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Buchkritik -- Andreas Eschbach -- Novembersommer

Umschlagfoto, Buchkritik, Andreas Eschbach, Novembersommer, InKulturA Wenn eine große Idee an ihren Figuren scheitert

Der Klimawandel schreitet voran, und was vor wenigen Jahrzehnten noch als düstere Zukunftsprognose galt, gehört längst zur meteorologischen Wirklichkeit. Temperaturen von über 40 Grad sind auch in Europa keine exotische Ausnahme mehr. Die Frage, wie sich eine weitere Erderwärmung verhindern oder wenigstens verlangsamen ließe, beschäftigt nicht mehr allein die Wissenschaft. Sie ist zu einer politischen und zunehmend existenziellen Frage geworden. Was aber geschieht, wenn die Geduld mit den politischen Entscheidungsträgern erschöpft ist und sich eine Gruppe von Menschen anmaßt, das Schicksal des Planeten selbst in die Hand zu nehmen?

Genau hier setzt Andreas Eschbach mit seinem Roman „Novembersommer“ an. Die Umweltbewegung GREENFORCE, angeführt von dem eloquenten und charismatischen Klimawissenschaftler Dr. Frederick Rookwerper, hält die Bemühungen der Regierungen zur Eindämmung des Klimawandels für hoffnungslos unzureichend. Rookwerper, dessen wissenschaftliche Autorität und persönliche Integrität sich im weiteren Verlauf allerdings als durchaus fragwürdig erweisen, verfolgt einen ebenso ambitionierten wie riskanten Plan: Durch einen groß angelegten Eingriff in das globale Klimasystem, sogenanntes Geo-Engineering, soll der weitere Temperaturanstieg vorübergehend gebremst werden. Gewissermaßen eine technische Atempause für die Menschheit, bis die Weltwirtschaft auf erneuerbare Energien umgestellt werden kann.

Das klingt zunächst nach einer faszinierenden Ausgangslage für einen Wissenschaftsthriller. Zumal Eschbach noch eine weitere Ebene einzieht: GREENFORCE wird von mächtigen Akteuren als Tarnung für eigene Interessen instrumentalisiert. Hinter dem vermeintlich altruistischen Versuch, die Welt vor der Klimakatastrophe zu bewahren, verbergen sich Absichten, die mit dem öffentlich propagierten Idealismus wenig gemein haben.

Darin steckt beträchtliches erzählerisches Potenzial. Schließlich berührt Eschbach eine Frage, die weit über die Klimadebatte hinausreicht: Wer darf Entscheidungen treffen, deren Folgen möglicherweise die gesamte Menschheit betreffen? Und wie schnell kann aus dem moralischen Anspruch, das Richtige zu tun, eine Selbstermächtigung werden, die sich jeder demokratischen Kontrolle entzieht? Gerade die Verbindung von wissenschaftlicher Machbarkeit, politischer Ohnmacht und menschlichem Größenwahn hätte einen Thriller von erheblicher gesellschaftlicher Sprengkraft ergeben können.

Leider ist aus diesem vielversprechenden Ansatz kein entsprechend überzeugender Roman geworden.

Dabei liegt das Problem keineswegs in der wissenschaftlichen Grundlage. Eschbach versteht es durchaus, komplexe Zusammenhänge verständlich darzustellen, ohne seine Leser mit einem Übermaß an Fachterminologie zu überfordern. Die Überlegungen zum Geo-Engineering und die möglichen Konsequenzen eines solchen Eingriffs in das Klimasystem gehören zu den interessanteren Passagen des Buches. Hier zeigt sich jener Autor, dessen Stärke seit jeher darin besteht, technische und wissenschaftliche Entwicklungen gedanklich weiterzuführen und aus ihnen beunruhigende Zukunftsszenarien abzuleiten.

Doch ein guter wissenschaftlicher Einfall macht noch keinen guten Thriller. Dazu bedarf es glaubwürdiger Figuren, einer dramaturgisch überzeugenden Entwicklung und vor allem jener Spannung, die den Leser dazu bringt, das Buch nicht aus der Hand legen zu wollen. Ausgerechnet daran mangelt es „Novembersommer“ in erheblichem Maße.

Eschbach bevölkert seine Geschichte mit Charakteren, deren Verhalten immer wieder an der Grenze zur Unglaubwürdigkeit operiert. Ihre emotionalen Verwicklungen nehmen einen Raum ein, der in keinem überzeugenden Verhältnis zur eigentlichen Tragweite des Geschehens steht. Während im Hintergrund nichts Geringeres als das klimatische Gleichgewicht der Erde auf dem Spiel steht, verlieren sich die handelnden Personen in Herzschmerz, persönlichen Befindlichkeiten und emotionalen Irrungen und Wirrungen. Stellenweise fühlt man sich weniger an einen anspruchsvollen Wissenschaftsthriller als an einen Jugendroman erinnert, dessen Figuren vor allem damit beschäftigt sind, ihre Gefühlswelt zu sortieren.

Nun spricht grundsätzlich nichts dagegen, eine globale Katastrophe aus der Perspektive individueller Schicksale zu erzählen. Im Gegenteil: Erst durch persönliche Betroffenheit erhalten abstrakte Bedrohungen häufig ihre eigentliche erzählerische Wucht. Doch dazu müssten die privaten Konflikte mit dem übergeordneten Geschehen auf eine Weise verwoben sein, die dessen Dramatik verstärkt. Bei Eschbach bewirken sie häufig das Gegenteil. Sie unterbrechen den ohnehin wenig zwingenden Spannungsaufbau und lassen die eigentliche Geschichte immer wieder ins Hintertreffen geraten.

Hinzu kommen Aktionen, deren Plausibilität man besser nicht allzu gründlich hinterfragt. Die Befreiung Josephines aus dem Gefängnis ist dafür ein besonders augenfälliges Beispiel. Natürlich darf ein Thriller mit unwahrscheinlichen Situationen spielen; das Genre lebt nicht zuletzt von außergewöhnlichen Ereignissen. Doch zwischen einer überraschenden Wendung und einer erzählerischen Konstruktion, die dem Leser einiges an Gutgläubigkeit abverlangt, besteht ein erheblicher Unterschied. Eschbach überschreitet diese Grenze leider mehr als einmal.

Besonders enttäuschend gerät schließlich das Ende. Ohne dessen Inhalt vorwegzunehmen, sei nur so viel gesagt: Nach all den wissenschaftlichen Überlegungen und der beträchtlichen Tragweite des Ausgangsszenarios hätte man eine Auflösung erwarten dürfen, die dem zuvor aufgebauten Anspruch wenigstens annähernd gerecht wird. Stattdessen präsentiert Eschbach einen Schluss, der nicht nur unbefriedigend wirkt, sondern geradezu peinlich anmutet. Was möglicherweise als besonderer erzählerischer Einfall gedacht war, hinterlässt eher den Eindruck, als habe der Autor keinen überzeugenden Weg gefunden, seine Geschichte zu Ende zu bringen.

Das eigentliche Ärgernis an „Novembersommer“ liegt deshalb weniger darin, dass der Roman misslungen ist, sondern darin, dass seine Ausgangsidee so viel mehr versprochen hat. Eschbach verfügt über das erzählerische Rüstzeug, um aus wissenschaftlichen Gedankenspielen spannende Literatur zu entwickeln. Umso bedauerlicher ist es, wenn ein Stoff von solcher Aktualität und Brisanz in einer Handlung versandet, deren emotionale Überfrachtung und mangelnde Glaubwürdigkeit die interessanteren Aspekte zunehmend verdrängen.

Ein Thriller muss nicht auf jeder Seite mit dramatischen Wendungen aufwarten. Spannung kann ebenso aus einer klugen gedanklichen Zuspitzung entstehen, aus der allmählichen Erkenntnis, dass eine zunächst vernünftig erscheinende Entscheidung unabsehbare Folgen nach sich zieht. Gerade das Thema Geo-Engineering hätte sich dafür angeboten. Denn die Vorstellung, die Menschheit könne ein von ihr selbst beschädigtes Klimasystem durch einen weiteren gewaltigen technischen Eingriff wieder unter Kontrolle bringen, besitzt bereits eine gehörige Portion tragischer Ironie.

Eschbach streift diese Dimension, schöpft sie aber erzählerisch nicht aus. Seine wissenschaftlichen Überlegungen sind interessanter als die Geschichte, in die er sie eingebettet hat. Und seine Figuren wirken über weite Strecken zu konstruiert, um die Dramatik glaubhaft zu tragen.

So bleibt „Novembersommer“ ein Roman mit viel Ambition, einer bemerkenswert aktuellen Grundidee und leider erstaunlich wenig literarischer Substanz. Wer einen spannenden Wissenschaftsthriller erwartet, dürfte enttäuscht werden. Die interessanten wissenschaftlichen Ansätze allein können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es dem Buch ausgerechnet an dem mangelt, was einen Thriller im Innersten zusammenhält: erzählerischer Spannung.

Die Welt steht auf dem Spiel. Nur leider fiebert man als Leser kaum noch mit.




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Veröffentlicht am 19. Oktober 2026