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Fiktionen – ein literarisches Fiasko?
Tony Tulathimuttes „Fiktionen“ begleitet in einer Reihe miteinander verbundener Kurzgeschichten eine exzentrische Gesellschaft von Figuren bei ihren mehr oder weniger vergeblichen Auseinandersetzungen mit Zurückweisung. Die Verbindungen zwischen den einzelnen Charakteren werden dabei zunehmend dichter, bis schließlich auch der Autor selbst in das Geflecht hineingezogen wird. Es ist ein ausgesprochen meta-lastiges Buch, eine Satire auf die eigentümlichen Neurosen des digitalen Zeitalters, auf Online-Diskurse, Identitätspolitik und jene Persönlichkeitstypen, die sich mit einigem Recht außerhalb dessen bewegen, was man den emotionalen Mainstream nennen könnte. Man tritt ihnen vermutlich nicht zu nahe, wenn man sie als gestört bezeichnet.
Tulathimuttes Witz und seine Beobachtungsgabe sind dabei ohne Frage bemerkenswert. Seine Charakterstudien sind schonungslos, bisweilen brillant, und wer Freude daran hat, menschliche Abgründe mit einem Skalpell aus Internetjargon zu sezieren, dürfte sich bestens unterhalten fühlen. Der Autor versteht es, seinen Figuren ihre psychischen Verrenkungen nicht nur anzusehen, sondern sie in all ihrer peinlichen Konsequenz vorzuführen. Gelegentlich hält er dabei auch seinen Lesern einen Spiegel vor – sofern diese zu den Geistesverwandten seiner Figuren gehören.
Aber reicht das aus, um aus all dem einen guten Roman zu machen? Für die lustvoll stöhnenden Feuilletonisten, die vermutlich schon beim fiktiven Drehbuch des Protagonisten in „Agegao“ vor Begeisterung die literarischen Champagnergläser heben, offenbar schon. Für alle anderen stellt sich die etwas unerquicklichere Frage, was jenseits der demonstrierten Cleverness eigentlich übrig bleibt.
Nicht besonders viel.
„Fiktionen“ liest sich über weite Strecken wie ein besonders cleverer Reddit-Beitrag, der sich irgendwann vorgenommen hat, ein Buch zu werden, und dann nicht mehr recht wusste, wie das funktionieren soll. Das ist zunächst durchaus amüsant. Tulathimutte kennt die Sprache, die Obsessionen und die Selbstbespiegelungsrituale der „Permanent-Online-Fraktion“ offenbar aus dem Effeff. Er weiß, wie Menschen, die ihr Leben zunehmend durch digitale Diskurse betrachten, ihre Kränkungen in Weltanschauungen verwandeln und ihre persönlichen Probleme mit erstaunlicher Ausdauer gesellschaftlich aufladen.
Nur ist das Internet selbst bereits eine gigantische Maschine zur endlosen Wiederholung genau solcher Diskurse. Man kann dort stundenlang darüber lesen, warum man sich zurückgewiesen fühlt, wer daran schuld ist, welche gesellschaftlichen Strukturen dafür verantwortlich sind und weshalb die eigene psychische Verfassung eigentlich ein politisches Statement darstellt. Das Material ist also reichlich vorhanden. Die literarische Aufgabe beginnt erst dort, wo ein Autor daraus etwas macht, das über die bloße, wenn auch brillante Reproduktion dieser Welt hinausweist.
Tulathimuttes Alleinstellungsmerkmal ist sein Vorstoß in die Welt des extremen Meta-Erzählens. In den letzten Abschnitten wird der Autor selbst zur Romanfigur und beginnt, seine eigene hypothetische Beziehung zum zentralen Thema der Zurückweisung zu sezieren. Das könnte der Höhepunkt des Buches sein. Vielleicht ist es das für manche Leser sogar. Nur ist die Konstruktion zugleich derart kompliziert und erstaunlich wenig riskant, dass sich der große erzählerische Sprung letztlich als besonders raffinierte Form des Absicherns erweist. Tulathimutte zieht sich selbst ins Zentrum seines Romans – und bleibt doch jederzeit Herr über das Experiment.
Gerade darin liegt eine gewisse Ironie. Ein Buch, das sich so intensiv mit Ablehnung beschäftigt, müsste eigentlich selbst etwas riskieren. Es müsste die Kontrolle verlieren, den Leser vor den Kopf stoßen, vielleicht sogar eine gewisse Ratlosigkeit erzeugen. Stattdessen errichtet Tulathimutte immer neue Meta-Ebenen, als könne die nächste erzählerische Volte verhindern, dass man sich auf eine der vorherigen festlegt. Das ist klug. Es ist stellenweise sogar verblüffend klug. Aber Klugheit ist noch kein Wagnis.
Dabei besitzt „Fiktionen“ durchaus eine Stärke, die man dem Roman nicht absprechen sollte: Tulathimutte vermag Ablehnung mit einer Luzidität darzustellen, die bisweilen unangenehm unmittelbar wird. Er beschreibt nicht nur die Kränkung, sondern die Neurosen, die sich aus ihr entwickeln können – und die eigentümliche Bereitschaft des Menschen, aus einer persönlichen Zurückweisung eine ganze Theorie über sich selbst und die Welt zu bauen. Identitätspolitik, Sexismus, soziale Netzwerke und Dating-Apps liefern dafür ein geradezu ideales Biotop.
Da ist etwa der schleichende Wandel eines Mannes zum „Incel“, der irgendwann erkennen muss, dass anbiedernder Feminismus beim Flirten nicht die erhofften Ergebnisse zeitigt. Da ist die junge Frau, die nach einem One-Night-Stand mit einem Freund in quälenden Gedankenschleifen gefangen bleibt. Und da ist die fetischisierte Entmenschlichung eines Mannes, der entdeckt, dass selbst das vermeintlich befreiende „Coming-out“ keineswegs das Ende gesellschaftlicher und psychischer Blasen bedeutet. Tulathimutte versteht es, diese Figuren in ihrer jeweiligen Selbstverstrickung sichtbar zu machen.
Nur ist gerade dieser Teil des Buches auch jener, bei dem mancher Leser – sofern er nicht gerade beruflich mit der literarischen Aufwertung solcher Zumutungen beschäftigt ist – versucht sein dürfte, das Buch beiseitezulegen. Nicht weil es zu provokant wäre. Provokation ist schließlich noch kein Qualitätsmerkmal. Sondern weil manches davon schlicht unappetitlich wird, ohne dass aus der Unappetitlichkeit zwangsläufig Erkenntnis entsteht.
Das eigentliche Problem von „Fiktionen“ ist deshalb weniger das Thema als dessen Überstrapazierung. Nach den ersten drei Erzählungen hat Tulathimutte sein Pulver eigentlich bereits weitgehend verschossen. Danach beharrt er über mehr als hundert Seiten auf denselben Grundmotiven, variiert sie, zerlegt sie, spiegelt sie und kommentiert sie erneut. Dazu kommt ein ermüdender digital-nerdiger Neusprech, der zunächst als stilistische Pointe funktioniert, mit zunehmender Dauer aber den unangenehmen Eindruck erweckt, hier werde die Sprache selbst zum Selbstzweck.
Auch die erzählerischen Volten werden irgendwann weniger überraschend als erwartbar. Das Meta-Spiel ist nur solange interessant, wie man nicht bereits beim nächsten Absatz darauf wartet, dass der Autor die gerade eröffnete Ebene wieder kommentiert. Irgendwann sitzt man nicht mehr im Roman, sondern betrachtet den Autor dabei, wie er seinen Roman betrachtet, während dieser wiederum seine Figuren dabei betrachtet, wie sie sich selbst betrachten. Das ist eine beeindruckende Konstruktion. Es ist nur nicht unbedingt eine unterhaltsame Lektüre.
Den Abschluss bildet ein Ablehnungsschreiben eines Verlags. Ob dieses tatsächlich vom Autor selbst verfasst wurde, muss man sich angesichts seiner Konstruktion natürlich fragen. Immerhin zeigt Tulathimutte damit, dass er sich der möglichen Rezeption seines Werkes durchaus bewusst ist. Allerdings erinnert das Verfahren auch ein wenig an misslungene Witze, die am Ende sicherheitshalber noch erklärt werden. Die Pointe wird nicht besser, wenn der Autor anschließend beweist, dass er weiß, dass sie möglicherweise nicht funktioniert.
Tulathimutte spinnt ein so komplexes Netz aus Meta-Ebenen, dass darin ausgerechnet das verloren geht, was sein Roman eigentlich sucht: eine wirkliche Zumutung, ein echtes Risiko, vielleicht sogar eine klare Zumutung an den Leser. Er simuliert seine eigenen Gefühle der Zurückweisung, ohne die Kontrolle weit genug abzugeben, um selbst zurückgewiesen werden zu können. Das ist womöglich sogar Teil seines Konzepts. Vielleicht soll genau diese Unmöglichkeit sichtbar werden. Vielleicht.
Nur bleibt dann die Frage, wie viel literarische Energie man darauf verwenden möchte, einem Autor dabei zuzusehen, wie er sich selbst beim Schreiben über die Schulter schaut.
Und damit landet man zwangsläufig bei der Frage nach der Zielgruppe. Vielleicht ist „Fiktionen“ tatsächlich ein Buch für unsere Gegenwart, weil es die digitale Selbstbespiegelung so präzise vorführt. Vielleicht ist es aber auch nur ein besonders elaboriertes Produkt eben jener digitalen Kultur, die es zu sezieren vorgibt. Mein persönlicher Favorit unter den möglichen Lesern bleibt jedenfalls eine etwas weniger schmeichelhafte Kategorie: Menschen, denen es nicht gelungen ist, die eigene Adoleszenz vollständig hinter sich zu lassen. Kindliche narzisstische Gemüter gibt es schließlich im digitalen Raum in jedem Alter.
„Fiktionen“ ein „Fiasko“? Nun ja. Ganz so weit würde ich nicht gehen.
Aber gefährlich nahe dran.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 16. September 2026