```

Buchkritik -- Juli Zeh -- Pony Show

Umschlagfoto, Buchkritik, Juli Zeh, Pony Show, InKulturA Wenn aus Gesellschaftskritik eine Seifenoper wird

Man, in diesem Fall Frau, nehme: eine toxische Beziehung zwischen der Leiterin eines Literaturverlags und einem deutlich jüngeren Mann. Ist es die späte Liebe einer Frau jenseits der fünfzig, die in ihrem Angestellten endlich das zu erkennen glaubt, was ihr bislang gefehlt hat? Oder handelt es sich lediglich um eine jener Verbindungen, in denen einer gibt, während der andere nimmt? Beruht das Gefühl auf Gegenseitigkeit, oder dient die ältere Frau ihrem jungen Liebhaber lediglich als Sprungbrett für dessen persönliche und berufliche Ambitionen?

Man nehme weiterhin einen Anwalt namens Mark, der die Geschichte erzählt und zunehmend in den Bann dieser Frau gerät. Dabei hat er eigentlich eine ganz andere Aufgabe: Er soll Betty vor Gericht gegen den Vorwurf verteidigen, ihren Angestellten ermordet zu haben. Dessen Leiche ist allerdings verschwunden. Dafür finden sich eine blutbefleckte Pistole und Falschgeld im Kofferraum seiner Chefin. Ein durchaus brauchbarer Ausgangspunkt für einen Kriminalfall, könnte man meinen.

Dazu gebe man eine ordentliche Portion Kritik an den sogenannten sozialen Netzwerken, in denen sich jeder, der über reichlich Tagesfreizeit, aber nicht unbedingt über intellektuelle Kompetenz verfügt, mit seiner Meinung an die Öffentlichkeit drängen darf. Etwas Patriarchatskritik darf ebenfalls nicht fehlen, ebenso wenig die obligatorische Abrechnung mit dem alten weißen Mann. Man rühre alles kräftig durcheinander und fertig ist ein Roman, der zunächst einiges verspricht, am Ende aber erstaunlich wenig davon einlöst.

Betty und Fero, die beiden Liebenden, die sich über gesellschaftliche Konventionen und vermeintliche Altersgrenzen hinwegsetzen, sind derart klischeehaft gezeichnet, dass man sich bisweilen fragt, ob Juli Zeh ihren Figuren überhaupt zutraut, ein Eigenleben zu entwickeln. Sie, die erfolgreiche und deutlich ältere Verlegerin; er, der junge Mann, der von der Beziehung nicht zuletzt beruflich profitiert. Das ist als Konstellation durchaus geeignet, gesellschaftliche Erwartungen und tradierte Rollenbilder infrage zu stellen. Nur müsste man dafür zunächst Menschen erschaffen, die über ihre Funktion innerhalb dieser Versuchsanordnung hinausgehen. Das gelingt hier kaum. Und ja, vertauschte man die Geschlechter, wäre die Geschichte keineswegs überzeugender. Ein alter Mann und eine junge Frau, die sich in einer ähnlich konstruierten Beziehung begegnen, würden vermutlich ebenso wenig über die Peinlichkeit ihrer Rollenklischees hinauskommen.

Nicht minder misslungen erscheint mir die Figur des Verteidigers Mark. Dass sich ein Anwalt von seiner Mandantin faszinieren lässt, mag als Ausgangspunkt für eine Geschichte über Projektionen, Begehren und den Verlust professioneller Distanz durchaus reizvoll sein. Doch Marks zunehmende Fixierung auf Betty nimmt bald manische Züge an. Sein berufliches und privates Verhalten verliert dabei jede überzeugende innere Logik. Was psychologisch interessant werden könnte, verkommt zur dramaturgischen Konstruktion, die vor allem dazu dient, die Handlung am Laufen zu halten.

Überhaupt scheint Juli Zeh diesmal zu viel auf einmal erzählen zu wollen. Der Roman führt durch das Innenleben eines Literaturverlags, die Mechanismen gerichtlicher Auseinandersetzungen, das taktische Wechselspiel zwischen Anklage und Verteidigung und schließlich durch die emotional aufgeladenen Kämpfe um Aufmerksamkeit und Deutungshoheit in den sozialen Netzwerken. Dazu kommt die Frage, was wir eigentlich für Liebe halten und was wir bereit sind, dafür zu tun. Das sind durchaus interessante Themen. Nur ergeben sie noch keinen überzeugenden Roman. Statt sich gegenseitig zu vertiefen, stehen sie häufig nebeneinander und konkurrieren um die Aufmerksamkeit des Lesers.

Besonders schade ist, dass die gesellschaftskritische Absicht dabei zunehmend unter die Räder gerät. Was als Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen, Machtverhältnissen und den Zumutungen einer medial aufgeheizten Öffentlichkeit gedacht sein mag, verliert im Verlauf der Handlung an Schärfe. Die Figuren werden zu Stichwortgebern, die Konflikte zu dramaturgischen Versatzstücken. Und die vermeintliche Provokation erschöpft sich irgendwann in der Wiederholung jener Klischees, die sie eigentlich entlarven wollte.

So wird aus der angekündigten kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Verhältnissen mehr und mehr eine Seifenoper für das Vormittagsprogramm der medialen Berieselungsanstalten. Nur dass diese hier nicht im Fernsehen, sondern auf gut fünfhundert Buchseiten stattfindet. Aus der „Pony Show“ wird eine Soap Opera.

Juli Zeh hat bessere Romane geschrieben. Deutlich bessere. Das ist vielleicht die eigentliche Enttäuschung: Nicht, dass eine Autorin einmal danebengreift, sondern dass eine Schriftstellerin, die durchaus bewiesen hat, wie präzise sie gesellschaftliche Entwicklungen literarisch erfassen kann, sich diesmal mit einer Geschichte begnügt, deren Anspruch und erzählerische Wirklichkeit so weit auseinanderliegen.




Meine Bewertung:Bewertung

Veröffentlicht am 8. November 2026