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Buchkritik -- Charles den Tex -- Der vergessene Spion

Umschlagfoto, Buchkritik, Charles den Tex, Der vergessene Spion, InKulturA Wenn die Wahrheit zur Tarnung wird

„Der vergessene Spion“ von Charles den Tex ist der dritte Band der Repair-Club-Reihe um den ehemaligen Spion und Geheimdienstchef John Antink. Der Roman beginnt vergleichsweise harmlos bei einer Veranstaltung des Repair Clubs, jenem Ort also, an dem Dinge, die ihren Dienst versagt haben, wieder instand gesetzt werden sollen. Eine hübsche Ironie, denn mit der Reparatur von Menschen ist es bekanntlich ungleich schwieriger. Und diesmal bleibt es ohnehin nicht beim Reparieren: Eine Bombe explodiert, in der folgenden Unübersichtlichkeit wird die Kollegin Alisja Calder entführt, und plötzlich sind Vergangenheit und Gegenwart nicht mehr sauber voneinander zu trennen. Für John Antink beginnt damit eine Reise in jene Jahre, in denen er selbst zum Spion wurde – und in eine Vergangenheit, die offenbar noch längst nicht bereit ist, Vergangenheit zu sein.

Charles den Tex versteht es wie schon in den beiden Vorgängerromanen, Informationen nicht einfach auszubreiten, sondern sie dosiert und mit beinahe diabolischer Geduld preiszugeben. Der Leser bekommt gerade genug, um einen Verdacht zu entwickeln, aber selten genug, um sich seiner sicher sein zu können. Kaum scheint ein Zusammenhang erkennbar, verschiebt sich die Perspektive, taucht eine neue Information auf, und das vermeintlich sichere Wissen beginnt wieder zu bröckeln. Spannung entsteht hier nicht allein aus der Frage, was als Nächstes geschieht. Sie entsteht aus der viel unangenehmeren Frage, wem man überhaupt noch glauben darf.

Denn genau darin liegt die eigentliche Faszination dieses Romans. Die Welt der Spione ist eine Welt, in der die Wahrheit keinen sonderlich hohen Kurs besitzt. Wer seinen Beruf darin sieht, Informationen zu beschaffen, zu verbergen, zu verfälschen oder andere Menschen über seine Absichten im Unklaren zu lassen, kann Vertrauen nicht einfach voraussetzen. Vertrauen wird zur Schwachstelle. Eine Lüge kann schützen, eine andere Lüge kann töten, und manchmal ist der Verrat nichts anderes als die logische Konsequenz einer Loyalität gegenüber jemand anderem. Moralische Gewissheiten geraten unter den Druck des Auftrags. Richtig und falsch sind nicht verschwunden, aber sie werden gefährlich relativ.

Für John Antink ist das keine theoretische Angelegenheit. Seine Vergangenheit, insbesondere seine Erlebnisse im Libanon, hat ihn gelehrt, dass ein Spion irgendwann selbst zum Gefangenen seiner Geheimnisse werden kann. Wer jahrelang andere täuscht, muss damit leben, dass auch ihm niemand mehr ohne Weiteres glaubt. Vielleicht ist das die eigentliche Tragik dieses Berufs: Man lernt, eine Rolle so überzeugend zu spielen, dass am Ende die Grenze zwischen Tarnung und Persönlichkeit zu verschwimmen beginnt. Der Spion verbirgt sich vor seinen Gegnern, vor seinen Auftraggebern, vor seinen Freunden – und irgendwann womöglich vor sich selbst.

Den Tex macht daraus allerdings kein philosophisches Traktat über die Moral der Geheimdienste. Er erzählt vielmehr eine Geschichte, in der diese moralische Verunsicherung permanent spürbar bleibt. Der Wechsel zwischen der Gegenwart und Antinks Vergangenheit, insbesondere den Ereignissen um 1975, verleiht dem Roman dabei eine eigentümliche Spannung. Was einst geschehen ist, wirkt in der Gegenwart weiter; was der Leser über die Vergangenheit erfährt, verändert wiederum den Blick auf den Mann, den er in der Gegenwart vor sich hat.

Besonders wirkungsvoll ist die unterschiedliche Perspektivierung. Antinks Tagebuchaufzeichnungen aus dem Libanon stehen neben Alisjas Sichtweise und der Erzählung der gegenwärtigen Ereignisse aus der dritten Person. Dadurch entsteht ein reizvolles Spiel mit dem Wissen. Bisweilen weiß der Leser mehr als die Figuren und fühlt sich ihnen deshalb überlegen. Dann wiederum glaubt er, einen Zusammenhang verstanden zu haben, nur um wenig später feststellen zu müssen, dass auch seine eigene Gewissheit eine Form der Täuschung war. Den Tex macht den Leser damit gewissermaßen zum unfreiwilligen Mitspieler seines Spionspiels.

Über allem liegt ein Motiv, das stärker ist als die eigentliche Suche nach den Hintergründen der Ereignisse: der schleichende Verlust von Vertrauen. Misstrauen kommt nicht plötzlich. Es wächst in kleinen Verschiebungen, in einem Satz, der anders gemeint sein könnte, in einer Information, die zu spät kommt, in einer Erinnerung, deren Zuverlässigkeit plötzlich fragwürdig wird. Verrat ist deshalb nicht nur der große dramatische Moment, in dem jemand die Seiten wechselt. Verrat beginnt bereits dort, wo man sich fragt, ob der andere vielleicht niemals auf derselben Seite gestanden hat.

Und damit kommt eine weitere, vielleicht melancholischere Dimension des Spionagelebens ins Spiel: die Einsamkeit. Wer nichts von sich preisgeben darf, kann auch keine wirkliche Nähe zulassen. Wer ständig damit rechnen muss, dass Beziehungen Teil einer Operation sein könnten, verliert irgendwann den Boden unter den zwischenmenschlichen Gewissheiten. Der Spion lebt unter Menschen und bleibt ihnen doch fern. Er kennt ihre Geheimnisse, während sie seines nicht kennen dürfen. Was von außen nach Macht aussieht, erweist sich bei näherem Hinsehen als eigentümliche Form der Isolation.

John Antink ist deshalb weit mehr als der abgeklärte ehemalige Geheimdienstmann, der noch einmal von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Er ist ein Mann, der mit den Folgen eines Lebens konfrontiert wird, in dem Wahrheit und Lüge zu Werkzeugen geworden sind. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb die Frage nach seiner Person am Ende schwerer wiegt als die Frage nach der Lösung des Falls: Kennt man John Antink wirklich, wenn man das Buch zugeschlagen hat? Oder kennt man nur die Version von ihm, die er bereit ist, preiszugeben?

Den Tex lässt diese Frage erfreulicherweise offen. Er muss seinen Protagonisten nicht psychologisch bis auf den letzten Knochen ausleuchten. Es genügt, ihn in jener Grauzone stehen zu lassen, in der sich Geheimnis und Erinnerung, Schuld und Loyalität, Lüge und Wahrheit gegenseitig überlagern. Gerade dadurch gewinnt „Der vergessene Spion“ seine eigentliche Spannung. Nicht nur, weil man wissen möchte, was geschehen ist. Sondern weil man irgendwann begreift, dass die entscheidende Frage lautet, wie viel Wahrheit ein Mensch überhaupt aushält, wenn sein ganzes Leben darauf beruht hat, sie zu verbergen.

Die Lektüre der beiden ersten Bände ist empfehlenswert, um die Figuren und ihre Vorgeschichte vollständig einordnen zu können. „Der vergessene Spion“ funktioniert jedoch vor allem als jener seltene Thriller, der seine Spannung nicht allein aus Gefahr und Verfolgung bezieht, sondern aus der viel tiefer reichenden Unsicherheit darüber, wem man glauben kann.

Eine klare Leseempfehlung – für „Der vergessene Spion“ und für die gesamte Repair-Club-Reihe.




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Veröffentlicht am 27. August 2026