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Der Riss und die schweigende Mehrheit
Ein Riss geht durch die Gesellschaft, verursacht von jenen, die sich dazu berufen fühlen, der Mehrheit neue Lebens- und Denkformen aufzuzwingen. Jan Fleischhauer, einer der profiliertesten und streitbarsten Publizisten des deutschsprachigen Raums, widmet sich in „Du bist nicht allein" diesem Phänomen mit seiner gewohnt spitzen, unerschrockenen Feder. Das Ergebnis ist eine ebenso pointierte wie unbequeme Bestandsaufnahme des gegenwärtigen Kulturkampfes.
Im Kern seiner Analyse steht die These, dass eine links-grün-woke Minderheit, die sich moralisch erhaben und damit besser als die übrige Gesellschaft wähnt, aus dieser Selbstüberhöhung ein vermeintliches Recht ableitet, ihre Überzeugungen anderen Bürgern aufzuzwingen. Was sich als Progressivität und Fortschritt tarnt, ist für Fleischhauer in Wirklichkeit ein Krieg gegen die Mehrheit der Bevölkerung, ein Krieg, in dem offenbar alle Mittel erlaubt sind. Es findet, so seine zentrale Diagnose, ein systematischer Kampf gegen das Normale statt, der der schweigenden Mehrheit das paradoxe Gefühl vermittelt, in Wirklichkeit eine Minderheit zu sein.
Die Konsequenzen dieses Klimas sind für den Einzelnen spürbar und bisweilen existenziell. Das gemeine Volk ist zum Verdachtsfall geworden: Ein falsches Wort, ein unvorsichtiger Satz kann genügen, um eine berufliche Karriere zu beenden oder schlimmstenfalls sogar den Verfassungsschutz auf den Plan zu rufen. Kein Zufall also, dass die Herrschaft über die Sprache zum erklärten Ziel dieser Bewegung geworden ist, denn wer die Sprache kontrolliert, kontrolliert das Denken.
Fleischhauer belegt seine Thesen mit einer Fülle von Beispielen, die mitunter ins Absurde reichen und gerade dadurch ihre entlarvende Wirkung entfalten. Er zeichnet das Bild einer fatalen Allianz aus Kirchen, Gewerkschaften, politischen Institutionen und NGOs, die sich daran gemacht hat, die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen umzugestalten. Was einst im universitären Biotop als weltfremde Wolkenkuckucksträumerei abgetan werden konnte, hat sich längst bis an die Spitzen staatlicher Einrichtungen vorgearbeitet und entfaltet dort eine Wirkung, die Fleischhauer als angewandten politischen und gesellschaftlichen Irrweg beschreibt.
Eine Frage bleibt dem geneigten Leser am Ende dennoch: warum der Autor so vehement und wiederholt auf die AfD einschlägt:
„Wir haben es demzufolge mit einer Partei zu tun, die über Probleme redet, die es nicht gibt, mit Politikern, die reine Fassade sind, und politischen Vorschlägen, die nichts taugen. So eine Partei sollte man eigentlich im Handumdrehen erledigen können.‟
Dieser Einwand trübt den Gesamteindruck eines ansonsten lesenswerten und zum Nachdenken herausfordernden Buches. „Du bist nicht allein" ist, bei aller politischen Zuspitzung, ein wichtiges Dokument des Zeitgeistes, ein Buch, das denjenigen eine Stimme gibt, die sich in der öffentlichen Debatte längst nicht mehr gehört fühlen.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 28. Mai 2026