plot. Und so bleibt man auch nach dem abrupten Ende in den Gängen dieser Fabrik zurück, ein Gefangener ihrer surrealen Logik, und wandert gedanklich weiter durch ein Gelände, das man nie ganz verlassen kann.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 17. Januar 2026