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Johannes Kunckel, Alchemist, Chemiker und Glasmacher des 17. Jahrhunderts, entstammte einer Glashüttenfamilie aus Holstein und gelangte über verschiedene Fürstenhöfe schließlich nach Brandenburg. Dort gewann er das Vertrauen des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm, der in ihm nicht nur einen Goldmacher, sondern vor allem einen Fachmann für hochwertige Glaserzeugnisse erkannte, mit denen er die wirtschaftliche Entwicklung seines von Kriegen gezeichneten Landes voranbringen wollte. Das Verhältnis zwischen beiden war von bemerkenswerter Nähe. Der Kurfürst ließ sich regelmäßig zur Insel übersetzen, um die Experimente seines Schützlings zu verfolgen und selbst Hand anzulegen. Als Zeichen seines Vertrauens schenkte er Kunckel 1685 die abgelegene Pfaueninsel in der Havel, die damals noch Pfauenwerder hieß. Dort errichtete Kunckel eine Glashütte und ein Laboratorium, die er unter strenger Geheimhaltung betrieb. Niemand seiner Gesellen durfte die Insel verlassen, und Unbefugten war das Betreten bei Strafe verboten. Die schwarzen Rauchschwaden und beißenden Chemikaliengerüche, die über die Havel zogen, nährten in der Umgebung unausweichlich Gerüchte über Hexerei und Goldmacherei.
Was Kunckel auf der Pfaueninsel tatsächlich vollbrachte, war freilich beeindruckend genug. Er perfektionierte die Herstellung des Goldrubinglases, eines tiefrot leuchtenden Glases, dem er durch den Zusatz von Goldstaub seine charakteristische Farbe verlieh. Dieses Luxusgut war europaweit begehrt und verschaffte Brandenburg erhebliche Exporterlöse. Mit dem Tod des Großen Kurfürsten 1688 endete Kunckels Glück abrupt. Sein Nachfolger entzog ihm jede Unterstützung, 1689 brannte die Glashütte auf der Pfaueninsel nieder, und Kunckel verließ Brandenburg als ruinierter Mann. Erst in Schweden, wo er geadelt wurde und als Bergrat diente, fand er wieder Anerkennung; ein Schicksal, das exemplarisch für die Vergänglichkeit höfischer Gunst steht.
Florian Illies hat diesen drei Jahren, die man ganz unbescheiden als die wohl glücklichsten der Familie Kunckel bezeichnen darf, ein buntes und stimmungsvolles literarisches Kleinod gewidmet. Der Dreißigjährige Krieg hat in Deutschland tiefe Spuren hinterlassen. Das Land ist zerstört, die Kassen der Landesherren und Fürsten sind leer, und es schlägt die Stunde der Alchemisten. Sie machen sich daran, ihren adeligen Gönnern eben diese Kassen wieder zu füllen, indem sie versprechen, Unedles zu Edlem, vulgo Gold, zu machen. Johannes Kunckel bildete da vorerst keine Ausnahme. Doch es sollte sich zeigen, dass der Mann weniger ein Alchemist war als vielmehr ein begnadeter Chemiker. Durch seine bald in ganz Europa begehrten Glaserzeugnisse initiierte er, wenn schon kein echtes Gold, so doch eine hervorragende Gewinnmaximierung.
Wo Erfolg einkehrt, sind naturgemäß die Neider nicht weit entfernt. In Gestalt des zweitältesten Sohnes des Kurfürsten – Friedrich, dessen Verhältnis zum Vater durch dessen zweite Ehe mit Dorothea ohnehin mehr als angespannt war – und dessen Vertrauten Eberhard Danckelmann formierte sich Widerstand. Danckelmann war ein Bürgerlicher wie Kunckel, dessen Ehrgeiz jedoch nach Höherem, nach einem Adelstitel, strebte. Der Vorhang war also geöffnet für ein handfestes Intrigenspiel, das jedoch zu Lebzeiten des Großen Kurfürsten vorwiegend hinter den Kulissen ablief.
Vorerst nimmt uns Florian Illies aber mit auf die noch im Dornröschenschlaf liegende Pfaueninsel, deren Ruhe durch Johannes Kunckel, seine Helfer und deren Familien höchst produktiv unterbrochen wurde. Wir werden nicht nur Zeugen der schöpferischen Prozesse der „Firma“ Kunckel, sondern auch stumme Begleiter auf den Ruderfahrten über die Havel nach Potsdam und Spandau, nicht zu vergessen die Fahrten über die betriebsame Spree, die Kunckel zurück zu seiner Familie führten. Illies begeistert einmal mehr durch seine lebendigen Beschreibungen der Orte und seine feinsinnigen Schilderungen des engen, fast schon familiären Verhältnisses, das zwischen dem Großen Kurfürsten und seinem „Angestellten“ herrschte.
„Träume aus Feuer“ ist eine ebenso gelungene Hommage an eine ungewöhnliche Freundschaft wie auch das scharfsichtige Porträt höfischer Intrigen und einer von Neid und Ressentiments befeuerten, kleinlichen Rache. Illies gelingt es meisterhaft, historische Fakten mit literarischer Leichtigkeit zu verweben, ohne jemals in trockene Belehrung abzugleiten. Er lässt eine vergangene Epoche mit all ihren Gerüchen, Hoffnungen und Abgründen auferstehen und schenkt uns einen Roman, der nicht nur historisch Interessierte fesselt, sondern durch seine sprachliche Eleganz und emotionale Tiefe noch lange nachklingt. Ein wahrhaft leuchtendes Stück Literatur, das seinem gläsernen Gegenstand in nichts nachsteht.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 22. Juni 2026