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Buchkritik -- Nicolas Potter -- Die neue autoritäre Linke

Umschlagfoto, Buchkritik, Nicolas Potter, Die neue autoritäre Linke, InKulturA Ein wenig Schadenfreude sei gestattet. Da gerät ein Journalist, der sich selbst dem linken Spektrum zurechnet, plötzlich ins Fadenkreuz eines Mobs, der sich ebenfalls links verortet – und ist fassungslos. Schließlich gehört er doch zu den Guten. So jedenfalls dürfte sein Selbstbild gewesen sein, bevor ihn die Realität einholte.

Was war geschehen? Nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 bezog Nicolas Potter öffentlich Stellung für den jüdischen Staat. Ein Satz, der früher kaum der Erwähnung wert gewesen wäre, genügt heute, um in bestimmten Milieus zur persona non grata zu werden. Für jene Gruppierungen, die Potter als die „neue autoritäre Linke“ beschreibt, ist Israel zum absoluten Feindbild geworden. Wer diese Weltsicht nicht teilt, wird nicht widerlegt, sondern moralisch exkommuniziert.

Potter schildert eindringlich, was darauf folgte: Steckbriefe mit seinem Konterfei, Einschüchterungen, Gewaltandrohungen bis hin zu Mordaufrufen. Das sind keine Petitesse des digitalen Zeitalters und schon gar keine bloßen Begleiterscheinungen hitziger Debatten. Wer Andersdenkende einschüchtert oder zu Gewalt gegen sie aufruft, verlässt den Boden der demokratischen Auseinandersetzung. Hier endet jede Ironie.

Dem Autor ist hoch anzurechnen, dass er Ross und Reiter nennt. Er benennt Akteure, Netzwerke und ideologische Muster, beschreibt den unverhohlenen Israelhass, der sich in Publikationen, Demonstrationen und universitären Milieus Bahn gebrochen hat, und zeigt, wie bereitwillig Teile der radikalen Linken autoritäre Reflexe kultivieren, solange sie sich im Gewand des moralisch Guten präsentieren können.

Gerade deshalb fällt eine Leerstelle umso stärker ins Gewicht. Potter beschreibt die Gewalt, die ihn selbst und andere Vertreter seiner Position trifft, mit nachvollziehbarer Empörung. Weniger Interesse zeigt er jedoch an den zahlreichen Fällen, in denen Vertreter konservativer oder bürgerlicher Positionen seit Jahren ähnlichen Einschüchterungen, Angriffen oder Gewaltakten ausgesetzt sind. Dieser blinde Fleck wirkt nicht zufällig. Er vermittelt den Eindruck, als beginne das Problem erst in dem Moment, in dem die eigene politische Familie ihre Waffen gegen einen der Ihren richtet.

So bleibt ein eigentümlicher Zwiespalt. Potter liefert eine überzeugende Analyse jener autoritären Dynamiken, die sich im linken Aktivismus ausgebreitet haben. Gleichzeitig scheint er sich nur zögerlich von jenem ideologischen Fundament zu lösen, auf dem diese Entwicklungen überhaupt gedeihen konnten. Das Buch ist deshalb gleichermaßen aufschlussreich wie unerquicklich: aufschlussreich in seiner Beschreibung eines Milieus, unerquicklich in seiner politischen Halbherzigkeit.

Mit einer gewissen Süffisanz lässt sich allerdings feststellen, dass es einen Linken offenbar besonders schmerzt, wenn ihn ausgerechnet die eigenen politischen Weggefährten zum Feind erklären.

Das ändert allerdings nichts an einem Grundsatz, der unabhängig von jeder politischen Farbe gelten muss: Einschüchterung, Gewaltandrohungen und Mordaufrufe sind keine legitimen Mittel politischer Auseinandersetzung. Wer sie relativiert oder duldet, verabschiedet sich aus dem demokratischen Diskurs – ganz gleich, ob er sich links, rechts oder in der Mitte verortet.




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Veröffentlicht am 18. Juli 2026