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Marvel lässt grüßen – Baldaccis wundersamer Kampfnash
Es gibt literarische Verwandlungen, die dem Leser einiges an gutem Willen abverlangen. Und es gibt solche, bei denen man irgendwann den Verdacht nicht mehr loswird, der Autor habe seinen Protagonisten kurzerhand in einen Marvel-Comic versetzt. David Baldaccis neuer Thriller „Absturz“ gehört bedauerlicherweise zur zweiten Kategorie. Was als durchaus vielversprechende Geschichte über einen unbescholtenen Mann beginnt, dessen bisheriges Leben durch eine verhängnisvolle Entscheidung aus den Fugen gerät, entwickelt sich zunehmend zu einem Rachespektakel, dessen größte Herausforderung darin besteht, die eigene Unglaubwürdigkeit immer wieder aufs Neue zu übertreffen.
Walter Nash führt ein privilegiertes, wenngleich wenig aufregendes Leben. Er arbeitet als Investmentbanker, ist mit Judith verheiratet und Vater der jugendlichen Maggie. Nach der Beerdigung seines entfremdeten Vaters tritt das FBI an ihn heran und verlangt seine Mithilfe bei Ermittlungen gegen Everett „Rhett“ Temple, den CEO seines Unternehmens. Temple steht im Verdacht, Drogengelder für Victoria Steers zu waschen, die skrupellose Anführerin eines chinesischen Kartells. Dass bereits drei Informanten des FBI im Zusammenhang mit diesen Ermittlungen ermordet wurden, sollte Nash eigentlich Warnung genug sein. Dennoch lässt er sich auf das gefährliche Spiel ein.
Es kommt, wie es kommen muss. Seine Tarnung fliegt auf, Victorias Handlanger entführen Maggie und inszenieren die Ereignisse derart perfide, dass Nash selbst unter den Verdacht gerät, seine Tochter missbraucht zu haben. Sein bisheriges Leben ist mit einem Schlag zerstört. Auf der Flucht findet er Unterstützung bei Isaiah York, einem Vietnamveteranen und Sicherheitsexperten, der einst mit seinem Vater befreundet war. Gemeinsam wollen sie diejenigen zur Rechenschaft ziehen, die Nashs Familie vernichtet haben.
So weit, so gut. Der Stoff hätte durchaus das Potenzial für den Auftakt einer weiteren spannenden Thrillerreihe aus Baldaccis bewährter Feder. Schließlich hat dieser Autor mit Amos Decker, John Puller und den Mitgliedern des Camel-Clubs Figuren geschaffen, deren Eigenheiten, biografische Brüche und gelegentliche Schrullen ihnen eine unverwechselbare Kontur verliehen. Selbst dort, wo Baldacci die Grenzen des Wahrscheinlichen großzügig auslegte, verstand er es meist, seine Leser durch erzählerisches Geschick und überzeugend angelegte Charaktere bei der Stange zu halten.
Davon ist in „Absturz“ erstaunlich wenig geblieben.
Das beginnt bei den Figuren, die über weite Strecken kaum mehr als Funktionsträger einer zunehmend konstruiert wirkenden Handlung sind. Baldacci setzt auf eine dramatische Ausgangslage, versäumt es jedoch, deren psychologische Möglichkeiten auszuschöpfen. Die Zerstörung einer bürgerlichen Existenz, der Verlust familiärer Gewissheiten und die Erfahrung, plötzlich selbst zum Gejagten zu werden, hätten genügend Stoff für einen Thriller geboten, dessen Spannung nicht allein aus der nächsten Gewalttat erwächst. Stattdessen verliert sich die Geschichte in einer immer verworreneren Jagd, deren einzelne Puzzleteile weniger ein überzeugendes Gesamtbild ergeben, als dass sie die erzählerischen Schwächen zunehmend offenlegen.
Vollends problematisch wird es mit der Metamorphose des Walter Nash. Aus dem biederen Familienvater und Investmentbanker wird binnen erstaunlich kurzer Zeit ein Mann, dessen Fähigkeiten eher auf eine nachträglich entdeckte Superhelden-DNA schließen lassen als auf eine nachvollziehbare persönliche Entwicklung. Gewiss, ein Mensch kann unter extremen Umständen über sich hinauswachsen. Doch zwischen der Mobilisierung ungeahnter Kräfte und der wundersamen Verwandlung in eine nahezu perfekte Kampfmaschine liegt ein beträchtlicher Unterschied.
Baldacci scheint dieser Unterschied wenig zu kümmern. Besonders ärgerlich ist dabei, dass offenbar auch Nashs äußere Verwandlung sämtliche Gesetze menschlicher Wiedererkennung außer Kraft setzt. Weder sein ehemaliger Juniorchef noch eine frühere Kollegin, geschweige denn jener Ermittler, der ihm auf den Fersen ist, erkennen den neuen „Kampfnash“. Man möchte beinahe fragen, ob Isaiah York seinem Schützling neben der erforderlichen Kampfausbildung auch gleich ein Tarnkappenkostüm aus dem Marvel-Universum besorgt hat.
Nun verlangt niemand von einem amerikanischen Actionthriller die Wirklichkeitstreue eines dokumentarischen Tatsachenberichts. Übertreibung gehört zum Geschäft, und ein gewisses Maß an erzählerischer Unwahrscheinlichkeit nimmt man gern in Kauf, sofern die Geschichte ihre eigene innere Logik wahrt. Gerade darin liegt jedoch das Problem dieses Romans: Baldacci fordert vom Leser nicht nur die Bereitschaft, sich auf eine außergewöhnliche Geschichte einzulassen, sondern zunehmend auch, deren offensichtliche Widersprüche geflissentlich zu ignorieren.
Hinzu kommt, dass die Handlung trotz aller Betriebsamkeit erstaunlich wenig Spannung entwickelt. Wo eine Eskalation die nächste jagt, verliert selbst das Außergewöhnliche irgendwann seine Wirkung. Die Geschichte wird nicht intensiver, sondern lediglich unwahrscheinlicher. Und die anfänglich durchaus reizvolle Frage, was aus einem Menschen wird, dem man seine gesamte Existenz genommen hat, verschwindet hinter einem Rachefeldzug, dessen dramaturgische Mechanik allzu deutlich hervortritt.
Für Leser, die Baldacci seit Jahren begleiten und seine besseren Romane kennen, ist das eine besondere Enttäuschung. Nicht weil ein erfolgreicher Autor mit jedem neuen Buch seine bisherigen Leistungen übertreffen müsste. Wohl aber, weil man von einem so erfahrenen Erzähler erwarten darf, dass er zwischen einem spannenden Thriller und einer bloßen Aneinanderreihung spektakulärer Einfälle zu unterscheiden weiß.
Am Ende steht ein Cliffhanger, der unmissverständlich auf eine Fortsetzung verweist. Nur hat Baldacci bis dahin erstaunlich wenig dafür getan, dass man unbedingt erfahren möchte, wie es mit Walter Nash weitergeht. Vielleicht ist das der eigentliche Absturz dieses Romans: Nicht sein Held verliert den Boden unter den Füßen, sondern die Geschichte den Leser.
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Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 2. November 2026