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Abgesang im Haus Himmelreich
Frank Goosen, der Chronist des Ruhrgebiets, hat mit „Lovely Rita" einen Roman geschaffen, der weit mehr ist als nur eine weitere Kneipengeschichte. Es ist eine liebevolle und zugleich schonungslose Elegie auf eine untergegangene Ära, ein Abgesang auf die Melancholie des Stillstands und eine brillante Demontage des Mythos der „guten alten Zeit".
Im Zentrum des Geschehens steht das „Haus Himmelreich", eine jener typischen Ruhrpott-Kneipen, die einst der soziale Mittelpunkt eines ganzen Viertels waren und nun dem unaufhaltsamen Wandel weichen müssen. Hier versammelt sich das Stammpersonal wie die letzten Getreuen einer vergessenen Religion: „der Lange", „der Käpt’n" und Will Trommer – die drei Musketiere an der Theke, deren Leben untrennbar mit diesem Ort verbunden ist. In dieses Biotop des Vertrauten tritt ein Erzähler, der erst seit zwei Tagen anwesend ist und doch zum Archäologen der gesamten Kneipengeschichte wird, die er vor dem Lesepublikum mit feinem Gespür für Details ausbreitet.
Das eigentliche Kraftzentrum des Romans bilden jedoch zwei Schwestern, deren Lebensentwürfe gegensätzlicher nicht sein könnten. Da ist Rita, die bodenständige Kneipenwirtin, die das Erbe der Familie weiterführt und dem „Haus Himmelreich" eine Seele gibt. Ihr Gegenpol ist ihre Schwester Chris: lebenssüchtig, ungebunden, getrieben von der Sehnsucht nach der weiten Welt. Sie erlebt viel, bringt eine Tochter zur Welt, überlässt deren Erziehung aber der verantwortungsbewussten Rita, weil die eigene Freiheit über alles geht. Dieser familiäre Konflikt spiegelt den größeren gesellschaftlichen Riss zwischen Bleiben und Gehen, zwischen Pflicht und Selbstverwirklichung wider.
Mit einer meisterhaften Mischung aus Humor, Bissigkeit und Selbstironie entlarvt Goosen die Verklärung der Vergangenheit. Er zeigt, dass die „guten alten Zeiten" oft nur im Rückblick schön waren. Hinter der Fassade der Gemeinschaft verbarg sich eine raue Realität aus prügelnden Vätern, innerlich abwesenden Müttern und einer Gesellschaft, die sich zwar im materiellen Aufbau, aber im geistigen Stillstand befand. Besonders treffend wird diese Kritik in der Figur des Heiner, der unkritisch von einer Vergangenheit schwadroniert, die er selbst nie erlebt hat. Goosen hält damit nicht nur seinen Figuren, sondern der ganzen Gesellschaft einen Spiegel vor.
„Lovely Rita" ist ein zutiefst menschlicher Roman, der seine Stärke aus der genauen Beobachtung und der authentischen Sprache zieht. Es ist ein gelungenes Porträt einer verschwindenden Welt, das ohne Sentimentalität, aber mit viel Herz und einem scharfen Blick für die Brüchigkeit menschlicher Erinnerungen auskommt. Ein literarischer Abschied, der nachwirkt und beweist, dass die besten Geschichten oft an der Theke erzählt werden.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 6. März 2026