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Wenn der Schutzraum zur Hölle wird
Nach Jahrzehnten unaufhörlicher Katastrophen steht Amerika am Rand des ökologischen und gesellschaftlichen Zusammenbruchs. Während für die meisten Menschen draußen der Kampf ums nackte Überleben beginnt, haben sich einige wenige längst auf das Ende der Welt vorbereitet. Der Milliardär John Brandt gehört dazu. Gemeinsam mit seiner Familie und einigen Angestellten zieht er sich in „Sanctuary“ zurück, eine ehemalige Abschussbasis für Interkontinentalraketen, die zum luxuriösen Bunker umgebaut wurde. Hier unten soll das Überleben gelingen – notfalls über Jahre hinweg, abgeschottet von einer Welt, die Brandt offenbar längst abgeschrieben hat.
Doch ein Bunker ist immer auch eine Grenze. Und Grenzen stellen die unangenehme Frage, wer eigentlich auf welcher Seite stehen darf. Für Tom Grady, seine Frau und ihr neugeborenes Kind ist „Sanctuary“ zunächst die letzte Hoffnung. Gemeinsam mit einigen Nachbarn versucht Tom, ebenfalls Zugang zu dem Schutzraum zu erhalten. Brandt allerdings setzt alles daran, die Menschen draußen zu halten. Sein Besitz endet dort, wo das Überleben der anderen beginnen würde. Aus dem Zufluchtsort wird damit sehr schnell ein Ort der Entscheidung: Wer darf hinein, wer muss draußen bleiben – und wie weit darf man gehen, um die eigene Welt gegen die der anderen zu verteidigen?
James Clearys „Sanctuary“ ist ein packender Dystopie-Thriller, der seine Geschichte nicht lange vorbereitet, sondern den Leser unmittelbar in den Ausnahmezustand wirft. Von der ersten Seite an herrscht Bewegung, und die Spannung entsteht dabei nicht allein aus der Frage, was als Nächstes geschieht. Viel beunruhigender ist die Frage, was Menschen tun, wenn die gesellschaftlichen Regeln, auf die sie sich bislang verlassen konnten, ihre Gültigkeit verlieren. Der Bunker wird so zum Versuchslabor menschlichen Verhaltens – und zu einem ziemlich ungemütlichen.
Cleary zeichnet dabei kein simples Bild von Guten und Bösen. Seine Figuren geraten in Situationen, in denen moralische Entscheidungen plötzlich einen Preis haben, den man vorher nicht kalkulieren konnte. Gerade darin liegt eine der Stärken des Romans. Brutalität und menschlicher Anstand stehen sich nicht einfach gegenüber; sie gehen ineinander über. Wer um das Leben seiner Familie kämpft, kann dabei zum Täter werden, ohne sich selbst als solchen zu begreifen. Und wer über Reichtum und Macht verfügt, muss sich seine Skrupel offenbar nicht unbedingt leisten.
Vor allem Tom Grady wird zur Figur dieses moralischen Grenzgangs. Seine Angst und Verzweiflung sind ebenso unmittelbar spürbar wie der gnadenlose Egoismus John Brandts. Die wechselnden Perspektiven verleihen der Geschichte zusätzliche Tiefe, weil der Zusammenbruch nicht nur von einer Seite aus betrachtet wird. Man erlebt die Panik derjenigen, die draußen stehen, ebenso wie die zunehmende Bedrohung innerhalb des vermeintlich sicheren Bunkers. Denn Sicherheit ist in „Sanctuary“ ein fragiles Versprechen. Je länger die Menschen unter der Erde bleiben, desto deutlicher zeigt sich, dass man sich vor der Außenwelt vielleicht verbarrikadieren kann – vor sich selbst allerdings nicht.
Über allem steht die Frage, wie weit ein Mensch gehen würde, um diejenigen zu retten, die er liebt. James DeVita, der unter dem Namen Cleary schreibt, führt diese Frage mit bemerkenswerter Konsequenz vor. Je stärker der gesellschaftliche Zusammenbruch voranschreitet, desto mehr geraten moralische und ethische Normen unter Druck. Was gestern noch undenkbar war, erscheint plötzlich notwendig; was notwendig erscheint, wird zur Rechtfertigung für die nächste Grenzüberschreitung. Der vielbeschworene zivilisatorische Firnis erweist sich als erstaunlich dünn.
Und vielleicht liegt gerade darin der Reiz dieses Thrillers. „Sanctuary“ erzählt zwar von Katastrophe, Gewalt und Überleben, aber sein eigentliches Thema ist die Gesellschaft, die sich in der Katastrophe auflöst. Der Bunker schützt vor der zerstörten Welt – nicht jedoch vor der menschlichen Natur. Am Ende steht deshalb weniger die Frage, ob die Menschheit eine Katastrophe überleben kann, sondern welche Menschheit danach überhaupt noch übrig ist.
„Sanctuary“ ist ein intensiver, beklemmender und intelligent erzählter Thriller, der seine Spannung aus einer denkbar einfachen, gerade deshalb so wirkungsvollen Konstellation bezieht: Die einen haben einen Schutzraum, die anderen wollen hinein. Cleary macht daraus weit mehr als ein bloßes Überlebensszenario. Ein beeindruckend souveränes Debüt.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 19. September 2026