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Das Feuer des Prometheus
Kann ein mehr als 2500 Jahre alter Mythos einem Menschen der Gegenwart noch etwas sagen? Aber ja doch. Vielleicht sogar mehr, als uns lieb sein kann. Prometheus ist schließlich nicht irgendeine Figur aus dem antiken Personalbestand, die man bei Gelegenheit aus dem kulturellen Gedächtnis hervorholt, um sich daran zu erinnern, dass auch die Griechen schon ziemlich gute Geschichten erzählen konnten. Sein Geschenk an die Menschheit ist von einer eigentümlichen Haltbarkeit – und von Anfang an ambivalent.
Prometheus, einer der Titanen und damit keineswegs ein gleichberechtigter Bewohner des Olymp, legt sich mit seinem Chef, dem Göttervater Zeus, an. Bei einem Tieropfer trickst er ihn aus und hält das Fleisch für die Menschen zurück, während für Zeus nur die weniger appetitlichen Überreste bleiben. Der Gott ist erwartungsgemäß wenig amüsiert und verweigert den Menschen das Feuer. Prometheus stiehlt es kurzerhand und bringt es ihnen zurück. Dafür lässt Zeus ihn im Kaukasus an einen Felsen schmieden. Ein Adler kommt regelmäßig vorbei und frisst seine Leber, die sich ebenso regelmäßig erneuert. Eine Strafe, die selbst nach antiken Maßstäben etwas übermotiviert wirkt.
Doch das Entscheidende an der Geschichte ist nicht die Grausamkeit der Bestrafung, sondern das, was Prometheus den Menschen mit dem Feuer tatsächlich übergibt. Denn Feuer ist weit mehr als eine praktische Wärmequelle. Mit ihm beginnt die Beherrschung der Natur, und damit beginnt jene Geschichte, die wir heute Fortschritt nennen, ohne immer genau zu wissen, was wir damit eigentlich meinen. Technik, Arbeit, Freiheit und Abhängigkeit liegen plötzlich dicht beieinander. Das Feuer wärmt und verbrennt. Es macht unabhängig und schafft neue Abhängigkeiten. Es eröffnet Möglichkeiten und erzeugt zugleich Macht.
Genau hier setzt Jonas Grethlein mit „Prometheus: Die Macht eines Mythos“ an. Er nimmt den antiken Stoff nicht als hübsche literarische Antiquität, sondern als eine Art geistigen Resonanzkörper, in dem sich die großen Fragen der Moderne erstaunlich deutlich spiegeln. Seine Reise beginnt bei den antiken Philosophen und führt weit über Frankenstein und die Marx’sche Ideologie bis zu Heideggers Seinsphilosophie, zur Atombombe und schließlich zu Elon Musk, der nicht nur Elektroautos baut, sondern – zumindest in seinen ambitioniertesten Zukunftsentwürfen – gleich die Menschheit auf den Mars schicken möchte. Wenn das kein prometheisches Streben ist, was dann?
Grethlein folgt dabei einer faszinierenden Spur: Das Feuer steht für den menschlichen Zugriff auf die Welt, für die Fähigkeit, sich die Natur dienstbar zu machen und die eigenen Grenzen zu überschreiten. Aber eben darin liegt die Gefahr. Wer über ein immer mächtigeres Werkzeug verfügt, wird nicht automatisch freier. Er kann vielmehr neue Formen der Abhängigkeit schaffen, neue Herrschaftsverhältnisse und neue Risiken. Der Fortschritt hat keine eingebaute moralische Richtung. Er geht voran – wohin, entscheidet sich erst im Umgang mit dem, was er hervorbringt.
Das ist die eigentliche Stärke des Prometheus-Mythos. Er erzählt nicht von einem guten oder bösen Feuer. Er erzählt davon, dass ein Geschenk zugleich Fluch sein kann. Die Menschheit erhält mit dem Feuer eine ungeheure Macht und muss von diesem Moment an mit den Folgen dieser Macht leben. Vielleicht ist das sogar die modernste Seite des Mythos: Nicht die Erfindung selbst ist das Problem, sondern die Frage, was wir aus ihr machen.
Grethlein zeigt, wie sich diese Ambivalenz durch die Geschichte der Prometheus-Rezeption zieht. Die jeweils neuen Deutungen des Mythos sind dabei weniger bloße Kommentare zu einer alten Geschichte als Spiegel ihrer eigenen Zeit. Was eine Epoche in Prometheus erkennt, sagt deshalb mindestens ebenso viel über diese Epoche wie über den Titanen. Mal erscheint er als Befreier, mal als Rebell, mal als Symbol des technischen Fortschritts, mal als Warnfigur vor der Selbstüberschätzung des Menschen. Und manchmal ist er vermutlich alles zugleich.
Die Themen, die dabei sichtbar werden – Technik, Freiheit und Arbeit –, sind keineswegs museale Kategorien. Sie bestimmen unser modernes Leben in einem Maß, das uns gerade deshalb leicht entgeht, weil wir uns an ihre Folgen gewöhnt haben. Wir leben längst in einer Welt, die von prometheischem Denken geprägt ist: Was technisch möglich ist, soll gemacht werden; was noch nicht möglich ist, wird zum Gegenstand unserer Anstrengungen. Die Grenze zwischen Können und Dürfen wird dabei zunehmend unscharf.
Besonders deutlich wird das gegenwärtig in der Diskussion über Künstliche Intelligenz. Wieder haben wir ein Feuer entfacht, dessen Möglichkeiten weit über das hinausgehen, was wir im Einzelnen bereits verstehen. Es kann unser Leben erleichtern, Wissen zugänglicher machen und neue Formen menschlicher Tätigkeit ermöglichen. Es kann aber ebenso Abhängigkeiten verstärken, Macht konzentrieren und Bereiche verändern, deren gesellschaftliche Folgen kaum abzusehen sind. Das alte Problem des Prometheus ist damit plötzlich wieder erstaunlich gegenwärtig: Der Mensch kann etwas tun. Aber folgt daraus, dass er es auch tun sollte?
„Prometheus: Die Macht eines Mythos“ ist deshalb weniger ein Buch über eine antike Sagengestalt als über unseren eigenen Umgang mit Macht. Grethlein zeigt, wie sich Vergangenheit und Gegenwart ineinander spiegeln und wie erstaunlich wenig sich an der Grundfrage geändert hat. Das Feuer ist inzwischen digital geworden, vielleicht unsichtbarer und deshalb umso schwerer zu greifen. Aber es bleibt Feuer.
Die Frage lautet also nicht, ob wir es besitzen dürfen. Das haben wir längst entschieden. Die interessantere und unangenehmere Frage ist, was wir mit ihm anfangen – und ob wir noch wissen, wer eigentlich wen beherrscht: der Mensch das Feuer oder das Feuer den Menschen.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 30. September 2026