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Gerechtigkeit um jeden Preis
Renée Ballard, Leiterin der Abteilung für ungelöste Fälle beim Los Angeles Police Department, teilt viele Wesenszüge mit ihrem Mentor Harry Bosch. Wie er ist sie mutig, hartnäckig und geradezu besessen davon, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen, selbst wenn dies bedeutet, die Regeln zu beugen. In „Tote Tage" jongliert Renée mit mehreren Fällen gleichzeitig, während sie nebenbei die Suche nach ihrer Mutter fortsetzt, die sie im Alter von dreizehn Jahren im Stich ließ. Es ist diese Vielschichtigkeit der Figur, die Connellys Reihe weit über den durchschnittlichen Polizeithriller hinaushebt.
Im Zentrum der Ermittlungen steht ein Täter, der über einen Zeitraum von fünf Jahren hinweg Frauen in ganz Los Angeles angegriffen und eines seiner Opfer erwürgt hat. Ballard und ihr Team aus ehrenamtlichen Teilzeitmitarbeitern setzen DNA-Analysen und genetische Genealogie ein, um dem Unbekannten auf die Spur zu kommen. Parallel dazu gerät Renée in eine selbstverschuldete Zwickmühle: Während ihrer morgendlichen Surfrunde stiehlt jemand ihre Dienstwaffe, ihre Dienstmarke und ihre Brieftasche aus dem Auto. Den Vorfall zu melden würde disziplinarische Konsequenzen nach sich ziehen, also beschließt sie, den Dieb auf eigene Faust zu jagen. Eine Entscheidung, die schwerwiegende Folgen haben wird.
Connelly baut seine Erzählung mit einem großartigen Auftakt auf und gewinnt von dort stetig an Fahrt. Die Handlung verästelt sich zu einem komplexen kriminellen Geflecht, das den Leser durchgehend in Atem hält. Dabei ist es nicht zuletzt das sorgfältig gepflegte Figurenensemble, das der Reihe ihre besondere Tiefe verleiht: vertraute Gesichter kehren zurück, neue Charaktere bereichern das Tableau. Harry Bosch, längst eine feste Größe im literarischen Los Angeles, bleibt auch im Ruhestand aktiv und gibt seine herausragenden Ermittlerfähigkeiten an die nächste Generation weiter, allen voran an die junge Maddie, die bereits jetzt das Zeug zu einer erstklassigen Ermittlerin hat.
Was Connellys Werk seit jeher auszeichnet, ist sein schonungsloser Blick auf die inneren Strukturen der Strafverfolgungsbehörden: auf Politikspiele, persönliche Fehden und die institutionellen Zwänge, die aufrechten Ermittlern das Leben schwer machen. Renée Ballard verkörpert diesen Widerspruch in Person, eine scharfsinnige und furchtlose Heldin, die im Beruf kalkulierte Risiken eingeht, die sich auszahlen können, deren Impulsivität sie aber ebenso leicht in Gefahr bringen oder ihre Karriere aufs Spiel setzen könnte.
„Tote Tage" ist ein schonungsloser, beunruhigender und zum Nachdenken anregender Roman, und ein weiterer Beweis dafür, dass Michael Connelly nach Jahrzehnten im Genre nichts von seiner erzählerischen Kraft eingebüßt hat. Ein absolutes Muss für Fans der Reihe und für alle, die erstklassige Kriminalliteratur zu schätzen wissen.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 8. Juni 2026