Diese Webseite benutzt keine Cookies!!!.
Der Ort, der nicht vergeht
Manche Schauplätze lesen sich wie Geständnisse. Camp Donkerbloem, ein Campingplatz in den Ardennen, der längst mehr Grabstätte als Ferienidyll ist, gehört dazu. Menschen sind hier verschwunden, andere zu Tode gekommen, und der Ort scheint das Unglück nicht zu beherbergen, sondern zu erzeugen. Dass Linus Geschke seine Trilogie dorthin zurückführt, wo sie begann, ist weniger Kalkül als Zwangsläufigkeit: Hier begann es, hier muss es enden. Die Landschaft ist in diesem Buch die eigentliche Hauptfigur, und ihre Schilderung gehört zum Besten, was „Die Schlucht" zu bieten hat. Man spürt die Feuchtigkeit im Wald und die Gewissheit, dass der Weg zurück länger dauert als der Weg hinein.
Wout Meertens, Kölner Barbesitzer mit Vergangenheit und kurzzeitig Eigentümer jenes Camps, trägt den Tod seines Freundes Tayfun noch immer mit sich herum wie einen Stein im Schuh, der zur Prothese geworden ist. Er hat den Täter nach eigenem Rechtsempfinden zur Rechenschaft gezogen, und genau darin liegt die interessanteste Frage der ganzen Reihe, die das Buch allerdings eher streift, als sie auszuleuchten. Was bleibt von einem Mann, der sich zum Richter in eigener Sache gemacht hat, wenn die Wut, die ihn trug, sich gelegt hat? Ein Gerechter wird er dadurch nicht, bloß ein Überlebender mit Schuldgefühlen. Geschke deutet das an, mehr nicht, und man liest die Andeutung mit dem leisen Bedauern dessen, der einen tieferen Brunnen vermutet hatte.
Der neue Fall bringt die vertraute Mechanik in Gang. Kathinka, Wouts Freundin, hat das Verschwinden ihrer Schwester nie verwunden; nun entkommt eine Frau durch Zufall einer Gruppe, die sich „Die Jäger" nennt, vier Männern, die Menschen entführen und zu Wild erklären. Die Idee ist alt. Sie reicht zurück bis zu Richard Connells berühmter Erzählung von 1924, und jede Generation von Thrillerautoren hat sie neu aufgelegt, weil sie ein Unbehagen bedient, das nicht veralten will: dass die Zivilisation dünner ist als gedacht und Wohlstand und Barbarei sich im selben Menschen vertragen. Neues fügt Geschke dem Motiv nicht hinzu, aber er behandelt es mit dem nötigen Ernst. Als schließlich Indizien im Fall der verschwundenen Schwester auftauchen, suchen Wout und Kathinka unabhängig voneinander nach der Wahrheit und geraten beide in Lebensgefahr, und die Parallelführung hält die Spannung zuverlässig.
Und doch, hier beginnen die Einwände. Die Hamburger Kommissarin Frieda, Wouts erklärte Feindin, die er für Tayfuns Tod verantwortlich macht, schrumpft zur Nebenfigur, und ihr Abschied ist von einer Rührung, die man kitschig nennen muss, auch wenn man ihr den guten Willen nicht abspricht. Eine Gegenspielerin, die über Bände hinweg Reibung erzeugt hat, hätte einen schärferen Abgang verdient als diesen. Das Finale wiederum drängt, als sei dem Erzähler am Ende die Luft ausgegangen; was zuvor mit Ruhe aufgebaut wurde, wird hastig abgetragen. Ob da ein Termin im Nacken saß, mag man mutmaßen, wissen kann man es nicht, und für den Leser bleibt der Befund auch ohne Ursachenforschung derselbe: Die Auflösung hält mit der Atmosphäre nicht Schritt.
Den Schlusspunkt setzt Geschke klug, wenn auch nicht gänzlich überraschend. Die Jäger sind gestellt, aber das Böse, so lesen wir, hebt weiter sein Haupt. Das ist ein bewährter Griff des Genres, das Eingeständnis, dass eine Geschichte vom Bösen nie wirklich zu Ende erzählt werden kann, weil das Böse sich nicht erzählen lässt, sondern nur wiederkehren. Hinter den kleinen Makeln der Konstruktion bleibt so ein Abschluss, der die Reihe würdig beschließt, ohne die Höhe der ersten beiden Bände zu erreichen. Man klappt das Buch zu wie ein Zelt, das man abgebaut hat. Der Platz ist wieder leer, aber man weiß, dass dort jemand gewesen ist.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 28. Oktober 2026