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Alte Schuld, neue Leichen
Jan-Erik Fjell, einer der verlässlichsten Vertreter des norwegischen Kriminalromans, schickt Anton Brekke in „Finsterherz" auf eine Ermittlung, die er eigentlich gar nicht führen wollte. Ein Jahr nach dem Mord an Cassandra Gran spricht die Schwester des verurteilten Täters den ehemaligen Polizisten an und bittet ihn um Hilfe. Der Fall scheint eindeutig, der Mörder sitzt, die Akten sind geschlossen. Doch die Schwester zweifelt. Und Brekke, mittlerweile ins norwegische Arbeitsverwaltungssystem NAV integriert und dem Ermittlerleben offiziell entwachsen, zeigt zunächst wenig Interesse daran, an dieser Überzeugung zu rütteln.
Bis er die alten Fallakten aufschlägt. Was er darin findet, sind Ungereimtheiten, die sich nicht wegdenken lassen. Widerwillig, aber mit dem Instinkt des erfahrenen Ermittlers, beginnt er zu graben. Parallel dazu verfolgt sein ehemaliger Partner Magnus Torp den Mordfall an Sunniva Nylund, der Mutter eines kleinen Kindes. Was zunächst wie zwei getrennte Ermittlungen wirkt, führt die beiden ehemaligen Kollegen schließlich in dieselbe Richtung, und womöglich zu einem gemeinsamen Täter.
Fjell erzählt mit der ihm eigenen Ökonomie: kurze, prägnante Kapitel, eine straffe Erzählweise, die kaum Abschweifungen duldet, und ein geschickter Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart, der die Spannung kontinuierlich aufbaut. Die Schauplätze und das soziale Umfeld werden mit sicherer Hand gezeichnet, ohne dass die Handlung dabei ins Stocken gerät. Besonders gelungen ist die Figur hinter dem True-Crime-Podcast, eine frische, absolut zeitgemäße Ergänzung des Figurenensembles, die dem Roman eine moderne Note verleiht. Auch Brekkes Ringen mit den bürokratischen Tücken des NAV-Systems entfaltet einen eigenen, leisen Witz.
Die Geschichte wartet mit mehreren Wendungen auf, die die Handlung vorantreiben, ohne in Sackgassen zu münden. Mehrere potenzielle Täter halten den Leser in produktiver Ungewissheit und laden dazu ein, eigene Lösungsansätze durchzuspielen. Der Roman erfindet das Rad nicht neu, das muss es aber auch nicht. Fjell liefert verlässlich das ab, was seine Leser von ihm erwarten: einen handwerklich überzeugenden Thriller mit echtem erzählerischen Drive.
Ein leiser Wermutstropfen bleibt: Zwischen den Zeilen kündigt sich das Ende für Anton Brekke an, eine Aussicht, die bei den treuen Fans der Reihe kaum auf Begeisterung stoßen dürfte. Vielleicht aber wartet noch ein weiterer Band. Bis dahin ist „Finsterherz" eine uneingeschränkte Leseempfehlung für alle, die skandinavische Kriminalliteratur auf hohem Niveau schätzen.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 12. Juni 2026