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Buchkritik -- Amran Gowani -- Dirty Money

Umschlagfoto, Buchkritik, Amran Gowani, Dirty Money, InKulturA Das Geld ist schmutzig. Die Hände bleiben sauber.

Geld stinkt nicht, heißt es bekanntlich. Eine bemerkenswert beruhigende Behauptung, die vermutlich von jemandem stammt, der nie Gelegenheit hatte, einen Blick hinter die Kulissen jener Finanzwelt zu werfen, in der Milliarden verschoben werden, ohne dass sich dabei mehr bewegt als ein paar Zahlen auf einem Bildschirm. Amran Gowani führt uns mit seinem Debütroman „Dirty Money“ mitten hinein in diesen Kosmos aus Hedgefonds, riskanten Finanzwetten und institutionalisierter Verantwortungslosigkeit. Was er dort vorfindet, ist alles andere als appetitlich. Sein Thriller ist ein ebenso temporeicher wie bitterböser Ausflug in eine Welt, deren Bewohner längst aufgehört haben, zwischen wirtschaftlichem Erfolg und moralischer Verwahrlosung einen Widerspruch zu erkennen.

Im Mittelpunkt steht Al Jafar, ein schlagfertiger Antiheld, der sich in einem beruflichen Umfeld behaupten muss, in dem Millionenverluste beinahe zum Tagesgeschäft gehören und ein Menschenleben unter Umständen weniger zählt als eine missglückte Transaktion. Al verliert Geld in schwindelerregenden Dimensionen, gerät zunehmend unter Druck und sieht sich schließlich mit einer Bedrohung konfrontiert, die weit über seine berufliche Existenz hinausreicht. Dass er dabei seinen Humor nicht verliert, gehört zu den besonderen Qualitäten dieses Romans. Allerdings ist es ein Humor, der wenig mit unbeschwerter Heiterkeit gemein hat.

Al begegnet seiner Umgebung mit einem Sarkasmus, der gelegentlich an verbale Notwehr grenzt. Ob „Team America“, Monty Python, Superhelden oder das hohle Vokabular einer Geschäftswelt, die ihre Rücksichtslosigkeit bevorzugt hinter englischen Managementfloskeln versteckt – kaum etwas entgeht seinem Spott. Die popkulturellen Anspielungen sind dabei mehr als dekorative Einsprengsel. Sie bilden einen ironischen Gegenentwurf zur vermeintlichen Seriosität jener Männer, die sich für die Herren des globalen Finanzgeschehens halten und deren intellektueller Horizont mitunter kaum über die nächste Gewinnprognose hinausreicht. Al lacht, weil ihm angesichts seiner Situation vermutlich nichts anderes übrig bleibt. Sein Sarkasmus ist die letzte Bastion einer Persönlichkeit, die von ihrer Umgebung systematisch unter Druck gesetzt wird.

Gowani zeichnet eine Finanzwelt, in der sich das Geld längst von seinem ursprünglichen Zweck als Mittel wirtschaftlichen Austauschs emanzipiert hat. Hier wird Kapital mit geliehenem Kapital bewegt, werden Gewinne durch riskante Kreditkonstruktionen vervielfacht und Verluste in Dimensionen produziert, die sich jeder alltäglichen Vorstellungskraft entziehen. Der sogenannte Leverage-Effekt, also die Hebelwirkung fremdfinanzierter Investitionen, verspricht märchenhafte Renditen, solange die Wette aufgeht. Tut sie das nicht, verwandelt sich das vermeintliche finanzmathematische Wunderwerk mitunter in eine ausgesprochen irdische Katastrophe.

Die besondere Perversion dieses Systems liegt allerdings nicht allein in seiner Risikobereitschaft. Es ist die bemerkenswerte Fähigkeit seiner Akteure, wirtschaftliche Verantwortung von persönlicher Haftung zu trennen. Gewinne werden privatisiert, Risiken weitergereicht, und wenn die Konstruktion schließlich zusammenbricht, findet sich gewöhnlich jemand, dem sich die Rechnung präsentieren lässt. Nicht unbedingt jener, der sie verursacht hat.

Für Al Jafar wird diese Mechanik zur existenziellen Bedrohung. Seine Firma betrachtet ihn zunehmend weniger als Mitarbeiter denn als eine Ressource, deren persönliche Schwächen sich ebenso instrumentalisieren lassen wie ihre beruflichen Fähigkeiten. Seine Identität, seine Ängste und seine Verzweiflung werden zu Druckmitteln. Der Mensch erscheint als ein weiterer Vermögenswert in einer Bilanz, über dessen Verwendung andere entscheiden. Dass Al dennoch versucht, seine Karriere, seinen Verstand und einen Rest persönlicher Würde zu bewahren, verleiht dem Geschehen eine tragische Dimension, die über den üblichen Nervenkitzel eines Finanzthrillers hinausgeht.

Gowani beschränkt sich dabei keineswegs auf die ökonomischen Abgründe. Rassismus, Mobbing und psychologische Manipulation gehören zur betrieblichen Normalität. Wer sich durchsetzen will, muss entweder selbst zum Täter werden oder lernen, die fortwährenden Demütigungen mit möglichst unbewegter Miene hinzunehmen. Moralische Integrität ist unter diesen Bedingungen kein Wettbewerbsvorteil. Sie gilt eher als bedauerliche persönliche Schwäche, die sich bei passender Gelegenheit ausnutzen lässt.

Gerade darin liegt eine der unangenehmeren Erkenntnisse des Romans: Die Brutalität dieses Milieus ist nicht Ausdruck einzelner charakterlicher Entgleisungen. Sie erscheint vielmehr als beinahe folgerichtige Konsequenz eines Systems, das Menschen ausschließlich nach ihrer wirtschaftlichen Verwertbarkeit beurteilt. Wer permanent Leistung fordert, Konkurrenz zum obersten Prinzip erhebt und Erfolg allein in Geld bemisst, sollte sich über die daraus erwachsenden Verhaltensweisen nicht allzu sehr wundern.

Dass sich Al diesem Umfeld nicht einfach entzieht, macht ihn als Figur interessant. Er ist schließlich kein unschuldiger Beobachter, der zufällig in die falsche Gesellschaft geraten wäre. Er kennt die Regeln, beteiligt sich am Spiel und möchte durchaus zu dessen Gewinnern gehören. Seine Kritik an den herrschenden Verhältnissen erhält dadurch eine eigentümliche Ambivalenz. Wer das Kasino verachtet, aber weiterhin auf den großen Gewinn hofft, befindet sich in einer moralisch wenig komfortablen Position. Gowani macht aus seinem Protagonisten glücklicherweise keinen geläuterten Heiligen. Al besitzt Witz und Widerstandskraft, aber eben auch jene Widersprüche, die ihn als Menschen glaubwürdig erscheinen lassen.

Literarisch lebt „Dirty Money“ von seinem hohen Tempo, den scharfzüngigen Dialogen und einer Erzählhaltung, die den Irrsinn der Finanzwelt nicht erst umständlich erklären muss, um ihn kenntlich zu machen. Gelegentlich droht die permanente Sarkasmusbereitschaft des Protagonisten die dunkleren Seiten der Geschichte zu übertönen. Andererseits wäre ein Al Jafar, der seine Lage mit gediegener Ernsthaftigkeit kommentierte, vermutlich kaum auszuhalten. Sein Humor schafft jene notwendige Distanz, ohne die das Geschehen in seiner geballten Menschenverachtung nur schwer erträglich wäre.

Und noch etwas macht Gowanis Debüt bemerkenswert: Es bedarf keiner finsteren Hinterzimmer, keiner geheimnisvollen Verschwörerzirkel und keiner exotischen kriminellen Organisationen, um eine Welt zu entwerfen, in der Geld und Macht auf höchst bedenkliche Weise miteinander verschmelzen. Die Mechanismen sind im Grundsatz bekannt, die Instrumente legal und die Beteiligten gesellschaftlich häufig bestens angesehen. Das eigentlich Beunruhigende liegt gerade in dieser Normalität. Eine Finanzwelt, deren Geschäfte selbst für Fachleute nicht immer vollständig durchschaubar sind, benötigt keine besonders ausgefallenen Methoden, um sich der gesellschaftlichen Kontrolle zumindest teilweise zu entziehen.

„Dirty Money“ ist ein knallharter, ausgesprochen gegenwärtiger Thriller, der seine Spannung nicht allein aus der Gefährdung seines Protagonisten bezieht, sondern aus der Erkenntnis, dass die geschilderten Machtverhältnisse keineswegs einer fernen Fantasiewelt angehören. Gowani verbindet ökonomischen Größenwahn mit menschlicher Niedertracht und lässt seinen Antihelden mit bewundernswerter Schlagfertigkeit durch ein Milieu taumeln, in dem sich beinahe jeder käuflich zeigt, solange nur der Preis stimmt.

Am Ende bleibt die Frage, wer in dieser Welt eigentlich über wen verfügt: der Mensch über das Geld oder längst das Geld über den Menschen. Al Jafar dürfte darauf eine ziemlich unfreundliche Antwort haben. Vermutlich würde er sie mit einem Monty-Python-Zitat garnieren.




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Veröffentlicht am 26. Oktober 2026