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Buchkritik -- Elisabeth Lexer -- Bakunins Töchter

Umschlagfoto, Buchkritik, Elisabeth Lexer, Bakunins Töchter, InKulturA Die Risse der Utopie – ein Leben im Nachhall der Revolte

Es sind die großen Entwürfe, die mit der Zeit ihre schärfsten Bruchlinien offenbaren. Elisabeth Lexer widmet sich in ihrem Roman „Bakunins Töchter‟ eben jenem Spannungsfeld zwischen gelebtem Idealismus und der widerständigen Realität – und entwirft daraus ein vielschichtiges Panorama, das von den Aufbrüchen der 1970er-Jahre bis in die Gegenwart reicht.

Im Zentrum steht eine Lebensgemeinschaft, wie sie nur aus der Energie jener Zeit hervorgehen konnte: radikale Linke, Feministinnen, Aussteigerinnen, vereint in dem Versuch, jenseits gesellschaftlicher Normen ein anderes Leben zu erproben. Ein Gutshof an der Grenze wird zum Experimentierraum einer Utopie, deren Versprechen ebenso groß ist wie ihre blinden Flecken. Jahrzehnte später sind es nur noch sechs Frauen, die geblieben sind – Trägerinnen einer Geschichte, die sich längst nicht mehr widerspruchsfrei erzählen lässt.

Dora, Erzählerin und Chronistin dieses Projekts, blickt mit einer Mischung aus Ironie und schonungsloser Selbstbefragung auf das Vergangene zurück. Ihre eigene Biografie, durchzogen von den Schatten der Vertreibung, der nationalsozialistischen Vergangenheit und dem dröhnenden Schweigen der Nachkriegszeit, verschränkt sich dabei unauflöslich mit der Geschichte der Gemeinschaft. Erinnerung erscheint hier nicht als verlässlicher Speicher, sondern als ein fragiles Gewebe aus Auslassungen, Rechtfertigungen und nachträglichen Deutungen.

In dieses Gefüge treten zwei männliche Figuren, die weniger Gegenpole als vielmehr Störlinien darstellen. Henry, der ewige Theoretiker, inszeniert sich als intellektueller Überbau einer Gemeinschaft, deren eigentliche Dynamik er nie begreift – ein Opportunist, der seine ideologische Pose mit bemerkenswerter Leichtigkeit gegen den Rückzug ins Private eintauscht. Albert hingegen, in der Kommune sozialisiert und doch von ihr entfremdet, verkörpert die Gegenbewegung: den Rückzug ins Bürgerliche, in materielle Sicherheit und eine Haltung, die sich schließlich in offener Ablehnung gegenüber den Frauen manifestiert, die ihn geprägt haben.

Sein Erscheinen, ausgelöst durch den Tod seiner Mutter Hilli, wirkt wie ein Katalysator. Das Begräbnis wird zum Ort latenter Spannungen, an dem das sorgsam austarierte Gleichgewicht der Gemeinschaft ins Wanken gerät. Mit Albert betritt auch seine Frau Carla die Bühne; eine Figur, die durch ihre Fragen und Zweifel jene Selbstverständlichkeiten infrage stellt, auf denen die verbliebene Solidarität der Frauen ruht.

„Bakunins Töchter‟ entfaltet seine eigentliche Kraft in diesem Moment der Irritation. Denn mit Hillis Tod beginnt die Vergangenheit zu arbeiten: Ein lange verdrängtes Ereignis drängt an die Oberfläche und zwingt die Figuren, sich zu einer Wahrheit zu verhalten, die sich nicht länger kontrollieren lässt. Was einst als gemeinsames Projekt begann, erscheint nun als ein Geflecht aus Loyalitäten, Schuld und stillschweigenden Übereinkünften.

Lexer vermeidet dabei jede Form moralischer Eindeutigkeit. Statt Antworten zu liefern, legt sie die Ambivalenzen frei, die menschlichem Handeln eingeschrieben sind. Gut und Böse, richtig und falsch, diese Kategorien verlieren ihre Trennschärfe zugunsten eines vielstimmigen Erzählraums, in dem jede Perspektive ihre eigene Berechtigung und zugleich ihre blinden Flecken besitzt.

So wird „Bakunins Töchter“ zu mehr als einer Rückschau auf ein alternatives und – das müssen die Leserinnen und Leser entscheiden – vielleicht gescheitertes Gesellschaftsmodell. Es ist eine präzise Beobachtung darüber, wie Ideale altern, wie Erinnerungen sich verschieben und wie schwer es ist, sich der eigenen Geschichte zu stellen, wenn sie nicht mehr mit dem Bild übereinstimmt, das man von sich selbst entworfen hat.




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Veröffentlicht am 6. Mai 2026