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Buchkritik -- Andreas Fritz -- Die Stille der Insel

Umschlagfoto, Buchkritik, Andreas Fritz, Die Stille der Insel, InKulturA Wenn die Wahrheit im Netz untergeht

Ein Teenager, Sportler, liegt im Greifswalder Krankenhaus auf der Intensivstation. Die Ärzte sind ratlos. Kein Nikotin, kein Alkohol, keine Drogen – und doch zeigen seine Leberwerte Erschreckendes. Der Verdacht fällt auf ein Nahrungsergänzungsmittel, das er und andere Jugendliche ein halbes Jahr lang eingenommen haben. Auf der Verpackung steht, was auch der Hersteller behauptet: Das Präparat werde aus Algen aus der Ostsee gewonnen. Eine harmlose Zutatenliste, scheinbar unbedenklich. Doch irgendetwas stimmt nicht.

Eine ehemalige Journalistin erhält durch eine Bekannte Kenntnis von dieser rätselhaften Erkrankung und beginnt zu recherchieren. Lina Bach, so nennt sie sich inzwischen, war viele Jahre investigativ tätig, bis ihre Karriere durch einen Vorgang abrupt beendet wurde. Während einer Recherche über die kriminellen Machenschaften eines Konzerns wurde ihr durch ein unter ihrem Namen geführtes Fake-Konto ein Bestechungsversuch vorgeworfen. Juristisch ließ sich der Vorwurf nicht nachweisen, der Schaden aber war angerichtet. Seitdem lebt Lina unter einem anderen Namen auf Rügen und arbeitet für verschiedene Anwaltskanzleien. Ihr Spezialgebiet: die Überprüfung der Echtheit angeblicher Videobeweise.

Als sie sich mit dem Nahrungsergänzungsmittel beschäftigt, stößt sie auf etwas, das zunächst beinahe zu schön aussieht, um wahr zu sein: Über zweihundert Studien beschäftigen sich mit dem Präparat. Wissenschaftliche Evidenz im Überfluss also. Nur stimmt daran etwas nicht. Lediglich neun dieser Studien sind authentisch und führen zu nachweisbaren Verfassern. Der Rest wurde offenbar generiert, um Suchmaschinen mit möglichst vielen Fundstellen zu füttern. Was häufig erscheint, wirkt relevant. Was relevant wirkt, wird gefunden. Und was gefunden wird, erhält irgendwann den Anschein der Wahrheit.

Hier wird Andreas Fritz' „Die Stille der Insel“ interessant, weil der Roman seine Bedrohung nicht aus irgendeinem geheimnisvollen technischen Zukunftsszenario beziehen muss. Die Technik ist längst da. Das Problem liegt vielmehr in unserem Glauben an die Ergebnisse, die sie produziert. Wer Informationen sucht, erwartet schließlich nicht, zunächst deren Existenzberechtigung überprüfen zu müssen. Schon gar nicht, wenn die Suchmaschine mehrere hundert Treffer liefert und darunter vermeintlich wissenschaftliche Studien zu finden sind. Die schiere Masse ersetzt die Prüfung.

Der Maschine muss man doch glauben, oder etwa nicht?

Genau darin liegt die eigentliche Brisanz dieses Thrillers. Lina Bach muss nicht nur herausfinden, was hinter dem Nahrungsergänzungsmittel steckt. Sie muss zugleich dafür sorgen, dass ihre Recherche überhaupt noch als glaubwürdig wahrgenommen werden kann. Ihre eigene Geschichte macht das nicht einfacher. Der Vorwurf des Bestechungsversuchs ist zwar juristisch erledigt, aber der Verdacht besitzt bekanntlich ein längeres Gedächtnis als ein Freispruch. Wer einmal öffentlich beschädigt wurde, trägt diese Beschädigung mit sich herum – auch dann, wenn sie sich nicht beweisen lässt.

Fritz verbindet diese persönliche Ebene mit einem zunehmend unübersichtlichen Geflecht aus wirtschaftlichen Interessen, Lokalpolitik und digitaler Manipulation. Lina Bach recherchiert minutiös und muss dabei nicht nur die Fakten überprüfen, sondern auch die Wege, auf denen diese Fakten überhaupt in die Welt gelangt sind. Das macht ihre Recherche zu einem Wettlauf gegen eine Informationsmaschine, die Wahrheit und Täuschung nicht voneinander unterscheiden kann. Oder genauer: die gar nicht dafür gebaut wurde, es zu tun.

„Die Stille der Insel“ ist deshalb ein Thriller der besonderen Art. Faktengesättigt nimmt er den Leser mit auf die Recherche einer Frau, deren Glaubwürdigkeit trotz der Einstellung des Verfahrens wegen Bestechung noch immer erschüttert ist und die deshalb besondere Vorkehrungen treffen muss, bevor sie ihre Ergebnisse veröffentlicht. Am Ende stößt sie auf einen Skandal, in den sowohl ein Konzern als auch die Lokalpolitik verwickelt sind.

Doch der eigentliche Skandal liegt vielleicht noch eine Ebene tiefer. Denn falsche Informationen müssen heute gar nicht mehr besonders gut sein. Sie müssen nur zahlreich genug sein. Ein einzelner erfundener Text lässt sich möglicherweise entlarven. Zweihundert scheinbar unabhängige Studien erzeugen dagegen eine Wirklichkeit eigener Art. Wer nach Wissen sucht, findet nicht unbedingt die Wahrheit, sondern zunächst einmal das, was am erfolgreichsten den Eindruck von Wahrheit erzeugt.

Das ist die beunruhigende Pointe dieses Romans. Denn wenn Informationen im Netz nicht mehr nach ihrem Wahrheitsgehalt, sondern nach ihrer Sichtbarkeit bewertet werden, kann aus einer Lüge eine Tatsache werden, lange bevor jemand auf die Idee kommt, sie zu überprüfen. Und wenn wirtschaftliche Interessen hinter dieser Produktion von Informationen stehen, wird aus digitaler Desinformation kein lästiger Nebeneffekt mehr, sondern ein Geschäftsmodell.

Schöne neue Welt.




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Veröffentlicht am 3. Oktober 2026