Diese Webseite benutzt keine Cookies!!!.
Die Grammatik der Angst
Dror Mishani, dem israelischen Autor, der vor allem durch seine Kriminalromane um Kommissar Avraham Avraham internationale Bekanntheit erlangt hat, gelingt mit „Nicht‟ ein literarisches Kunststück der leisen Töne. Im Mittelpunkt steht Eli, ein 52-jähriger Übersetzer und Witwer, der nach langer Zeit der Einsamkeit mit der Musikerin Lia erstmals wieder eine neue Beziehung eingeht. Es wird rasch ein enges, zartes Verhältnis , doch Lia hat einen Hund – Felix. Und das soll ein Problem werden.
Als Lia zu einer Konzerttournee aufbricht und Eli die Obhut über Felix überträgt, beginnt eine Bewährungsprobe, die weit über die alltäglichen Herausforderungen des Hundehaltens hinausgeht. Ein Vorfall ereignet sich. Lügen folgen. Verstrickungen, die sich zu einem dichten Netz aus Schuld und Selbstbetrug verweben. Was als harmlose Alltagsgeschichte beginnt, entpuppt sich als präzise Sonde in die Abgründe menschlicher Verlustangst.
Das eigentliche Herzstück des Romans ist seine ungewöhnliche, raffinierte Erzählform: Mishani wählt die zweite Person, das „Du". Eli spricht mit sich selbst, führt einen inneren Dialog, der zugleich Selbstbefragung und Selbstanklage ist. Diese Erzählperspektive erzeugt eine beklemmende Nähe; der Leser ist nicht Beobachter, sondern wird unmittelbar in Elis Bewusstseinsstrom hineingezogen. Es ist eine Form, die dem Thema des Romans, die betäubende Angst vor dem Verlust und die Handlungen, zu denen Menschen greifen, um ihn zu vermeiden, auf das Genaueste entspricht.
Alle Figuren des Romans tragen die Narben vergangener Beziehungsverluste, die schwer oder gar nicht verarbeitet wurden. Mishani zeichnet Menschen, die sich in ihren Ängsten eingerichtet haben, ohne sie je wirklich zu überwinden. Und er stellt dabei eine Frage, die den Roman wie ein stiller Unterton durchzieht: Wie weit würden wir gehen, um den nächsten Verlust zu verhindern? Oder, wie Mishani es selbst formuliert: ob Gott noch eine Überraschung für uns bereithält.
„Nicht‟ ist ein Roman, der in seiner Schlichtheit besticht und in seiner psychologischen Tiefe nachhallt. Ein stilles, eindringliches Buch über die Grammatik der Angst, und darüber, was Menschen tun, wenn sie fürchten, das Kostbarste erneut zu verlieren.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 7. Juni 2026