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Metafiktion mit Biss
Wenn zwei der profiliertesten schwedischen Krimiautoren ihre Kräfte bündeln, darf man Außergewöhnliches erwarten. Jan Arnald alias Arne Dahl, Autor von rund 35 Büchern, und Jonas Moström, mit über 20 Veröffentlichungen ebenfalls ein erfahrener Erzähler, geben mit „Doppelspiel" ihr gemeinsames Debüt und die Freude am Geschichtenerzählen, die sie dabei offensichtlich hatten, überträgt sich unmittelbar auf das Lesevergnügen.
„Doppelspiel", der Auftakt der „True-Fiction"-Reihe, unterscheidet sich radikal von den bisherigen Werken beider Autoren. Es ist eine vielschichtige, bewusst verdrehte Metafiktion, die mit schwarzem Humor, bizarren Charakteren, einer großen Verschwörung und rasanten Wendungen aufwartet. Die Eröffnungsszene gibt den Ton vor: In der gut besuchten St.-Johannes-Kirche mitten in Stockholm singt die Gemeinde Psalm 368, „Wehe mir, schöpferischer Wind" von Anders Frostenson,, als ein falscher Priester auf der Kanzel einem kleinen Mädchen die Pistole an die Schläfe hält und brüllt: „Der Tag des Jüngsten Gerichts ist da!" Ein Schnitt, und es stellt sich heraus: Es war eine Filmszene. Der Leser ist von Beginn an in einem Spiel der Täuschungen gefangen.
Im Zentrum des Romans steht der weltberühmte Krimiautor Tom Borg, der seit drei Jahren in einer lähmenden Schreibblockade steckt. Er will einen Thriller schreiben, der die Leser zwingt, die Klimakrise ernst zu nehmen, doch ihm fehlen die Worte. Als er bei einer Signierstunde die junge Studentin Nicole kennenlernt und sie später am Abend ermordet wird, gerät sein Leben aus den Fugen. Aus Angst, unter Mordverdacht zu geraten, flieht er, und wird damit selbst zur Figur in jenem Alptraum, über den er eigentlich schreiben wollte.
Das Figurenensemble ist von einer schillernden Exzentrik. Toms bester Freund Lennart Stagnelius, Dichter, Akademiemitglied, Frauenheld und Einzelgänger, bewohnt ein exklusives Hausboot am Nybrokajen und bewegt sich in einem getunten Elektrorollstuhl fort, der stets zu schnell fährt. Sein „schiefes Lächeln" sei, wie er selbst sagt, „der Riss in der Wand, durch den das Licht seinen Weg findet", eine der vielen amüsanten Anspielungen, mit denen der Text gespickt ist; diese stammt aus Leonard Cohens „Anthem" von 1992.
Nicht minder faszinierend ist die Polizistin Olivia Woolf, eine gespaltene Persönlichkeit im wahrsten Sinne: Biologisch trägt sie ihre eigene Zwillingsschwester in sich, hat ein blaues und ein grünes Auge und führt als selbsternannte Rächerin namens „Ronda" ein Doppelleben, das sie mit MMA-Kenntnissen und einem tiefen Hass auf Männer, die Frauen verletzen, ausfüllt. Dass Olivia und Ronda ein und dieselbe Person sind, ahnt bei der Polizei niemand. Als sie und ihre Kollegin Kriminalinspektorin Nazrin Halabi zu einer Schießerei im Stripclub „Club Zenit 69" gerufen werden, beginnen sich die Handlungsfäden unausweichlich zu verknüpfen, auch weil Olivias Tochter und Toms Sohn inzwischen ein Paar geworden sind.
Im Hintergrund zieht derweil eine dunkle Macht die Fäden: „der Mann mit dem hängenden Augenlid", eine geheimnisvolle, einflussreiche Figur, die ein geheimes Netzwerk kontrolliert und Tom davon zu überzeugen sucht, dass sein nächster Roman einen globalen Sinneswandel in Sachen Klimaschutz auslösen könnte. Dass Tom eines Besseren belehrt werden wird, versteht sich von selbst.
„Doppelspiel" ist ein gewöhnungsbedürftiger, aber kurzweiliger Thriller, dessen Stärke in der Originalität seiner Prämisse und der Lebendigkeit seiner Figuren liegt. Der Plot verliert im Verlauf der Handlung etwas an Tiefe und Stringenz, doch das Debüt des Autorenduos macht trotzdem neugierig auf die Fortsetzung.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 22. April 2026