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Buchkritik -- Christoph Peters -- Entzug

Umschlagfoto, Buchkritik, Christoph Peters, Entzug, InKulturA Christoph Peters gehört zu jenen Autoren, die sich nie mit bloßer Fiktion begnügt haben. Seine Romane kreisen oft um Weltanschauungen, Glaubenssysteme und die Frage, wie Menschen sich in ihren selbst errichteten Gedankengebäuden einrichten. In „Entzug“ richtet sich dieser Blick nun auf den wohl intimsten Gegenstand überhaupt: die eigene Abhängigkeit. Was dabei entsteht, ist weniger ein klassischer Suchtbericht als die schonungslose Vermessung eines Bewusstseins, das sich über Jahre hinweg dem Alkohol ausgeliefert hat und nun gezwungen ist, sich selbst wieder zu begegnen.

„Mon Chéri. Begonnen hat es mit Mon Chéri.“ Mit diesem beinahe lächerlich harmlosen Geständnis stößt Christoph Peters die Tür zu seinem autobiographischen Roman „Entzug“ auf. Aus der Schnapspraline entwickelt sich eine ausgewachsene Säuferkarriere, ein Leben auf einem stabilen Pegel von 2,2 oder 2,3 Promille. Bis die Notbremse greift. Eine Berliner Entzugsklinik soll das Ende markieren. Das Buch kennt dabei nur zwei Kapitel, gleichsam zwei Aggregatzustände: Trinken und Nicht trinken. Dazwischen öffnet sich ein Kosmos der Abhängigkeit, in dem schonungslose Selbsterkenntnis und erbärmliche Selbsttäuschung einander beständig ablösen. Peters seziert sich selbst. Nüchtern, präzise und mit einer Konsequenz, die manchmal beinahe schmerzt.

Natürlich bedient der Ich-Erzähler, Schriftsteller von Beruf, zunächst einen jener hartnäckigen Mythen, die sich seit Generationen um die Figur des Künstlers ranken. Der Rausch als Motor der Kreativität, der Alkohol als Schutzwall gegen die Angst vor dem Scheitern. Alkohol, so behauptet er, helfe „gegen die Angst vor dem leeren Blatt, dem ersten Wort.“ Doch Peters ist ein viel zu kluger Autor, um diese Legende unbefragt stehen zu lassen. Gerade indem er sie ausspricht, beginnt er sie zu demontieren. Denn mitten in seinem Dauerrausch gelingt dem Protagonisten eine monatelange Abstinenz, während der er sich literarisch in die Gedankenwelt eines islamistischen Terroristen hineinschreibt. Es geht also offenbar auch ohne. Oder doch nicht? Die vermeintliche Kontrolle entpuppt sich rasch als raffinierte Täuschung eines Suchtgehirns, das selbst seine Erfolge noch in Argumente für die nächste Flasche verwandelt. Der Absturz folgt mit der Verlässlichkeit eines Naturgesetzes.

Dann kommt die Klinik. Die Kapitulation. Vielleicht auch der erste ehrliche Schritt seit langer Zeit. Der verzweifelte Versuch, „...dieses Nichts, das ich bin, ..., wieder in ein handlungsfähiges Subjekt [ zu] verwandeln.“ Peters beschreibt diesen Prozess ohne jede Heroisierung. Wer hier eine Geschichte der Läuterung erwartet, wird enttäuscht. Der Weg zurück in die Autonomie ist keine moralische Erhebung, sondern eine körperliche Tortur. Tremor und Polyneuropathie greifen den Körper an, als wolle dieser sich für Jahre der Vernachlässigung rächen. Während der Entgiftung wird das Anheben einer Tasse ebenso zur Herausforderung wie das Aufschließen eines Spindes. Der Organismus, lange Zeit auf Alkohol eingestellt, rebelliert gegen die plötzliche Nüchternheit. Die Klarheit, die gemeinhin als Befreiung gilt, erscheint zunächst als Zumutung.

Auf der Station begegnet der Erzähler Menschen aus allen sozialen Milieus. Alter, Herkunft oder Bildungsgrad verlieren ihre Bedeutung. Die Droge mag wechseln, die Mechanismen bleiben dieselben. Alkohol, Medikamente, illegale Substanzen – am Ende führen sie ihre Opfer an denselben Ort. Peters beobachtet seine Mitpatienten mit Empathie, aber ohne Sentimentalität. Die gemeinsame Erfahrung der Demütigung schafft eine Solidarität, die auf keiner Sympathie beruhen muss. Viele von ihnen kennen die Abläufe bereits. Sie sind Wiederkehrer in einem System, das von Rückfällen ebenso geprägt ist wie von Heilungsversuchen. Über den Fluren liegt jene eigentümliche Atmosphäre zwischen Hoffnung und Resignation, zwischen dem Wunsch nach Veränderung und der nagenden Gewissheit, dass die Versuchung niemals verschwinden wird.

Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt ohnehin erst außerhalb der Klinikmauern. Dort wartet keine feindliche Welt, sondern eine freundliche. Und genau darin liegt die Gefahr. Peters beschreibt mit großer Schärfe die paradoxe Situation des trockenen Alkoholikers in einer Gesellschaft, die Trinken nicht nur akzeptiert, sondern geradezu zelebriert. Das Glas Wein am Abend, das Bier nach der Arbeit, der Sekt auf Feiern, Alkohol erscheint als selbstverständlicher Bestandteil sozialer Normalität. Wer sich dieser Kultur entzieht, wird schnell zum Sonderling. Peters bringt diese Ambivalenz in einem Satz auf den Punkt: „Abgesehen davon, dass kaum einer in der Lage ist, nüchtern ein wirklich interessantes Gespräch zu führen.“

In solchen Momenten überschreitet „Entzug“ die Grenzen des autobiographischen Berichts. Das Buch wird zur stillen, aber wirkungsvollen Gesellschaftsanalyse. Peters schreibt nicht über die spektakulären Abstürze, die sich gut in Talkshows erzählen lassen. Ihn interessiert vielmehr die Alltäglichkeit der Sucht, ihre Einbettung in Rituale, Gewohnheiten und kulturelle Selbstverständlichkeiten. Gerade darin liegt die verstörende Kraft dieses Romans. Er verweigert Trost, verweigert Erlösung und erst recht jede Form therapeutischer Wohlfühlprosa. Was bleibt, ist die Begegnung mit einem Menschen, der sich selbst ohne Schonung betrachtet und den Leser zwingt, einen ähnlich unbarmherzigen Blick auf die eigene Gesellschaft zu werfen. Selten hat ein Buch über Alkohol so wenig berauscht und gerade deshalb eine derart nachhaltige Wirkung entfaltet.




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Veröffentlicht am 13. Juni 2026