Diese Webseite benutzt keine Cookies!!!.
Paulus Hochgatterer lässt seinen Erzähler in einem Körper wohnen, der ihm nach und nach die Arbeit verweigert. Ingemar ist sechzehn, wiegt zweiundvierzig Kilogramm und leidet an spinaler Muskelatrophie Typ 2. Seine Bewegungen sind zu Restbewegungen geworden; Daumen und Zeigefinger gehorchen ihm längst nicht mehr, die rechte Hand verfügt noch über drei Finger. Wer aus dieser Konstellation den erwartbaren Roman über Leid, Tapferkeit und versöhnliche Einsicht machen wollte, wäre bei Hochgatterer an der falschen Adresse. „Mio und die Unsterblichkeit“ ist keine sentimentale Krankheitsgeschichte. Es ist ein scharf gestelltes Kammerspiel über Abhängigkeit, Scham, Schuld und die Zumutung, in einem Leben Sinn finden zu sollen, dessen Ende allzu sichtbar im Raum steht.
Der Roman gibt Ingemar die Ich-Stimme – und das ist mehr als eine erzähltechnische Entscheidung. Sie verschiebt die Machtverhältnisse. Der Junge, der in nahezu jedem Handgriff auf andere angewiesen ist, besitzt wenigstens die Hoheit über seinen Blick: einen wachen, oft bösartigen, manchmal selbstgefälligen Blick. Er registriert die infantilisierende „einfache Sprache“, mit der Erwachsene ihn behandeln, ebenso wie die gegenteilige Zumutung, ihn mit großen philosophischen Sätzen zu überschütten, als müsse seine Krankheit durch Gedankenarbeit geadelt werden. Ingemar will weder geschont noch zum Symbol erhoben werden. Gerade darin liegt die Unruhe dieser Stimme: Sie verlangt Anerkennung und wehrt sie zugleich ab; sie verachtet die Empfindlichkeit der anderen, obwohl sie auf deren Fürsorge angewiesen ist.
Mit der Katze, die Ingemars Schwester Lori ins Haus bringt, zieht ein Gegenüber ein, das sich nicht korrekt verhält. Die Familie nennt das Tier „Maid Marian“, Ingemar nennt es „Mio“. Diese kleine, hartnäckige Umbenennung ist sein Gegenentwurf zu einem Alltag, in dem Namen, Diagnosen und Therapiepläne über ihn verfügen. Mio ist zunächst eine Katze, doch sie wird bald zum Prüfstein der häuslichen Ordnung. An ihr entzündet sich die Frage, welche Fürsorge wem gilt, wessen Schmerz Aufmerksamkeit beanspruchen darf und ob sich Liebe überhaupt gerecht verteilen lässt. Hochgatterer treibt diesen Vergleich nicht ins Groteske; er lässt ihn vielmehr mit der nötigen Härte stehen. Dass sich eine Familie um ein verletzliches Tier mit einer Hingabe versammelt, die der schwer kranke Sohn zugleich braucht und misstrauisch beäugt, erzeugt keinen rührenden Kontrast, sondern ein moralisches Unbehagen.
Auf knapp hundertvierzig Seiten entsteht ein dichtes Geflecht aus Personen, die Ingemar umsorgen, umkreisen und gelegentlich an ihm scheitern. Jack, der studierte Forstwirt und Pfleger, tauft den Rollstuhl „Lamborghini“; in diesem Witz steckt keine harmlose Erleichterung, sondern die ganze groteske Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Der Neurologe Al-Wahidi hat den Anstand, medizinische Grenzen nicht mit Souveränitätsgesten zu kaschieren. Fred, der Physiotherapeut und ehemalige Gewichtheber, bringt die Erinnerung an körperliche Kraft in ein Zimmer, in dem Kraft längst anders definiert werden muss. Auch Ingemars Eltern bleiben nicht Staffage. Die Mutter, Psychotherapeutin und emotional schwer erreichbar, und der Vater, Leiter eines diözesanen Bauamts, tragen die genetische Weitergabe der Krankheit als Schuld mit sich herum – eine Schuld, die sich nicht lösen lässt, weil sie keinen Schuldigen kennt.
Am stärksten verdichtet sich der Roman in den Besuchen des namenlosen Vierundneunzigjährigen. Er kommt wöchentlich, erzählt Anekdoten aus dem vergangenen Jahrhundert, streut Aphorismen ein und erweist sich als das seltene Gegenüber, das Ingemar weder bemitleidet noch bewundert. Der Alte widerspricht. Er stutzt die geschwollenen Sätze des Jungen zurecht, setzt dessen Egoismus einem Erfahrungsvorrat aus, der weder pädagogisch geschniegelt noch altersweise verklärt wirkt. Zwischen beiden entsteht kein tröstlicher Pakt, sondern ein Gespräch auf Messers Schneide. Ingemar sucht in den Geschichten des alten Mannes ein Leben, das ihm versagt bleiben könnte; der Alte verweigert ihm den Luxus, aus dieser Enteignung eine besondere moralische Autorität abzuleiten.
Darin liegt die eigentliche Qualität von Hochgatterers Roman. Er nimmt seinen Protagonisten ernst genug, um ihn nicht liebenswert machen zu müssen. Ingemar ist intelligent, manipulativ, verletzbar und unerträglich. Er weiß, wie sehr sein Zustand die anderen bindet, und nutzt dieses Wissen bisweilen aus. Das macht ihn nicht kleiner, sondern genauer. Zu oft werden Figuren mit Behinderung in der Literatur entweder als reine Opfer verwaltet oder als geläuterte Lehrmeister des gesunden Lebens ausgestellt. Hochgatterer verweigert beide Modelle. Sein Ingemar darf grausam sein, eitel, komisch, verzweifelt – mithin alles, was einer literarischen Figur zusteht und einer bloßen Chiffre fehlt.
Die großen Fragen des Buches werden nicht feierlich aufgerufen, sie sitzen mit am Küchentisch. Was heißt Gerechtigkeit, wenn Körper und Biografien so ungleich verteilt sind? Was ist ein Leben wert, wenn medizinischer Fortschritt keine Heilung verspricht, sondern Zeit gewinnt? Und wie ehrlich darf man über den Wunsch sprechen, dem Sterben zu entkommen, ohne sich in die billige Rhetorik der „Unsterblichkeit“ zu flüchten? Der alte Mann formuliert Gerechtigkeit als „Sehnsucht, Schicksal und Herrschaft abzuschaffen‟. Der Satz bleibt hängen, gerade weil der Roman ihn nicht zur Parole glättet. Schicksal ist hier kein metaphysischer Nebel, sondern eine sehr konkrete Last: ein Muskel, der nicht mehr gehorcht; Eltern, die sich schuldig fühlen; ein Pflegeplan; die Angst vor der nächsten Verschlechterung.
Hochgatterer schreibt gegen jene sprachliche Höflichkeit an, die jedes moralische Problem bereits für gelöst hält, sobald die richtigen Begriffe gefunden sind. Seine Figuren reden nicht immer schön, sie handeln nicht immer richtig, und auch der Roman bietet keine saubere Instanz, die am Ende Ordnung schafft. Das kann wehtun. Es bewahrt „Mio und die Unsterblichkeit“ jedoch vor der beruhigenden Botschaft, Verletzlichkeit mache den Menschen automatisch besser. Ingemar will leben, nicht als Beispiel, nicht als Argument, nicht als Projektionsfläche für die Ängste der anderen. Dass dieses Wollen weder heroisch noch rein ist, verleiht dem Buch seine Wucht.
Am Ende bleibt keine Erlösung, aber etwas Präziseres: die Zumutung, diesen Jungen nicht auf seine Diagnose und auch nicht auf seine Klugheit zu reduzieren. Die Unsterblichkeit, von der der Titel spricht, erscheint weder als medizinisches Versprechen noch als religiöse Hintertür. Sie liegt allenfalls in der unablässigen Arbeit des Erzählens, in dem Versuch, einem Leben eine Form zu geben, ohne es dadurch zu entschärfen. Hochgatterer gelingt ein Roman von großer Konzentration und dunklem Witz, der seine Fragen nicht beantwortet, weil Antworten hier allzu oft bloß eine Form der Flucht wären.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 16. Oktober 2026