```

Buchkritik -- J.D. Robb -- Blutiges Band

Umschlagfoto, Buchkritik, J.D. Robb, Blutiges Band, InKulturA Wenn selbst Roarke die Fassung verliert

Eve Dallas und Roarke wollen eigentlich nur einen Theaterabend genießen. Daraus wird, wie so oft, nichts. Statt Applaus erwartet sie ein brutaler Mord am Washington Square. Während Eve gemeinsam mit Peabody den Tatort untersucht, erkennt Roarke unter den Schaulustigen ein Gesicht aus seiner Vergangenheit: Lorcan Cobbe, einen Auftragsmörder, den man nicht vergisst, wenn man ihm einmal begegnet ist. Roarke ist überzeugt, dass Cobbe hinter der Tat steckt. Eve wiederum folgt lieber den Spuren als den Erinnerungen und gelangt rasch zu der Überzeugung, dass der Ehemann des Opfers den Mord in Auftrag gegeben hat. Natürlich bleibt Roarke damit nicht bloß Zuschauer, sondern wird unweigerlich Teil der Ermittlungen.

Lorcan Cobbe entstammt jenem düsteren Kapitel aus Roarkes Jugend, das selbst langjährige Leser noch nicht vollständig kannten. Gerade darin liegt die Stärke dieses bereits 51. Bandes. Nora Roberts gewährt tiefere Einblicke in die Vergangenheit ihrer schillerndsten Figur und zeigt einen Roarke, der ungewohnt aus dem Gleichgewicht gerät. Dass sich Eve um ihn sorgt und er sich mindestens ebenso sehr um sie, verleiht der Geschichte eine emotionale Spannung, die erfreulicherweise nicht im üblichen Serienroutinebetrieb untergeht.

Besonders gelungen sind die beiden parallel verlaufenden Ermittlungsstränge. Da ist einerseits der vergleichsweise klassische Fall gegen den Ehemann des Opfers, dessen Auflösung eine durchaus befriedigende Genugtuung bereithält. Andererseits entwickelt sich die Jagd auf Lorcan Cobbe zu einem Katz-und-Maus-Spiel, das den eigentlichen Nervenkitzel liefert.

Ansonsten bleibt im Universum von J.D. Robb alles angenehm beim Alten. Auch diesmal mischt Nora Roberts futuristische Kriminalhandlung mit einer ordentlichen Portion Emotion. Wir befinden uns weiterhin in den 2060er Jahren, Strafplaneten gehören zum Justizsystem, Eve und Roarke führen ihre Ehe mit jener Mischung aus Härte, Romantik und gelegentlichen Sentimentalitäten, die hartgesottene Krimileser eigentlich verschmähen müssten, es aber erstaunlicherweise nie tun. Dazu bevölkern auffallend attraktive Menschen in makelloser Garderobe diese Zukunftswelt, und selbstverständlich darf auch Sir Galahad, der neurotische Kater, seinen Auftritt nicht verpassen. Manche Konstanten sind eben unverhandelbar.

Ein Problem? Keineswegs.

Man muss diese Serie vermutlich gar nicht mehr objektiv bewerten wollen. Nach einundfünfzig Bänden funktioniert sie längst wie der Besuch bei guten Bekannten. Man kennt ihre Marotten, ihre vorhersehbaren Reaktionen und auch ihre kleinen Schwächen. Gerade deshalb freut man sich auf das Wiedersehen.

So wirkt denn auch die internationale Verfolgungsjagd auf den Bösewicht weniger wie eine hochpräzise Polizeioperation als wie ein erstaunlich gut organisierter Betriebsausflug mit erhöhter Gefährdungslage. Plausibel? Nicht immer. Unterhaltsam? Jederzeit.

Und vielleicht liegt genau darin das Geheimnis dieser langlebigen Reihe. Sie nimmt ihre Figuren ernst, sich selbst aber nie ganz. Deshalb verzeiht man ihr bereitwillig jene Momente, in denen Logik höflich Platz macht für Tempo, Gefühl und Unterhaltung.

Wieder einmal gilt deshalb: well done, Nora Roberts

Nebenbei bemerkt: Nora Roberts weiß ganz genau, was sie tut. Sie versucht gar nicht erst, den großen Gesellschaftsroman oder den hyperrealistischen Polizeithriller zu schreiben. Stattdessen erschafft sie seit Jahrzehnten einen literarischen Wohlfühlkosmos mit Mord, Totschlag und Designerkleidung, eine Kombination, die eigentlich nicht funktionieren dürfte.

Besonders amüsant dabei ist, wie souverän sie ihre immer gleichen Zutaten variiert. Eve knurrt, Peabody schwärmt, Roarke ist reich, schön und in jeder Hinsicht beneidenswert kompetent, Summerset stichelt, Mavis sorgt für Farbe, Sir Galahad schnurrt neurotisch vor sich hin und irgendwo liegt garantiert eine Leiche. Das ist beinahe ritualisiert. Wer den ersten Band gelesen hat, erkennt den fünfzigsten sofort wieder. Und genau deshalb greifen die Leser erneut zu.

Das unterscheidet die Reihe von vielen Serien, die irgendwann nur noch ihre eigene Vergangenheit verwalten. Roberts gelingt etwas Schwierigeres: Sie wiederholt sich, ohne völlig redundant zu werden. Kleine Verschiebungen, diesmal eben Roarkes Vergangenheit, reichen aus, um den vertrauten Kosmos lebendig zu halten.




Meine Bewertung:Bewertung

Veröffentlicht am 20. Juli 2026