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Wenn die Krone den Krimi erdrückt
Es gibt Romane, bei denen man sich irgendwann fragt, ob der Autor noch eine Geschichte erzählen möchte oder bereits damit beschäftigt ist, sich bei seinen Gastgebern für die freundliche Aufnahme zu bedanken. Peter James liefert mit seinem einundzwanzigsten Roy-Grace-Roman ein bemerkenswertes Beispiel für diese Grenzverschiebung. Was als Kriminalgeschichte beginnt, entwickelt sich zunehmend zu einer ausufernden Huldigung an das britische Königshaus. Der eigentliche Kriminalfall gerät dabei derart ins Hintertreffen, dass man beinahe geneigt ist, ihn als lästige Unterbrechung des royalen Besichtigungsprogramms zu betrachten.
James scheint von der Welt der Monarchie so beeindruckt, dass er seine Leser an möglichst vielen Einzelheiten dieser Institution teilhaben lassen möchte. Seitenlange Ausführungen über Sicherheitsvorkehrungen am Hof, zeremonielle Gepflogenheiten und klimapolitische Bekenntnisse nehmen einen Raum ein, den man in einem Thriller eigentlich für die Entwicklung seiner Handlung reserviert vermutet hätte. Die Logistik des königlichen Betriebs wird mit einer Ausführlichkeit behandelt, die gelegentlich eher an eine behördliche Dokumentation als an einen Spannungsroman erinnert.
Natürlich darf ein Kriminalroman gesellschaftliche und politische Wirklichkeit abbilden. Er soll es sogar, sofern sein Autor mehr im Sinn hat als die bloße Verwaltung von Leichen und Verdächtigen. Doch zwischen der literarischen Durchdringung eines Milieus und dessen ehrfürchtiger Präsentation besteht ein erheblicher Unterschied. James scheint ihn diesmal aus den Augen verloren zu haben.
Besonders bedauerlich ist das angesichts einer Romanreihe, deren Erfolg nicht zuletzt auf der Verbindung kriminalistischer Spannung mit menschlichen Konflikten beruht. Roy Grace war nie nur ein Ermittler, der Fälle abarbeitete. Gerade die persönlichen Verwerfungen, die psychologischen Zwischentöne und die oft wenig erfreulichen Abgründe seiner Umgebung verliehen diesen Romanen ihren Reiz. Davon bleibt hier erschreckend wenig übrig. Stattdessen dominieren Überwachung, Sicherheitsarchitektur und eine kaum verhohlene Bewunderung für die Krone. Die Figuren müssen sich einer Kulisse unterordnen, deren Bedeutung der Autor offenbar für so selbstverständlich hält, dass er sie unablässig hervorheben muss.
Eine gewisse Erhellung bringt schließlich das Nachwort. Dort berichtet James, dass Königin Camilla persönlich die Anregung gegeben habe, seinen nächsten Roman in London spielen zu lassen. Ausdrücklich verweist er auf die Idee „von Ihrer Majestät der Königin“. Nun ist gegen eine solche Inspiration zunächst wenig einzuwenden. Schriftsteller haben sich seit jeher von den unterschiedlichsten Persönlichkeiten zu ihren Werken anregen lassen. Auch königliche Gesprächspartner sind nicht grundsätzlich verdächtiger als andere. Problematisch wird es allerdings, wenn die daraus entstandene Geschichte den Eindruck erweckt, ihr Autor habe vor lauter Dankbarkeit vergessen, dass er einen Kriminalroman und keine Festschrift verfassen wollte.
Gerade darin liegt die eigentliche Schwäche dieses Buches. Nicht die Monarchie als Schauplatz ist das Problem, sondern die erzählerische Unterwürfigkeit, mit der James ihr begegnet. Wo ein Schriftsteller Distanz benötigt, um seinen Gegenstand interessant zu machen, scheint hier Bewunderung an ihre Stelle getreten zu sein. Und Bewunderung ist, sobald sie sich jeder kritischen Reibung enthält, selten ein guter Ratgeber für Literatur.
Andere Kriminalautoren haben längst bewiesen, dass gesellschaftliche Relevanz und erzählerische Spannung keineswegs Gegensätze sein müssen. Val McDermid, Don Winslow oder Michael Connelly verstehen es, politische und soziale Wirklichkeit in ihre Geschichten einzubinden, ohne darüber den kriminalistischen Kern aus den Augen zu verlieren. Ihre Romane gewinnen durch den gesellschaftlichen Resonanzraum an Tiefe. Bei James hingegen scheint die Handlung vor allem dazu zu dienen, einem bereits feststehenden Anliegen die erforderliche Romanform zu verleihen.
Das ist umso ärgerlicher, als man von einem Autor seiner Erfahrung erwarten darf, dass er den Unterschied zwischen interessanter Hintergrundrecherche und erzählerischem Ballast kennt. Ein Thriller lebt nicht davon, wie viele Informationen sein Verfasser unterbringen kann, sondern davon, was er aus ihnen macht. Wissen allein erzeugt noch keine Spannung, und selbst die Nähe zu den höchsten Kreisen ersetzt keine überzeugende Dramaturgie.
Vielleicht ist „Der Tag des toten Falken‟ deshalb weniger ein misslungener Kriminalroman als ein Roman, der an seiner eigenen Begeisterung für das royale Milieu scheitert. James hat sich von der Aura seines Schauplatzes derart vereinnahmen lassen, dass seine eigentliche Geschichte kaum noch dagegen ankommt.
Was bleibt, liest sich über weite Strecken wie ein Dankschreiben an das britische Königshaus – nur eben in gebundener Form. Die Krone dürfte daran ihre Freude haben. Ob die treuen Leser der Roy-Grace-Reihe diese Begeisterung teilen, steht auf einem anderen Blatt.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 31. Oktober 2026