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Die Optimierung der Empathie
Marlene Buchholz steht kurz vor dem Zenit ihrer Karriere: Der amtierende Vorstand hat sie als neue Vorstandsvorsitzende ihres Konzerns auserkoren. Doch es gibt ein gravierendes Hindernis auf dem Weg an die Spitze. Die erfolgreiche Karrierefrau funktioniert zwar wie ein präzises Uhrwerk, zeigt jedoch gegenüber ihren Untergebenen wenig bis gar keine Empathie. Die Diagnose der Chefetage ist eindeutig: Marlene muss sozial kompatibel werden. Die Bedingung für den Aufstieg lautet daher, ein Coaching bei Alex Grow zu absolvieren.
Grow wiederum hat ganz eigene, überaus profane Sorgen. Seine Akademie für Persönlichkeitsentwicklung steckt tief in den roten Zahlen, der finanzielle Ruin droht. Die Lösung seiner Probleme scheint greifbar nah: Gelingt es ihm, die unterkühlte Managerin in eine empathische Führungskraft zu transformieren, winken lukrative Folgeaufträge des Konzerns. Aus dieser klassischen Konstellation zweier Menschen, die einander aus reiner Zweckmäßigkeit brauchen, entwickelt Maxim Leo in „Einatmen. Ausatmen." eine Geschichte, die weit über eine bloße Komödie der Gegensätze hinausgeht.
Leo nimmt sich des allgegenwärtigen Themas der Selbstfindung und Selbstoptimierung an und verarbeitet es zu einem in sich stimmigen, klugen Roman. Seine große erzählerische Leistung besteht darin, dass er die allgegenwärtigen Kitschfallen und Klischees dieses Genres elegant umschifft. Stattdessen seziert er die Absurditäten der modernen Coaching-Industrie mit feiner Ironie. Auf pointierte Seitenhiebe in Richtung esoterischer Selbsterfahrungsseminare verzichtet er dabei nicht, wenn etwa eine Teilnehmerin mit den Worten „Ich bin Viola. Wie war dein Stuhlgang heute Morgen?" in den Tag startet, entlarvt Leo die oft unfreiwillige Komik einer Branche, die Intimität auf Knopfdruck erzwingen will.
„Einatmen. Ausatmen." ist ein beschwingt erzählter Roman, ein exzellentes Stück Unterhaltungsliteratur im besten Sinne des Wortes. Mit leichter Hand und humorvoller Diktion nähert sich Leo den grundlegenden Fragen menschlicher Existenz: Was macht uns eigentlich aus? Wie viel von unserer Persönlichkeit ist formbar, und wo beginnt der Verrat an uns selbst? Dass der Autor am Ende auf eine simple, vorgefertigte Lösung verzichtet und den Ausgang der Geschichte bewusst offenlässt, ist ein weiterer kluger Schachzug. Er überlässt es der Phantasie der Leserschaft, wie Marlenes und Alex' Weg weitergeht und beweist damit jene erzählerische Empathie, die seine Protagonistin erst mühsam erlernen musste.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 17. April 2026