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Moral im Ausnahmezustand
Es ist keine ferne Zukunft, die Jo Nesbø entwirft, sondern eine, die nur einen Schritt neben unserer Gegenwart zu liegen scheint. Eine Pandemie hat die Vereinigten Staaten verwüstet, die staatliche Ordnung ist weitgehend kollabiert, die Wirtschaft liegt am Boden, Banden kontrollieren die Städte, und das Recht existiert nur noch als blasse Erinnerung an bessere Zeiten. In dieser dystopischen Landschaft begegnen sich zwei Männer wieder, deren gemeinsame Vergangenheit längst von den unterschiedlichen Wegen überlagert wurde, die das Leben für sie bereithielt.
Colin Lowe ist ein einflussreicher Unternehmer, dessen Macht auch im Niedergang der Gesellschaft erstaunlich ungebrochen scheint. Will, einst sein Jugendfreund, inzwischen Anwalt, glaubt dagegen noch immer an die Idee von Recht und Gerechtigkeit, obwohl beides kaum mehr durchsetzbar ist. Als Colins Sohn Brad Wills Tochter entführt, geraten die beiden in einen Konflikt, der weit über persönliche Feindschaft hinausweist. Während Colin seinen Sohn mit allen Mitteln schützen will, setzt Will alles daran, ihn trotz eines praktisch handlungsunfähigen Justizsystems zur Verantwortung zu ziehen.
„Insel der Ratten‟ ist eine von fünf Erzählungen aus dem gleichnamigen Band, der bereits 2021 erstmals in Schweden erschien. Die Ausgangslage mag vertraut wirken: eine Welt nach der Katastrophe, in der Gewalt, Macht und materieller Reichtum über das Überleben entscheiden. Doch Nesbø interessiert sich weniger für die Mechanik des gesellschaftlichen Zusammenbruchs als für die Frage, was vom Menschen bleibt, wenn die zivilisatorischen Sicherungen versagen.
Seine Erzählung kreist um Moral, Schuld und Verantwortung. Kann Vergeltung jemals Gerechtigkeit schaffen, oder setzt sie lediglich jene Spirale der Gewalt in Gang, die sie zu beenden vorgibt? Will formuliert diesen Zweifel immer wieder und wird damit zum moralischen Gegenpol einer Welt, die längst aufgehört hat, zwischen Recht und Stärke zu unterscheiden.
Nesbø erzählt wechselweise aus der Perspektive Wills und der jungen Yvonne, die innerhalb von Brads Bande eine führende Rolle einnimmt. Gerade dieser Perspektivwechsel verhindert einfache Urteile. Die Figuren bewegen sich in einer Ordnung, die keine mehr ist, und dennoch bleibt die Frage bestehen, ob außergewöhnliche Umstände tatsächlich außergewöhnliche Moral rechtfertigen. Wie weit darf ein Mensch gehen, um Unrecht zu vergelten? Wann verwandelt sich das Opfer selbst in einen Täter? Und existiert selbst im völligen Zerfall gesellschaftlicher Normen noch eine Grenze, deren Überschreitung den Menschen unwiderruflich verändert?
Die Antwort, die Nesbø seinem Antihelden schließlich zugesteht, überrascht gerade deshalb, weil sie auf spektakuläre Gewalt verzichtet. Sie verweist darauf, dass moralische Verantwortung niemals vollständig an äußere Umstände delegiert werden kann. Nicht die Katastrophe entscheidet darüber, wer wir sind, sondern die Entscheidungen, die wir in ihr treffen. Gerade darin liegt die eigentliche Stärke dieser kurzen Erzählung.
Ein Wort noch zur Veröffentlichungspolitik des Ullstein Verlags. Für eine einzelne Kurzgeschichte, die bereits vor einigen Jahren als Teil eines Sammelbandes erschienen ist, erscheinen 19,99 Euro ausgesprochen ambitioniert. Wirtschaftlich mag sich diese Kalkulation angesichts des prominenten Namens Jo Nesbø rechnen. Dem Leser hinterlässt sie dennoch einen schalen Beigeschmack. Nicht jede verlegerische Entscheidung wird überzeugender, nur weil sie sich voraussichtlich gut verkauft.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 22. Juli 2026